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Literatur

11. November 2010

Seltene Synthese : Muslime zwischen Tradition und Moderne

 Von Elisabeth Kiderlen
Pause auf dem Schulhof von Faith College in Istanbul, einer der Gülen-Schulen.  Foto: REUTERS

Die Gülen-Bewegung als Brücke für „Muslime zwischen Tradition und Moderne“: Der muslimische Gelehrte Fethullah Gülen möchte den Islam durch Bildung reformieren. Dabei ist es nicht die Erneuerung des Islam, die seine Überzeugungskraft ausmacht, sondern seine Akzeptanz der säkularen Gesellschaft.

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"Moscheen haben wir genug, wir müssen Schulen bauen“, lautet der Aufruf von Fethullah Gülen an seine Landsleute, Unwissenheit, Ignoranz und Armut zu überwinden. Der muslimische Gelehrte, der heute in den USA lebt, ist Initiator einer Bildungsbewegung, die den Anstoß zur Gründung vieler privater Kindergärten und Schulen in Deutschland gegeben hat. Besucht werden diese Einrichtungen hauptsächlich von türkischen Kindern.

Sowohl islamisch als auch westlich modern – mit dieser Verknüpfung beschreibt der Wissenschaftler Bekim Agai die Ideen Gülens zur Selbstbehauptung der Muslime in der globalisierten Welt. Es begann als religionsfreundliche, soziale Aufstiegsbewegung der anatolischen Mittelschichten, die zu etwas Wohlstand gelangt waren und nun Bildungs- und Aufstiegschancen für ihre Kinder anstrebten. Aus der Türkei sprang der Funke nach Deutschland über und zündete in den Kreisen von Migranten, die wissen, dass eine gute Ausbildung die Zukunft ihrer Kinder bestimmt, und die bereit sind, darin zu investieren.

Ohne Zentrum und feste Organisation breitet sich die Bewegung inzwischen auch in den USA aus, in Australien, Afrika und Zentralasien. In Kirgisien, so wird erzählt, mussten die Aufnahmeprüfungen in einem Fußballstadion abgenommen werden, von den rund 3000 Bewerbern fanden letztlich nur fünfzig einen Platz. Auch in Deutschland gibt es meist mehr Bewerbungen als Plätze. Die Unterrichtssprache ist Deutsch, die erste Fremdsprache Englisch, in den Gymnasien kann als zweite Fremdsprache zwischen Französisch und Türkisch gewählt werden. Die meisten Lehrer sind Deutsche, die meisten Absolventen Frauen. Religionsunterricht wird nicht gegeben. Die Behörden haben bislang nichts an den Schulen auszusetzen – und doch bleibt der beharrliche Verdacht, dass hier eine unterschwellig islamistische Agenda vertreten wird, die vielleicht gar eine Theokratie im Sinn hat.

Brücke zwischen den Kulturen

Deshalb ging das „Forum für interkulturellen Dialog“ (FID), das Fethullah Gülen nahesteht, 2009 in die Offensive und organisierte zusammen mit dem Institut für Religionswissenschaft der Universität Potsdam eine Konferenz, auf der die Arbeit der Gülen-Bewegung zur Diskussion gestellt wurde. Das Deutsche Orient Institut, das 1999 in Potsdam gegründete Rabbiner-Seminar „Abraham Geiger Kolleg“ und die evangelische Akademie in Berlin waren mit von der Partie. „Muslime zwischen Tradition und Moderne. Die Gülen-Bewegung als Brücke zwischen den Kulturen“ war der Titel der Tagung. Unter der gleichen Überschrift hat der Herder Verlag nun eine Auswahl der Vorträge veröffentlicht.

Die vier Herausgeber ebenso wie die meisten Autoren des Sammelbandes stehen für den jüdisch-christlich-islamischen Dialog. Sie sind Konservative, die in nachstehender Analyse der Pariser Soziologin Nilüfer Göle die eigene Position wiedererkennen dürften: „Ein Begriff von Moderne, unter dem man lediglich das Abwerfen überkommener Sitten und Gebräuche, zumal der Religion, versteht, ist längst passé.“

Islamische Verbände

Bundesweit gibt es etwa 2600 muslimische Gebetsstätten. Viele befinden sich am Stadtrand oder im Industriegebiet in ehemaligen Fabrikhallen, Gewerbe- oder Lagerräumen. Zirka 150 Moscheen mit charakteristischer Kuppel und meistens mit einem Minarett sind in den vergangenen Jahren entstanden.

