Nur wir zwei, für immer und ewig: So erträumt man sich das, wenn man mit dem Liebsten Hollywood-artig in die Kissen sinkt. Nur dass das Happy End für gewöhnlich eben nicht das Ende, sondern erst der Anfang einer Beziehung ist, die bitteschön nicht in Pantoffeln vor dem Fernseher enden soll. Was aber rettet die Liebe vor der Langeweile? Die Philosophin Svenja Flaßpöhler macht in ihrem neuen Buch einen überraschenden Vorschlag: Die Eifersucht ist es, die als "Gutes Gift", so der Titel ihres Essays, das Verhältnis zweier Liebender in Bewegung hält.
Flaßpöhler will damit nicht dem rasenden Irresein derjenigen das Wort reden, die in jeder Geste ihres Gegenübers Verrat wittern und damit Beziehungen letztlich zerstören. Aber sie entwirft ein Bild von der Liebe, die den Dritten braucht, damit das Begehren sich entzündet und in Gang gehalten wird: Die begehrlichen Blicke der anderen sind Wegweiser für die eigenen Wünsche. Philosophie und Literaturgeschichte liefern Flaßpöhler die Belege für ihre Vermutung.
Kein Psycho-Ratgeber
Die älteste Referenz ist Platons berühmte Geschichte von den Kugelmenschen, die erst von Zeus, dem Dritten, getrennt werden mussten, damit sie Sehnsucht nach ihren verlorenen Hälften entwickelten. Und warum eigentlich sind die großen Liebenden Tristan und Isolde in der Legende nicht in symbiotischer Zweisamkeit an ihrem Fluchtort geblieben, sondern wider besseren Wissens an den Hof des eifersüchtigen König Marke zurückgekehrt? Weil, so Flaßpöhlers These, sie diese erregende Störung brauchten.
Die besondere Pointe von Flaßpöhlers Untersuchung liefern dann allerdings die Passagen, in denen sie die Frage nach Eifersucht und Begehren mit dem Geschlechterverhältnis kurzschließt. Wo die Ehefrau in Schnitzlers "Reigen" noch den Part der tugendhaften Langweilerin zugewiesen bekommt, darf Nicole Kidman in Stanley Kubricks Schnitzler-Remake "Eyes Wide Shut" schon deutlich offensiver erotisch agieren. Was in diesem Fall die Versöhnung der Eheleute wahrscheinlicher macht.
Am Ende plädiert Flaßpöhler entschieden dafür, den Seitensprung des gelangweilten Mannes nicht mehr als Sollbruchstelle im bürgerlichen Beziehungsformat mit seiner Trennung von Liebe und Lust zu akzeptieren. Vielmehr entwirft sie das Bild einer Beziehung in der Balance, in der beider Begehren sich potenziell nach außen richtet, aber nicht aufgrund der Konvention, sondern aufgrund täglicher bewusster Entscheidungen wieder auf den Partner zurückgebogen wird.
Flaßpöhlers Essay will kein Psycho-Ratgeber sein, aber auch keine hochphilosophische Abhandlung. Er wagt einen Zwischenweg, der Intimität und Leidenschaft analytisch und gleichzeitig mit liebevoller Emphase erfasst. So wirkt "Gutes Gift" erhellend, ohne sich anzubiedern.
Svenja Flaßpöhler: Gutes Gift. Über Eifersucht und Liebe. Artemis & Winkler im Patmos Verlag, Düsseldorf 2008, 170 Seiten,
19,90 Euro.