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Literatur

10. Dezember 2012

Sebastian Gehrmann: "Stresstest": Das Buch zum Kind im Mann

 Von Thomas Stillbauer
Wird für uns erwachsen: Autor Sebastian Gehrmann.  Foto: Alexander Kempf

Lukas wird dreißig - und schwanger (zumindest seine Freundin). Das ist ziemlich harter Stoff für einen, der ewig jung bleiben wollte. Wie Lukas das Zwangserwachsenwerden meistert, schildert Sebastian Gehrmann in dem herzbewegend lustigen Roman „Stresstest“.

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Das Leben eines jungen Mannes steuert unweigerlich auf zwei schwere Krisen zu. Erstens: Er wird dreißig. Zweitens: Er wird zum ersten Mal schwanger, zumindest mittelbar. Reihenfolge: variabel. Problem: Der junge Mann ist nach jedem dieser Ereignisse kein junger Mann mehr. Wer so etwas selbst durchgemacht oder an der Seite eines ehemals jungen Mannes erlitten hat, der weiß, dass der Betroffene nach Trost lechzt wie der Säugling nach der Milch. Diesen Trost gibt es jetzt endlich: Sebastian Gehrmanns herzbewegend lustigen Roman „Stresstest“. Der hilft.

Alles beginnt damit, dass Lukas leidet, denn Lukas Schaefer, die Hauptperson, hat Kurs auf die 30 genommen. Und das Leben meinte es bisher nicht gut mit ihm – Lukas, der passionierte Choleriker, wurde ausgerechnet in der verhassten Karnevalszeit geboren, mit dokumentierten Folgen auf Geburtstagsfotos: „Alles, was man in den ersten Jahren von mir sah, war ein zorniger Kürbis, eine schimpfende Sonnenblume oder ein wütender Fliegenpilz.“

Info-Abend im Kreißsaal

Und dann das: Je älter Lukas wird, desto weniger zählt, durch wie viele Länder man in den Ferien auf den Beifahrersitzen ukrainischer Viehtransporte getrampt ist. „Mein Haus. Mein Job. Meine Kinder“ – das steht jetzt auf der Rechnung. Schwierig für einen wie Lukas, der in der achten Klasse kleidungsmäßig auf Surferlook umgestellt hat und damit eigentlich immer noch zufrieden ist. Kurzum: Der Fastdreißiger möchte am liebsten zurück in Mamas Bauch – schon bevor seine Freundin Sophie ihm zu allem Überfluss auch noch mitteilt: „Ach du Scheiße, wir sind schwanger.“

Es folgt ein Wellenritt durchs Gefühlsmeer eines sehr jung gebliebenen Zwangserwachsenen: vom Inkognito-Kauf des Schwangerschaftstests bis hin zu surrealen Szenen an Supermarktkassen und Ultraschallgeräten. Der tragische Held quält sich für uns durch Geburtsvorbereitungskurse, bizarre Info-Abende im Kreißsaal und schlimme Begegnungen mit gentrifizierten Eltern der Generation „Raúli hat Kacki ins Töpfchen gemacht. Supi, oder?“ bzw. „Wie, jetzt erst? Theresa Viktoria konnte schon mit achtundfünfzig Wochen allein aufs Töpfchen.“

Liebenswerte Selbstironie

Was Lukas sympathisch macht, ist nicht nur, dass er Oliven ablehnt (sowohl den Geschmack als auch den mediterranen Hype), sondern vor allem seine Art, mit großen Augen aus diesem Strudel herauszuschauen, in den er unverschuldet ... na ja, in den er da hineingeraten ist. Zu allem Überfluss verscherzt er es sich vor der Geburt auch noch mit seiner Sophie. Wie er das wieder hinbiegen will, erzählt der Journalist Gehrmann so witzig und rührend, mit so viel liebenswerter Selbstironie und so authentisch, dass man den Experten schnell erkennt: Seit 2010 schreibt Gehrmann die beliebte Online-Kolumne „Tempo 30“ übers Dreißigwerden und Vatersein für die FR.

Am 11. Dezember, 19.30 Uhr, stellt der Autor sein Buch im Haus der FR vor, Karl-Gerold-Platz 1, Frankfurt-Sachsenhausen. Eintritt frei.


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