Literatur

27. August 2010

Sarrazin: Das Buch eines Besessenen

 Von Arno Widmann
Berlins ehemaliger Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) wurde von sechs Personen wegen Volksverhetzung angezeigt. Siehe auch Artikel "Kein Kopftuchmädchen". Foto: ddp

Thilo Sarrazin genießt in seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" seine Angriffe auf die Menschenwürde. Das ist nicht nur ein Fall für die Justiz.

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Das Buch

Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. Deutsche Verlags-Anstalt 2010, 464 Seiten, 22,99 Euro.

Ohne die Vorabdrucke wäre das Buch gar nicht zu lesen. So aber ist zum Großen und Ganzen schon alles gesagt. Auch wurde der Text schon nach „Stellen“ durchgescannt. Man weiß, was einen erwartet. Man nimmt sich vor, sich nicht provozieren zu lassen. Die Lektüre kann beginnen.

Keine einfache Sache, denn die inkriminierten Thesen – zum Beispiel: die dummen Muslime ruinieren Deutschland – stehen nicht konzentriert auf drei, vier Seiten, sondern sie brechen an den unvermutetsten Stellen plötzlich aus dem Autor heraus. Man mag es nicht lesen, nicht wieder und wieder. Also legt man das Buch beiseite, oder aber man liest doch weiter, um diesem Mann beim Durchdrehen zuzuschauen.

Man sieht ihn gebeugt über die Zahlen, die den Abwärtstrend der deutschen Arbeitsproduktivität belegen, über die Bevölkerungsprognosen, über Tabellen der Lese- und mathematischen Kompetenz von Schülern weltweit und in Bayern und Bremen. Man glaubt ihm beim Denken zuzuschauen. So etwas ist immer reizvoll, und wenn man dazu noch beobachten kann, wie das Denken umschlägt in Wahn, und wie der Wahn wieder nach Zahlen sucht, um sich den Schein der Vernunft zu geben, dann ist das ein Spektakel, das man – ein wenig sich grausend, aber doch fasziniert – verfolgt.

Voraussetzung ist freilich, dass man es erträgt, welche konstitutive Rolle nationale Unterschiede bei Thilo Sarrazin spielen. Man darf kein Ausländer sein, auch kein fettes Mitglied der bundesrepublikanischen Unterschicht. Man könnte sich angesprochen fühlen von Sarrazin, und das heißt immer auch: angegriffen.

Dieses Buch ist das Buch eines Besessenen. Er will uns etwas klarmachen, und dafür mobilisiert er alles, was ihm in den Kram passt. Gleichzeitig aber will er genau sein. Also bezweifelt er seine Zahlen, weist selbst darauf hin, dass die eine Statistik mit der anderen in Wahrheit nicht vergleichbar ist, dann aber zieht er sie doch heran. Er sagt, „die genetische Ausstattung der Menschen aller Länder und Völker“ sei „von großer Ähnlichkeit“, um dann doch aus der Idee, 50 bis 80 Prozent der Intelligenz seien erblich, gravierende Mentalitätsunterschiede nicht zwischen Einzelnen, sondern zwischen verschiedenen Völkern abzuleiten.

Er schreibt: „Deutschland stand auf der Erfolgsleiter immer ziemlich weit oben.“ Immer? Was dachte das 18. Jahrhundert über Deutschland? Er preist die Ideen, die Fertigkeiten, den Fleiß und die Motivation der Menschen in unserem Land. Jahrhundertelang galten die Deutschen – man kann das noch bei Elizabeth von Arnim nachlesen – als faule Säufer und Fresser. Er schreibt auch: „In Schwaben wird es immer mehr Maschinenbau und mehr Unternehmertum geben, als in der Uckermark.“ Dieses ordentliche, fleißige Deutschland, das ihm vor Augen steht, dieses florierende Schwaben gar – das sind sehr junge Entwicklungen. Sie zeigen, dass die Menschen gerade nicht in ihren Mentalitäten wie in Zwangsjacken stecken und schon gar nicht belegen sie, dass ganze Regionen, Länder, ja ein ganzer Kontinent dazu verdammt ist, „Unterschicht“ zu bleiben.

Sarrazin hat in vielem Recht. Unser Bildungssystem ist fatal. Die Schüler werden nicht gefordert und gefördert, sondern hängengelassen. Aber will Sarrazin fordern und fördern? Im Einzelfall vielleicht ja – seine Gattin ist Grundschullehrerin in Berlin. Aber statistisch ist für Sarrazin klar, dass es den Aufwand nicht lohnt, denen da unten generell aufzuhelfen. „Auch im besten Bildungssystem wird die angeborene Ungleichheit der Menschen durch Bildung nicht verringert, sondern eher akzentuiert.“

Das stimmt für den Einzelnen. Es stimmt nicht für ganze Volksgruppen. Denen können richtige Schulen, eine richtige Ausbildung richtig helfen. Und wenn sie ihnen helfen, so ist dem ganzen Land geholfen. Das gilt besonders für Migranten.

Auch in diesem Buch verbindet Sarrazin seine zahlengestützte Verachtung für die fette, TV glotzende, Stütze einstreichende Unterschicht mit seiner rassistischen Mentalitätenkunde. Der Schluss ist klar: Die Unterschicht – das sind in Wahrheit auch keine Deutschen. Es ist unklar, was er mit ihr vorhat. Umso deutlicher ist dafür sein Plädoyer, Schluss zu machen mit der Einwanderung von Türken und Menschen aus Afrika und Nahost. Gegen indische Ingenieure hat er wenig, solange die Deutschen lieber Sozialarbeiter werden als Techniker.

Thilo Sarrazin sieht sich gerne als einsamen Mahner, aber zugleich auch als einen, der nicht nur sagt, was ist, sondern auch, was die meisten zwar denken, aber sich zu sagen nicht trauen. Beides zusammen? Das geht doch nicht, denken wir fetten, ungebildeten Unterschichtmenschen. Aber er ist geübt darin, vieles zusammenzubringen. 46 Nebentätigkeiten soll er als Berliner Finanzsenator nachgegangen sein.

Ein Besessener. Einer, der seinen Wahn, der der Wahn von der grenzenlosen Überlegenheit des eigenen Lebensentwurfes ist, mit Zahlen füttert, ihn für die Logik selbst hält und dem alles dient als Bestätigung für das, was er schon weiß. Thilo Sarrazin ist ein Fall. Für die Gerichte schon lange und immer wieder.

Wer sein Buch liest, der denkt an „Volksverhetzung“, an den Paragraphen 130 des Strafgesetzbuches. Er sanktioniert den „Angriff auf die Menschenwürde anderer“. Sarrazin genießt diesen Angriff. Er glaubt, das gehört zu seinem Wahn, die Wissenschaft, die Logik, die Intelligenz auf seiner Seite. Sarrazin ist ein Fall nicht nur für die Justiz.

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