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Schriftsteller Jeffrey Eugenides: Manchmal wollen auch Männer weinen

Jeffrey Eugenides hat zwei preisgekrönte Romane geschrieben. Nun ist sein dritter erschienen, und der Autor hat sich für Verrisse gewappnet: Er liest sie nicht. Ein Gespräch übers Schreiben, Frauenhirne und die Angst vor dem inneren Chaos.

Jeffrey Eugenides hat seinen dritten Roman veröffentlicht.
Jeffrey Eugenides hat seinen dritten Roman veröffentlicht.
Foto: dapd

Müde schaut er aus. Die Lesereise zehrt an den Kräften. Genauso wie der Interviewmarathon, den Jeffrey Eugenides seit dem Erscheinen seines neuen Romans „Die Liebeshandlung“ absolviert. Aber der Pulitzer-Preisträger ist Profi und zudem viel zu nett, um Nein zu sagen – behauptet zumindest die Literaturagentin. Tatsächlich erzählt Eugenides gleich zur Begrüßung, wie sehr er sich Deutschland verbunden fühlt. Von 1999 bis 2004 hat er in Berlin gelebt, dann musste er wegen der Familie zurück in die USA. „Ich vermisse Berlin. Ich wünschte, wir wären nie weggezogen.“ Ein Profi mit Heimweh.

Jeffrey Eugenides

Geboren wurde Jeffrey Eugenides 1960 in Detroit, als jüngster von drei Söhnen. Seine Großeltern väterlicherseits waren griechische Einwanderer.

Schon mit 16 Jahren wollte Eugenides Schriftsteller werden. Sein Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman-Debüt „Die Selbstmordschwestern“. Unter dem Titel „The Virgin Suicides“ wurde das Werk von Sofia Coppola verfilmt.

Für „Middlesex“, seinen nächsten Roman wurde er 2003 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Teile der Familiensaga, in deren Mittelpunkt ein Hermaphrodit steht, entstanden während eines mehrjährigen Aufenthalts in Berlin.

Seit 2007 unterrichtet Eugenides Kreatives Schreiben an der Princeton University in New Jersey.

Der Schriftsteller ist mit der Fotografin und Bildhauerin Karen Yamauchi verheiratet, mit der er eine gemeinsame Tochter hat.

Herr Eugenides, Glückwunsch zu Ihrem neuen Buch „Die Liebeshandlung“. Wie bei jedem Ihrer Romane haben Sie neun Jahre daran gearbeitet......genau wie mein Kollege Jonathan Franzen. Aber über dessen Rhythmus redet niemand! Alle wundern sich immer nur über meinen Neun-Jahres-Rhythmus!

Tut mir leid. Beim nächsten Gespräch mit Herrn Franzen werde ich fragen.

Machen Sie das! Bohren Sie nach!

Wächst eigentlich der Druck auf einen Autor, je länger er an einem Buch schreibt?

Der größte Druck stammt von dem Wunsch, ein gutes Buch zu schreiben. Läuft die Geschichte, wie sie soll? Kommen die Ideen zusammen? Das ist ein Riesendruck. Er sitzt in meinem Kopf, macht mich unerträglich. Wie alle Schreiber bin ich von meiner Arbeit besessen. Ich kann Frauen nur davor warnen, sich in einen Autor zu verlieben.

Zeit spielt dabei gar keine Rolle?

Nein. Auch wenn ich mehr darauf achten sollte.

Guter Vorsatz. Wieso halten Sie den nicht ein?

Ich schreibe langsam. Zudem stammen die Figuren aus „Die Liebeshandlung“ aus einem Roman, an dem ich die ersten zwei Jahre arbeitete, den ich aber nie beendet habe. Und dann fällt es mir schwer, eine gute Struktur für meine Bücher zu finden und die Geschichte nicht ausfransen zu lassen.

Kein Wunder. Sie konstruieren auf 600 Seiten nicht nur eine studentische Dreiecksgeschichte in den USA der 80er, sondern schicken einen Ihrer Protagonisten auf der Suche nach Gott von Paris über Athen bis nach Kalkutta.

Die Kalkutta-Stelle. Nur 40 Seiten – aber ich brauchte ewig dafür. Ich hatte Schwierigkeiten, Interessantes von Unwichtigem zu trennen, denn diese Passage ist am engsten mit meinem Leben verwoben.

