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Literatur

25. Februar 2016

Schwarze Bewegung : Afrodeutsche Vielfalt

 Von 
Pustet koloniale Kontinuitäten fort: Simone Dede Ayivi, die im Buch übers Theater schreibt.  Foto: S. Dede Ayivi

Gedichte, Erfahrungsberichte, Interviews: Der Sammelband „Spiegelblicke“ beleuchtet 30 Jahre Schwarze Bewegung in Deutschland.

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An einem Winterabend betreten eine kleine alte Dame und ein alter Herr am Stock eine Bühne in Frankfurt. Sie reden über ihr Leben, dann brandet Applaus auf. Rund 300 Menschen erheben sich von ihren Sitzen zu standing ovations für Marie Nejar und Theodor Wonja Michael: geboren 1930 und 1925, deutsch – und schwarz. Zeitzeugen und Überlebende einer Epoche, in der Menschen wie sie nicht erwünscht waren. Für jene, die sie nun so sichtlich ergriffen beklatschen, sind sie daher ganz besondere Vorbilder dafür, wie schwarze Menschen sich gegen den strukturellen Rassismus einer mehrheitlich weißen Gesellschaft behaupten können – und würdige Schirmherren der an diesem Abend begangenen 30-Jahr-Feier der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD).

Jene 30 Jahre, auf die die Bewegung Schwarzer Menschen in Deutschland zurückblicken kann, lässt die ISD nun auch in einem beim Orlanda Verlag erschienenen Sammelband Revue passieren. „Spiegelblicke. Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland“ heißt der von mehr als 50 Autorinnen und Autoren gefüllte Band, in dem auch Nejar und Michael porträtiert werden, genauso wie Menschen, die ihre Enkel und Urenkel sein könnten.

Die durch das fast 300 Seiten starke Werk gestreuten Kurzporträts schwarzer Menschen stehen neben stilistisch sehr vielfältigen Beiträgen, die von Gedichten über Erfahrungsberichte und Interviews bis hin zu Sach-Analysen reichen. Sie sind ein Verweis auf jenes ebenfalls bei Orlanda verlegte und für die Bewegung so wichtige Buch, das der neue Band vielfach zitiert: das von May Ayim und Katharina Oguntoye herausgegebene „Farbe bekennen. Afrodeutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“ aus dem Jahr 1986, in dem schwarze Deutsche erstmals in dieser Form für und über sich selbst sprachen.

Das Buch

Diverse Herausgeber: Spiegelblicke. Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland. Orlanda Verlag 2016, 302 Seiten, 19,50 Euro.

30 Jahre später haben solche Biografien eine größere Selbstverständlichkeit – nicht nur Theodor Michael und Marie Nejar, auch zahlreiche weitere schwarze Deutsche haben in den vergangenen Jahren ihre Lebensgeschichten publiziert, ihre Präsenz im Land ist sichtbarer geworden. Und doch, das macht „Spiegelblicke“ deutlich, ziehen sich das Gefühl der Vereinzelung in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft, die Erfahrung, als fremd und nicht zugehörig definiert zu werden und der an dieses „Othering“ eng geknüpfte alltägliche Rassismus sich auch im Jahr 2016 durch viele der im Buch versammelten Lebensgeschichten.

Gewandelt haben sich durch die Existenz von Selbstorganisationen wie der ISD aber die Bewältigungsstrategien. Eben jenen räumt der von den ISD-Mitgliedern Camilla Ridha, Christelle Nkwendja-Ngnoubamdjum, Denise Bergold-Caldwell, Eleonore Wiedenroth-Coulibaly, Hadija Haruna-Oelker und Laura Digoh herausgegebene Sammelband viel Raum ein. „Allianzen und Widerstand“ ist treffend ein Kapitel überschrieben. Die Selbstermächtigung, das sogenannte „Empowerment“, befähigt junge ISD-Mitglieder, die wie Siraad Rosina Wiedenroth von Kindesbeinen an mit der Bewegung großgeworden sind, im Buch zu schreiben: „Ich wurde schon als Kind geimpft gegen Menschen, die mir meine Daseinsberechtigung hatten absprechen wollen.“

„Spiegelblicke“ ist so ein inhaltlich wie stilistisch vielfältiges und sachkundiges Kompendium Schwarzer deutscher Geschichte und Gegenwart geworden. Es stellt sich der ISD-internen Diversität, etwa durch Beiträge ostdeutscher, gehörloser, queerfeministischer, transgeschlechtlicher oder muslimischer Menschen. Und es thematisiert so unterschiedliche Aspekte wie die Stärkung von Kindern gegen Diskriminierungserfahrung, die Aufarbeitung deutscher Kolonialvergangenheit oder Debatten aus Medien und Kulturlandschaft. Dazu zählt die Kritik an der „Blackfacing“-Praxis oder rassistischem Vokabular in Kinderbüchern ebenso, wie die Schwierigkeit, als schwarzer Mensch nicht-stereotype Film- und Theaterrollen spielen zu dürfen. Die Schauspielerin Lara-Sophie Milagro erzählt davon eindrücklich in ihrem Text „The Afro-Actor’s experience“.

An dieser Stelle schließt sich der Kreis zu den Ältesten der Bewegung. Zu Marie Nejar, die in den 50er Jahren als Schlagerstar „Leila Negra“ in die Rolle eines naiven Kindes gedrängt wurde. Zu Theodor Wonja Michael, der ebenso wie Nejar als Statist in Kolonialfilmen spielte und später als erwachsener Schauspieler mit ausbleibenden Engagements zu kämpfen hatte. Und die mit ihren Biografien ganz besonders deutlich machen, wie wichtig für die ihnen Nachgeborenen der Zusammenschluss ist.

Das Buch ist aus dieser sich gegen äußere Widerstände behauptenden Schwarzen Bewegung heraus entstanden, reflektiert diese und feiert sich selbst. Das erklärt mancherlei inhaltliche Redundanzen, die aus der gemeinsamen Rückschau auf die Anfänge, dem Zuwortkommenlassen möglichst vieler Beteiligter, dem Austausch über gemeinsam Durchgestandenes und Erreichtes erwachsen.

Als weißer Leser steht man unvermeidlich außen vor, blickt auf Erfahrungen, die man seiner weißen Privilegien wegen nicht teilen kann. Aber gerade deshalb ist „Spiegelblicke“ auch und gerade für weiße Leser eine wertvolle Lektüre: weil es den Blick öffnet für die Lebensrealität einer Minderheit und darauf, wie die Mehrheit deren Leben beeinflusst. Denn, wie die Empowerment-Trainerin Tupoka Ogette es formuliert: „Das genau ist ja Rassismus, das ist gewollt. Dass die einen ihn nicht sehen, nicht erkennen und reproduzieren und die anderen ihn erleben und darunter leiden.“

Lesung der ISD in Frankfurt: 27. Februar, 20.30 Uhr, Jugendkulturkirche St. Peter.

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