kalaydo.de Anzeigen

Schalamows "Über Prosa": Vom Unsagbaren berichten zu müssen

Ein stalinsches Lager zu überleben, wie Warlam Schalamow, ist das eine, darüber zu schreiben, das andere. Die angehaltene Zeit des Schreckens verstärkt Schalamow durch äußerste Lakonie, Askese im Ton.

Der russische Dichter und Schriftsteller Warlam Schalamow lebte von 1907 bis 1982.
Der russische Dichter und Schriftsteller Warlam Schalamow lebte von 1907 bis 1982.
Foto: picture alliance

Das Gedächtnis schmerzt wie die erfrorene Hand beim ersten kalten Wind." Warlam Schalamow wurde erstmals 1929 verhaftet, als er Lenins sogenanntes Testament mit der Empfehlung, Stalin abzusetzen, vervielfältigte. Er kam mit drei Jahren Zwangsarbeit im Nord-Ural davon. Auf die Verhaftung von 1937, da ist er dreißig, folgen 17 Jahre Lager in der sibirischen Kolyma-Region, dem "Pol der Grausamkeit", wo die Menschen verlöschen wie das Licht. Diese Verlorenen heißen in der Lagersprache "Dochte", die Dichter Mandelstam und Narbut waren unter ihnen.

Schalamow hat das "Nichtsein" erlebt. Er hat in den Abgrund geblickt, von dem er wusste, dass er sich nicht wieder schließen würde. Die Ganzheit seines Lebens ist von diesem Wissen umschlossen. Schwerstarbeit im Bergwerk, Polarkälte und Hunger, Abstumpfung und Verrohung. "Es gibt keinen Menschen, der aus der Haft zurückgekommen ist und auch nur einen einzigen Tag nicht an das Lager gedacht hätte, an die erniedrigende und schreckliche Arbeit."

Das Buch

Warlam Schalamow: Über Prosa. Aus dem Russischen von Gabriele Leupold. Nachwort von Jörg Drews. Matthes & Seitz 2009, 144 S., 12,80 Euro.

Wie den Verfall aller Werte beschreiben)

Ein stalinsches Lager zu überleben, ist das eine, darüber zu schreiben, gehört zu werden, das andere. Wie den beschleunigten Verfall aller Werte beschreiben, wie die Auflösung des eigenen Ichs, die engen Grenzen des tagtäglichen Überlebens? Schalamow setzt immer wieder neu an, dieser "Negativschule des Lebens" die tausendfachen Geschichten abzuringen. Jedes Martyrium, das nicht beschrieben wird, geht verloren am Ende ist es nicht einmal geschehen. Auch wenn die Wahrheit der Form überlegen ist, verlangt sie nach großer Strenge, denn jede "Ästhetisierung des Bösen bedeutet ein Lob auf Stalin".

In seinen Essays und Briefen, die der Band "Über Prosa" versammelt, zeigt sich Schalamow rigoros. Dem Lagerthema sei mit der humanistischen russischen Tradition und ihren Moral predigenden Bannerträgern wie Lew Tolstoi nicht beizukommen.

"Alle Terroristen haben dieses Tolstoi-Stadium durchlaufen, diese vegetarische Moralistenschule. Die russische Literatur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Dostojewski steht höher, vor allem außerhalb) hat den Boden bereitet für das Blut, das vor unseren Augen vergossen wird." Auch Pasternaks "Doktor Schiwago" und Solschenizyns "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" sieht Schalamow zu sehr in einer Tolstoi-Tradition, um die äußerste Gewalt fassen zu können, die scharfgemachte Kolonnenmenschen in der Sowjetzeit entfalten.

Er legt Gut und Böse übereinander

Der Mann aus Kolyma ahnt, er wird den Bannkreis des für Leser Zumutbaren überschreiten. Er wird Gut und Böse so übereinanderlegen, bis sie sich auflösen. Da verfährt er wie der Pole Tadeusz Borowski mit seinen Erzählungen "Bei uns in Auschwitz". Die Nobel-Erfolge werden die anderen feiern. Abgesehen von Gedichten kann Schalamow zu Lebzeiten in Russland nichts veröffentlichen. Er stirbt 1982 erblindet, ertaubt, verbittert.

Schalamow berichtet, anstatt zu klagen. "Meine Erzählungen sind durch und durch dokumentarisch." Das gilt für den Erzählkern, der uns immer wieder nach wenigen Seiten als reife Frucht zufällt. Doch er ist kein Dokumentarist, seine literarischen Verfahren sind dem Zwang entsprungen, vom Unsagbaren berichten zu müssen. Schalamow bricht mit allen tradierten Erzählformen. "Die ,Erzählungen aus Kolyma" sind keine eigentlichen Erzählungen, sie sind ohne Sujet, ohne die sattsam bekannten Charaktere."

Verlorene Menschen ohne Hintergrund treten episodenhaft auf. Sie haben keine Biographie, sie leben ohne Vergangenheit und Zukunft nur in der Gegenwart, und die ist "raubtierhaft".

Die unansehnliche Wahrheit

So kann auch nur selten in der ersten Person erzählt werden. "Die Literatur ist Feldarbeit." Die angehaltene Zeit des Schreckens wird verstärkt durch äußerste Lakonie, den Verzicht auf alles Unnötige, durch Askese im Ton. "Alles, was die Wahrheit verdeckt, muss weg, wie unansehnlich die Wahrheit auch sei." Aber unabdingbar bleiben immer das Detail und die in schrecklicher Einfachheit geschriebene Pointe, dazu bestimmt, die grauenvolle Stummheit der stillstehenden Zeit zu durchbrechen.

In der Lagerhölle gibt es keine Zeugen, Beobachter oder gar Touristen wie Hemingway im Spanienkrieg, hier gibt es nur Leidende. Am Ende gehört auch der Leser zu ihnen. Pluto, nicht der wohlgefällige Orpheus, führt Regie. " Schalamow sucht für das Überleben nach keinen Erklärungen, der schonungslose Blick genügt. Er weiß, der Bericht von einer Katastrophe kann die nächste nicht abwenden, "jede Erschießung des Jahres Siebenunddreißig lässt sich wiederholen".

Schalamow hat den Schrecken der Lager Stalins ungebremst in die russische Literatur getragen. In Deutschland weiß man von ihm erst seit zwei Jahren. Alles, was der Band "Über Prosa" zusammenfasst, ist eine unentbehrliche Brücke zu den "Erzählungen aus Kolyma". Auf dieser Brücke steht auch der verstorbene Jörg Drews, dessen Nachwort "Lakonie als Ethik" seine letzte Arbeit war.

Autor:  Jürgen Verdofsky
Datum:  14 | 7 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.