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Literatur

19. August 2014

Said Sayrafiezadeh: „Seit 1991 sind wir im Krieg“

 Von Sebastian Moll
Der Schriftsteller Said Sayrafiezadeh.  Foto: BASSO CANNARSA

Der iranisch-amerikanische Schriftsteller Said Sayrafiezadeh wundert sich, dass nicht viel mehr Amerikaner darüber schreiben. Jetzt ist sein Erzählungsband "Kurze Berührungen mit dem Feind" auf Deutsch erschienen. Ein gemeinsamer Cafébesuch in New York.

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Said Sayrafiezadeh seufzt, als er seinen Fahrradhelm auf einem Ecktisch im Housing Works Bookstore in SoHo ablegt. Das New Yorker Antiquariat und Café war immerhin lange Zeit sein Arbeitszimmer.

„Ich habe hier etwa die Hälfte meiner Geschichten geschrieben“, sagt er. Erst vor kurzem hat er sich einen anderen Platz gesucht, weil er bei Housing Works zu viele Leute kannte und vor lauter Plaudern nicht mehr zum Schreiben kam.

Sogar welche Geschichte an welchem Tisch entstand, weiß der iranisch-amerikanische Schriftsteller noch: „Da drüben unter dem Balkon habe ich die Titelgeschichte geschrieben“, sagt er. „Kurze Berührungen mit meinem Feind“, heißen die Geschichte und der Band, der gerade auf Deutsch erschienen ist.

Es sind Geschichten aus einem entseelten, geistig ausgehöhlten Amerika, die auf dieser Seite des Atlantiks für ebenso viel Lob wie Aufruhr gesorgt haben. Amerika fühlt sich provoziert von dem Mann mit dem arabischen Namen. Mancher findet seine Vision von Amerika zu düster. Andere wiederum glauben, dass sein Porträt eines Landes, das in einem on Dauerkriegszustand lebt und vom Konsum erstickt wird, überfällig war.

Das Buch

Said Sayrafiezadeh: Kurze Berührungen mit dem Feind. Stories. A. d. Engl. von Bettina Abarbanell, Hanser Berlin 2014. 256 Seiten, 18,90 Euro.

Auf Sayrafiezadehs Sicht entstammen die Stories und das trübe Bild seiner Heimat, das sie zeichnen, einem intellektuellen Reifeprozess. Einem Prozess, der viel mit diesem Café an der Crosby Street zu tun hat. Hier begann er zu arbeiten, kurz nachdem sein Erinnerungsbuch „Eis essen mit Che“ erschienen war – mit dem er sich seine Nöte von der Seele geschrieben hatte. Jetzt war er frei und offen und auf der Suche nach etwas Neuem.

In „Eis essen mit Che“ erzählt Sayrafiezadeh von seiner beklemmenden Kindheit und Jugend. Sein Vater war in den 50er Jahren aus dem Iran in die USA gekommen, um hier Ingenieur zu werden. Doch stattdessen widmete er sein Leben der Politik.

Er trat der Sozialistischen Arbeiterpartei bei und das mitten in der McCarthy-Ära, als im ganzen Land eine Hexenjagd auf alles stattfand, was auch nur im entferntesten anti-kapitalistisch erschien. Weiter außerhalb der Gesellschaft konnte man sich damals nicht stellen.

Auch seine Mutter, eine gebürtige Jüdin aus dem Staat New York, wurde Vorkämpferin für die Sache. Das gesamte Familienleben kreiste um das Planen der Weltrevolution. Für den jungen Said Sayrafiezadeh war das im Rückblick traumatisch: „Wir waren immer anti alles.“ Dabei wünscht sich ein Jugendlicher doch eigentlich nichts mehr, als irgendwo dazu zugehören.