In Ihrem Buch geht der Student Mitchell nach Kalkutta, um dort im Sterbehaus Mutter Teresas zu arbeiten.

Wie ich. Mit Anfang 20 hatte ich dieselben Fragen, die Mitchell hat. Er möchte wissen, ob es einen Sinn im Leben gibt. Ob es einen Gott gibt. Und was es heißt, ein guter Mensch zu sein. Ob es möglich ist, als ein solcher zu leben. Fragen, die Romane seit Jahrhunderten gestellt haben – bis sie im 20. Jahrhundert plötzlich damit aufhörten.

Wissen Sie warum?

Weil der Glaube an Gott, sogar die Frage, ob Gott wirklich existiert, nicht mehr en vogue war. Die Sache schien entschieden. Romane sollten nicht spekulieren, sondern sich um die reale Welt kümmern. Aber dann las ich „Anna Karenina“. Und Tolstoi schafft es, dort auch über spirituelle Dinge berührend zu schreiben. Tolstoi! Der Meister der Beschreibung sozialer Milieus und Beziehungen. Da dachte ich, es wäre gut, diese Fragen in einem modernen Roman aufzugreifen. Schließlich stellen Menschen sich die immer noch. Und so griff ich auf meine Erfahrungen als junger Sinnsucher zurück.

Haben Sie in Kalkutta Antworten auf Ihre Fragen bekommen?

Nicht genug, um Priester zu werden. Aber es gab Momente in jener Zeit, in denen ich kurz davorstand, etwas zu finden. Sicher, ein College-Kid geht nach Indien, um Gott zu finden. Das ist ein Klischee. Aber irgendwann merkst du, dass Intellekt und Rationalität nur bis zu einem gewissen Punkt weiterhelfen. Dass du was Verrücktes machen musst, um die Wahrheit zu finden.

Was haben Sie im Hospiz gemacht?Patienten gefüttert, ihnen Medizin verabreicht. Schritt für Schritt habe ich meine Empfindlichkeiten überwunden, schwierigere Aufgaben übernommen, zum Beispiel die Patienten gebadet. Mitchells Angst vor dem inneren Chaos, sich auf die Menschen einzulassen, diese Gefühle kenne ich auch.

Und indem Sie sich einließen, kamen Sie Ihrer Wahrheit näher?

Nicht während der Arbeit bei Mutter Teresa, aber zu jener Zeit. Da gab es Momente, in denen ich eine tiefe innere Ruhe spürte. Vielleicht fand ich damals mein eigenes winziges Stück Erleuchtung. Als diese Periode in meinem Leben endete, verschwand es wieder. Aber diese Erinnerung hüte ich wie einen Schatz.

Können Sie einen solchen Erleuchtungsmoment beschreiben?

Beschreiben geht nicht. Nur umschreiben: ein Zustand, in dem ich dem Vergessen von Zeit, von Ambitionen so nahe kam wie nie wieder in meinem Leben. Mein Selbst löste sich auf, wurde zu einer stillen Wahrnehmung der Welt. Ich fühlte die Einheit mit dem Universum.

Wie erreichten Sie diesen Zustand?

Durch Meditation. Oder indem ich einfach irgendwo herumsaß. Es war ja eine emotionale Ruhe. Die Einstellung des eigenen Wollens.

Haben diese Erfahrungen Sie verändert?

Das Gefühl hielt sich noch einige Zeit nach meiner Rückkehr in die USA. Und ich schreibe darüber. Es muss also nachhaltigen Einfluss gehabt haben. Aber wenn man sich mein Leben in den letzten Tagen anschaut, wird man keine Spuren finden. Ich war gerade in Dublin und bin in einem Pub versackt, bis drei Uhr morgens. Auch eine Art Reise. Aber ein bisschen anders.

Ihr Leben ist ja auch anders geworden: Sie sind heute Professor in Princeton, leben dort mit Frau und Tochter. Haben Sie keine Angst, dass Ihnen mal die Inspiration für Ihre Bücher ausgehen wird?

Nein. Ich setze ja lediglich einige Bruchstücke meiner Erinnerung in eine neue Geschichte ein. Keines meiner Bücher hat sich im wirklichen Leben so ereignet. Außerdem passierten seit der Indienreise eine Menge Sachen. Ich habe neue Perspektiven gewonnen. Die des Elternteils, die des mittelalten Mannes.

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Datum:  12 | 11 | 2011
Seiten:  1 2 3
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