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Literatur

23. Mai 2013

Sarah Kirsch ist tot: Sarah Kirsch verführte sogar Nichtleser

 Von Sabine Rohlf
Sarah Kirsch (1935 – 2013).  Foto: DPA/Ingo Wagner

Zwischen Waldarbeit und Büchnerpreis: Zum Tod der Lyrikerin Sarah Kirsch, die aus der Beschreibung eines Falken, eines Pferdes, eines vertrödelten Nachmittags doppelbödige Erkundungen der Gefühle machen konnte.

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Lyrik und Prosa

Der Gedichtband „Landaufenthalt“ von 1967 war Sarah Kirschs erste eigene Veröffentlichung.

1973 erschien ihr erstes Hauptwerk „Zaubersprüche“. Es folgten die „Wintergedichte“ und der Auswahlband „Katzenkopfpflaster“ (beide 1978).

Lyrische Miniaturen versammelte „Schwanenliebe: Zeilen und Wunder“, 2001, 260 S., 19,90 Euro; „Regenkatze“, 2007, 124 S., 16,95 Euro; „Krähengeschwätz“, 2010, 176 S., 17,95 Euro. Und zuletzt „Märzveilchen“, 2012, 240 S., 19,99 Euro. Alle bei Deutsche Verlagsanstalt (DVA), München.

"Eigentlich schreibe ich immer. Ich bin ein Schädling von der vernichteten Papiermasse her und tue gut daran, in jedem Jahr mindestens zehn Bäume zu pflanzen.“ Diese Sätze, von Sarah Kirsch mit fast 70 Jahren notiert, zeigen eine für Lyrikerinnen ungewöhnliche Bodenhaftung: Bei aller Schreibversessenheit war sie immer an handfesten, greifbaren Dingen interessiert. 1935 als Ingrid Hella Irmelinde Bernstein in Limlingerode, Harz geboren, begann Kirsch als Waldarbeiterin, studierte Biologie und schließlich Literatur am Institut „Johannes R. Becher“ in Leipzig.

Ihren ersten Gedichtband veröffentlichte sie 1965 zusammen mit Rainer Kirsch, mit dem sie von 1960 bis 1968 verheiratet war. Zu diesem Zeitpunkt schien sie einverstanden mit der DDR, in ihren frühen Gedichten und Prosatexten finden sich Bekenntnisse für ihr „kleines wärmendes Land“. Andererseits entwickelte sie eine eigenwillige Lyrik, die der DDR-Kritik immer suspekter wurde.

Ausgehend von den „kleinen Gegenständen“ spann sie Liebesgedichte mit radikalem Glücksanspruch und Mut zur Enttäuschung. Ihr lag die Poetisierung des Konkreten und Profanen: Aus der Beschreibung eines Falken, eines Pferdes, eines vertrödelten Nachmittags wurden doppelbödige Erkundungen der Gefühle.

Kein Bruch sondern ein "Umzug"

1976 unterzeichnete Sarah Kirsch einen Protestbrief gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns, was ihren Ausschluss aus der SED und aus dem Vorstand des DDR-Schriftstellerverbandes zur Folge hatte. Kurz darauf siedelte sie in die BRD über. Sie bezeichnete diesen Bruch lapidar als „Umzug“, sie schrieb einfach weiter – mir großem Erfolg. In späteren Texten finden sich allerdings auch zornige und spöttische Rückblicke, etwa auf den Fernsehturm, den sie aus ihrer Berliner Wohnung sah: Ein „Potenzminarett“, das sie „gern in den Himmel gesprengt“ hätte. Aber auch im Westen blieb sie unangepasst: 1992 lehnte Kirsch eine Berufung an die Berliner Akademie der Künste ab mit der Begründung, diese böte ehemaligen Stasi-Mitarbeitern Unterschlupf.

Ihr neuer Wohnsitz in Schleswig Holstein inspirierte Kirsch zu Texten, die meist als „Naturlyrik“ verbucht werden: kurze Prosa und Gedichte über Spaziergänge, Gülle und Wolkenflug mit Seitenblicken auf Atomkraft und Aufrüstung. Sie passten gut in die 80er Jahre, haben sich aber als zeitgeistüberdauernd erwiesen.

Zwar balancierte Kirsch öfter auf der Kante zur Verklärung des Landlebens, stürzte aber nur selten ab: Die studierte Biologin, die ihre Texte mit zahllosen Tier- und Pflanzennamen schmückte, wusste zu genau, dass auch die Natur aus Fressen und Gefressenwerden besteht. Sie mochte keine „sanften Utopien ... wo niemand Wolf oder Lamm war und Lamm nicht das Gras fraß ...“. Vor allem aber enden die Bezüge ihrer Texte nicht beim nächsten Misthaufen, sondern reichen in die Dichtung des Barock und der Romantik, die Mythen der Welt und Literatur zeitgenössischer Kollegen.

Sie verführte sogar Nichtleser

Ihre auf den ersten Blick unkomplizierten Arbeiten über das norddeutsche Flachland erweisen sich auf den zweiten als zitat- und anspielungsreiche Sprachkunstwerke. Sie fügen Alltagsbeobachtungen und Märchenmotive aneinander, führen von Dithmarschen nach Mecklenburg-Vorpommern und Berlin, in die Provence und die USA, spielen mit Motiven und Sprachduktus unterschiedlicher Epochen.

Kirsch ist eine der wenigen Lyrikerinnen, die nicht nur mit zahlreichen Literaturpreisen bis hin zum Büchnerpreis (1996) geehrt wurden, sondern ein breites Publikum fanden. Sie verführte auch Nichtleser und zeigte ihnen eine Sprache, die Bäume und Zäune beschreibt und gleichzeitig weitläufige poetische Räume eröffnet.

„Weshalb ich schreibe, weshalb ich lebe fällt ja zusammen“. Und so stellte sie sich in dem Fünfzeiler „Styx“ den Tod auch vor, als abruptes Textende, sehr konkret und poetisch zugleich: „Und irgendwo werden / Am Ufer die / Gedichte-abschneider / Warten mit ihren / Verbindlichen Gesichtern.“

Wie ihr Verlag,am Mittwoch bekannt gab, ist Sarah Kirsch am 5. Mai im Alter von 78 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit in Heide (Holstein) gestorben.

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