Er wollte ein normaler Amerikaner sein

Wirklich verstanden hat Said Sayrafiezadeh das allerdings erst später: Kurz nachdem er seine zukünftige Frau kennengelernt hatte und sie ihn fragte, was das eigentlich bedeute, ein Kommunist zu sein. „Ich konnte mir selbst gar nicht zuhören“, sagt er. „Ich habe ihr den ganzen vorgefertigten Quatsch vorgekaut und dabei gemerkt, dass ich mir eigentlich noch nie wirklich eigene Gedanken dazu gemacht hatte.“

Es war der Anfang von Sayrafiezadehs Emanzipation von seinem Vater. Er entdeckte, dass ein großer Teil von ihm einfach nur ein ganz normaler Amerikaner sein wollte; der zu Wahlen geht und sie nicht boykottiert, der gerne schöne Dinge kauft.

„Es stellt sich heraus, dass schöne Dinge schön sind“, sagt er. Der sich mit Kunst und Literatur beschäftigt und auch mal ins Kino geht und nicht immer nur auf Parteiversammlungen.

Vor acht Jahren schrieb er das auf. Dann saß er da und stöberte, in Literaturzeitschriften wie „Granta“ und der „Paris Review“. „Ich habe mir dort die Kurzgeschichten durchgelesen und mir irgendwann gedacht, das kannst Du auch.“

Am Anfang seiner Ideen für Erzählungen, die ihm hier am Cafétisch kamen, sagt Sayrafiezadeh, seien Freundschaften gewesen. So wie die zwischen dem namenlosen Erzähler und dem illegal eingewanderten Roberto in der Geschichte „Appetite“. Das reichte ihm noch nicht, etwas Größeres habe er gebraucht, das über der Geschichte drohte.

So kam er auf den Krieg, der sich nun als roter Faden durch die Erzählungen zieht. Menschen kehren zurück aus dem Krieg, Menschen töten im Krieg, Menschen melden sich freiwillig für unbestimmte Kriege in unbestimmten fernen Ländern. Wichtig ist nur, dass er immer da ist, als Tatsache des amerikanischen Lebens, „wie das Wetter oder die Sportnachrichten“, wie Sayrefiezadeh sagt.

Je mehr sich Sayrefiezadeh damit auseinandersetzte, desto zwingender wurde das Motiv für ihn, wenn es um die Beschreibung des amerikanischen Lebens ging. „Wir sind seit 1991 ununterbrochen in irgendeinen Krieg verstrickt“, sagt er. „Das ist mein gesamtes erwachsenes Leben. Im Grunde muss man sich fragen, warum sich die Kunst und die Literatur damit nicht noch viel stärker beschäftigen.“

Der Krieg als Grundrauschen

Spannend an Sayrefiezadehs Werk ist insbesondere, wie er das Thema verhandelt. Der Krieg ist bei ihm kein großes einschneidendes Ereignis. Er ist mehr ein Grundrauschen, das eine Daueranspannung erzeugt. Menschen gehen in den Krieg und kommen zurück und alles geht so weiter wie vorher. Vordergründig scheint nichts geschehen.

Entsprechend will Sayrefiezadeh auch nichts Profundes über den Krieg sagen. Sicher ist dieser in den Geschichten als unverzichtbare Triebfeder der US-Wirtschaft erkennbar. Aber etwa zu erklären, dass Kapitalismus und Krieg zwingend miteinander verschränkt sind, würde ihm zu weit gehen. „Das wäre etwas, was mein Vater gesagt hätte.“

Said Sayrefiezadeh hat geschafft, was seinem Vater letztlich nie gelungen ist. Er ist in Amerika angekommen, er kann Teil der Kultur sein und trotzdem kritisch auf sie schauen. Kann er mit seinem Vater reden? „Nein, leider nicht“, sagt er und sein ansonsten energischer Ausdruck wird dabei starr. „Die Partei ist seine wirkliche Familie und ich habe sie beleidigt.“

Said Sayrefiezadeh ist traurig darüber. Doch er hatte keine andere Wahl.

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