Die meisten Moscheegemeinden sind in einem der vier Dachverbände organisiert. Dem Islamrat für Deutschland (IR) gehören 30 Vereine mit vorwiegend türkischstämmigen Muslimen an; den größten Verein im IR bildet die vom Verfassungsschutz beobachtete Islamische Gemeinschaft Milli Görü. Dem Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) sind rund 300 Gemeinden angeschlossen, deren Mitglieder zumeist aus Nordafrika, dem Nahen und Mittleren Osten stammen.

Der als moderat geltende ZMD ist ein anerkannter Dialogpartner. In dem Verband Ditib sind rund 880 Moscheevereine organisiert. Die Ditib-Imame sind Angestellte der türkischen Religionsbehörde; daher gilt Ditib als von der Türkei gesteuert.

Der Verband der islamischen Kulturzentren (VIKZ) gründete Anfang der 1970er Jahre die ersten Moscheegemeinden für Muslime aus der Türkei. Er hat etwa 300 Gemeinden und pflegt einen konservativen Islam mit mystischen Elementen.

Eine Fortbildung für Imame bietet seit dem Wintersemester erstmals die Universität in Osnabrück an. Daran nehmen 30 Geistliche teil.

Zwischen 3,8 und 4,3 Millionen Muslime mit Migrationshintergrund leben in Deutschland laut einer Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Nur zehn bis 20 Prozent sind in Moscheevereinen organisiert. (top)

So ist es auch nicht eine Erneuerung des Islam, die die Überzeugungskraft von Gülen ausmacht – er predigt nur die klassischen islamischen Handlungsmaximen. Es ist seine Akzeptanz der säkularen Gesellschaft, gekoppelt mit der Aufforderung, diese mitzugestalten und in ihr erfolgreich zu werden, was ihn populär macht. So sieht Bekim Agai in Gülens „ausgesprochen konventionellem Rahmen“ den Grund dafür, dass auch konservative und traditionsbewusste Muslime ihre skeptische Haltung zur Mehrheitsgesellschaft aufgeben konnten und sich „vom Neuen“ überzeugen ließen.

Nur ein Beitrag von einer Frau

Diese Synthese wird in den Beiträgen des Buchs durchdekliniert: zur muslimischen Integration in Deutschland, zur Auflösung des Widerspruchs zwischen islamischer und europäischer Rechtskultur, zur Verantwortung der Muslime in der Wirtschaft, zur Arbeitsethik, Wissenschaft, zum Verhältnis zur Demokratie… Deutlich wird dabei ein zumeist ausgesprochen pragmatischer Ansatz, der Grundsätzlichem dadurch aus dem Weg geht, dass er nicht auf die Veränderung von Institutionen abzielt, sondern auf den Einzelnen und seine Nähe zu Gott. Hier wirkt die Mystik der Sufis nach. Äußerst diskutierenswert ist der Beitrag des Türkei-Korrespondenten Rainer Hermann. Hermann schreibt: „Aufgrund von Gülens Wirken ist in der Türkei ein Islam lebendig, der im Einklang mit der Modernität und dem Westen steht, dabei aber nichts von seinen Glaubensinhalten preisgeben muss.“

Zum Schluss sei erwähnt, dass bei der Lektüre des durchaus lesenswerten Sammelbandes ungut auffällt, dass von den elf Beiträgen nur ein einziger von einer Frau verfasst wurde. Das mag zum (wert-)konservativen Grundmuster dieses neuen Aufbruchs passen, in die westliche Moderne passt es nicht mehr. Auch eine Auseinandersetzung Gülens mit der Genderfrage fehlt wohl kaum zufällig. Deshalb soll hier die einzige Frau unter den Autoren, Claudia Derichs, das letzte Wort behalten. Sie beschreibt die Gülen-Bewegung im fernen Australien und erwähnt dabei die Feierlichkeiten zum 40-jährigen Jubiläum der türkischen Immigration aus der Türkei. In dem selbstbewussten Einwanderungsland lautete dazu der Slogan: „We came as workers – we stayed as citizens“. So sei’s.

Walter Homolka u.a. (Hrsg.): Muslime zwischen Tradition und Moderne. Die Gülen-Bewegung als Brücke zwischen den Kulturen. Herder Verlag, Freiburg 2010, 258 Seiten, 11,95 Euro.

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