Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Literatur

11. Februar 2016

Schriftsteller und Flucht: Die Schleuser der Seelen

 Von Sabine Vogel
Syrische Familie in einem Flüchtlingslager in der Türkei.  Foto: dpa

Welche Rolle spielt der Schriftsteller in Krisenzeiten? Bei einer Berliner Veranstaltung geben sieben Autorinnen und Autoren sieben Antworten.

Drucken per Mail

„Ich bin ein glücklicher Flüchtling“, sagt Assaf Alassaf. Das glaubt man dem verschmitzt lächelnden rundlichen Mann im cremefarbenen Jackett gern. Im Gegensatz zum Erzähler seiner Groteske „Abu Jürgen“, der die absurdesten Tricks und köstlichsten Bestechungen (Joghurtbällchen für die Botschaftergattin!) anwendet, um ein deutsches Visum zu ergattern, kam der syrische Autor als „Luxusflüchtling“ mit einem Schengenvisum und dem Flugzeug hierher.

Zuhause war Assaf Alassaf mal Zahnarzt, arbeitete in Damaskus, Mauretanien und in Beirut. Seit der „syrischen Revolution“ schreibt er bissig satirische Texte auf Facebook und in arabischen Zeitungen, mit denen er sich als Regimegegner profilierte und staatlichen Verfolgungen aussetzte.

Nun ist er mit einem Stipendium im sicheren Hafen am Wannsee und fühlt sich wie neugeboren. Denn seine alte Welt ist komplett zerstört. Was er aus diesen Erfahrungen literarisch machen wird, ist offen: „Wir hatten bisher keine Zeit über unsere Verluste nachzudenken.“

Wie verarbeitet man Flucht und Exil zu Literatur? Keine richtig prickelnde Frage, möchte man angesichts der seit langem dazu existierenden Literatur meinen. Aber offenbar eine, die sich immer wieder neu stellt. Wie gehen zeitgenössische Schriftsteller, die selbst Migranten sind oder waren, mit der „Flüchtlingskrise“ um? Was ist die Rolle des Schriftstellers in Kriegs- und Krisenzeiten? Sieben Autoren aus Serbien, Griechenland, Syrien Slowenien und Deutschland versuchten sich am Mittwochabend im Literarischen Colloquium Berlin an persönlichen Antworten.

Widerwillen gegen die Vereinnahmung

Die durch aktuelle Prosatexte unterstrichenen Statements reichten von Behauptungen der literarischen Unabhängigkeit von gegenwärtig dringlichen Krisenthemen, Widerwillen gegen eine Vereinnahmung als politisches aktivistisches Sprachrohr, als Repräsentant des Migranten an sich oder ihrer Herkunftsländer, bis zum entschiedenen Bekenntnis zur Verantwortung des Schriftstellers als Zeitzeuge.

Zur Sache

„Das weiße Meer“ heißt eine Berliner Veranstaltungsreihe der Allianz Kulturstiftung mit diversen Partnern.

Die Schriftsteller: Rasha Abbas (Syrien), Amanda Michalopoulou (Griechenland), Vladimir Arsenijevic (Serbien), Zsófia Ban (Ungarn), Aleš Šteger (Slowenien), Assaf Alassaff (Syrien) und Ingo Schulze (Berlin).

Assaf Alassaf, ein in seiner Heimat verfolgter syrischer Autor, ist mit dem „Weiße Meer“-Stipendium für bedrohte Autoren aus dem Mittelmeerraum im Literarischen Colloquium Berlin (LCB) zu Gast. Seine Satire „Abu Jürgen. Mein Leben mit dem deutschen Botschafter“ ist bei mikrotext (200 S., auf dem Smartphone, 3,99 Euro).

Mikrotext ist ein Berliner Verlag, der ungewöhnliche, oft provokative Texte politisch engagierter Autoren digital veröffentlicht. Etwa Rasha Abbas „Die Erfindung der deutschen Grammatik“ (März) und „Der klügste Mensch im Facebook“ des syrischen Bloggers Aboud Saeed.

Vladimir Arsenijevics Reportage ist nachzulesen unter www.boell.de.

Die Schriftstellerin und Kolumnistin Amanda Michalopoulou kann es bald nicht mehr hören, wenn sie von Verlegern gefragt wird, ob ihr Buch auch von der Krise in Griechenland handele. „Ich tue mein Bestes, um allem auszuweichen, was von mir erwartet wird“, sagt der Slowene Aleš Šteger und zeigt sich als genauer politischer Beobachter, indem er über die Zunahme „feindlicher Sprache“ und einer erfolgreichen Kunstaktion dagegen berichtet.

Es geht aber noch unmittelbarer. Vladimir Arsenijevic, serbischer Expunkmusiker, Verleger, Autor von „Cloaca Maxima – Eine Seifenoper“ und „Jugolaboratorium“, hat sich im November 2015 mit Navid Kermani zu Flüchtlingen auf die Balkanroute begeben. In seiner Tagebuch-Reportage „Odyssee ins Glück“ erzählt er unprätentiös über die vielen positiven zwischenmenschlichen Erlebnisse.

Damit hat sich auch die ohnehin nicht gehaltvolle Frage erübrigt, ob man über syrische Flüchtlinge schreiben kann, wenn man kein syrischer Flüchtling ist. Aber dürfte ein Syrer derzeit einfach mal einen Krimi schreiben oder einen Roman über Kurden oder Mexikaner?

Wie einfach ein Schriftsteller seine Rolle als beschreibender Zeitzeuge erfüllen kann, beweist Aleš Šteger mit einer kleinen Geschichte. „Es gibt einen kleinen Ort, in dem meine kürzlich verstorbene Großmutter lebte. Er hat den schönen Namen ,Paradies‘. Eines Nachts kamen drei bis vierhundert Flüchtlinge an. Die Leute waren frappiert und erschrocken. Dann reagierten sie instinktiv mit großer Hilfsbereitschaft.“ Die ausgehungerten Flüchtlinge sammelten Kekse ein und machten einem obdachlosen Rom ein Lunchpaket.

Es ist nämlich gar nicht alles so kompliziert. Würde die EU etwa ihre Agrarsubventionen abschaffen, müssten viel weniger Menschen aus ihrer Heimat fliehen. Der streitbare Ingo Schulze bezeichnet den Schriftsteller als Schleuser, der Unsichtbares in die Präsenz des Flüchtlings sichtbar macht, buchstäblich übersetzt. Die Macht der Literatur sind die Worte. Sie bewahren die Seelen der Geschichte. Vor allem aber, so Schulzes Plädoyer, kann man sie zum Reden benutzen: auch mit Neo-Nazis, AfD- und Pegida-Anhängern.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Beilage

Literatur-Rundschau

Der Bücher-Herbst 2016

Achtung Holländer! Autor Marc Reugebrink über das schwierige Verhältnis zwischen Niederländern und Flamen.
Die Liebenden: Brigitte Kronauers betörender Roman „Der Scheik von Aachen“ über Liebe, Tod und Schuld.
Die Geister: Nathan Hills grandios komponierter Familienroman ohne Familie.
Die Rassisten: Rebekka Habermas über einen vergessenen Skandal in Deutsch-Togo.

Übersicht - alle Rezensionen der Literatur-Rundschau 2016 auf einen Blick

Komplette Zeitungs-Beilage vom 18. Oktober im PDF-Format.


Dossier als Feed abonnieren
Info
Buchmesse 2018
Volkstänzerin bei einem Festival in Georgien.

Georgien ist Gast der Frankfurter Buchmesse 2018. Vorabbesuch in einem wenig bekannten Bücherland.

Anzeige