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Literatur

24. Februar 2014

Sarrazin Buchkritik: Gar nicht allein im Debattenwind

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Der ehemalige Bundesbankpräsident und Buchautor Thilo Sarrazin  Foto: dpa

Heute erscheint Thilo Sarrazins Buch "Der neue Tugendterror". Er habe selbst unter dem Gleichheitsdiktat gelitten, behauptet Sarrazin, nach der Veröffentlichung seines kontrovers diskutierten Buches "Deutschland schafft sich ab".

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Irgendetwas läuft schief in der Meinungsrepublik Deutschland, und diese Sorge treibt nicht nur Leser und Fernsehzuschauer, sondern auch Verleger, Redakteure und Intendanten um. Spätestens seit der medialen Auseinandersetzung mit dem taumelnden Bundespräsidenten Christian Wulff wurde ein tiefer Riss offenbar zwischen der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung. Während die Medien mit immer neuen Verfehlungen Wulffs aufwarteten und dabei kaum noch zwischen Relevanz und Albernheit zu unterscheiden wussten, befand ein Großteil des Publikums, dass es auch einmal gut sein müsse. Das Trommelfeuer der investigativen Recherche oder das, was dafür gehalten wurde, zerlöcherte spürbar das Bedürfnis nach Empathie.

Die Differenz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und medialer Verdichtung ist für den früheren Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin ein klarer Fall von Tugendterror. „Es haben sich“, schreibt er in seinem neuen Buch, „verdeckte Formen der Formierung und Kontrolle von Meinungen herausgebildet.“ Eine Medienoligarchie sei dabei, den gesellschaftlichen Kreis des Sagbaren und Denkbaren wirksam zu begrenzen. „Diese informellen Prozesse sind mit Machtausübung verbunden – mit Medienmacht, mit politischer Macht.“

Sarrazin litt selber am "Tugendterror"

Thilo Sarrazin glaubt, das am eigenen Leib erfahren zu haben. Monatelang tobte ein Meinungskampf um sein Traktat „Deutschland schafft sich ab“, in dem er angestrengt bis salopp über die Leistungsfähigkeit und -verweigerung muslimischer Einwanderer schwadronierte und zum Beleg Kolonnen von Statistiken übereinanderstapelte. Die scharfe öffentliche Zurückweisung seiner Thesen hat ihn offenbar nicht losgelassen. Auf mehr als 100 Seiten seines Buches über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland setzt er sich jetzt minutiös mit seinen Kritikern auseinander und rechnet ihnen vor, dass sie ihn mutwillig missverstanden, falsch zitiert oder gar nicht gelesen haben. Man kann gar nicht anders als diese quälende Feindesliebe als Ausdruck einer schweren narzisstischen Kränkung zu deuten.

Dabei stand Sarrazin gar nicht allein gegen alle im Debattenwind. Seitenweise zitiert er auch jene, die ihm beigesprungen waren wie beispielsweise der Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler oder die Soziologin und Publizistin Necla Kelec. Bei seiner verbalen Kriegserklärung gegen die Tugendwächter in den Großraumbüros mag es ihm aber gar nicht in den Sinn kommen, dass die beachtliche Zahl seiner Fürsprecher womöglich auch Ausdruck einer Meinungsvielfalt sein könnten, die ein anderes Bild ergibt, in dem sich der geschmähte, aber oft verkaufte Autor recht bequem eingerichtet hat.

Anderssein sei tendenziell menschenfeindlich

Sarrazin bleibt dabei: Er, ein Mitglied der deutschen Funktionselite, habe den Sprachcode verletzt, den die politische Klasse wie die medialen Meinungsführer für die öffentliche Erörterung der Einwanderung und ihrer Folgen für alternativlos erklärt haben. Die hohen Auflagen seiner Bücher scheinen nicht mehr in die Excel-Tabellen von Sarrazins Laptop eingegangen zu sein, zumindest haben sie ihn nicht zu dem Verdacht verleitet, dass die umfassende Diskurskontrolle in seinem Fall schwer versagt hat.

Und so musste es wohl zu einem neuen Buch kommen. In immer neuen Anläufen schürft Sarrazin im Stil eines unfrohen Eklektizisten, der zwischen Galileo Galilei und dem Römischen Reich unterwegs ist, nach den Ursachen des grassierenden Tugendterrors und stößt dabei auf ein übermächtiges Gleichheitsdiktat. Was die Meinungsmacht so anhaltend stabilisiert, ist laut Sarrazin ein „ideologisch geprägtes universalistisches Gleichheitsgebot, das jede Differenzierung als ideologisch verdächtig und tendenziell menschenfeindlich brandmarken möchte“. Das Missverständnis konnte größer nicht sein. Während seine Kritiker ihn eines plumpen Biologismus hart an der Schwelle zum Rassismus verdächtigten, sei es ihm doch nur um einen Hinweis auf einen überall wirksamen, natürliche Unterschiede und Ungleichheiten negierenden Totalitarismus gegangen.

Thilo Sarrazin hat Recht. Die stereotyp wiederkehrenden Denkfiguren der politischen Korrektheit machen öffentliche Diskussionen bisweilen anstrengend, intellektuelle Neugier lassen diese oft gar nicht erst zu. Das ist allerdings auch das Dilemma dieses zwanghaft rechthaberischen Buches. Dass es ab heute dennoch aufmerksam wahrgenommen werden wird, spricht nicht gerade für die unbegrenzte Macht der Meinungsoligarchie. Aber wohl auch nicht gegen sie. Thilo, der Kampf geht weiter.

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