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Literatur

18. Dezember 2015

Sergej Lebedew „Menschen im August“: Auf der Spur der toten Seelen

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Auch in Sibirien ist der Ich-Erzähler in dem Roman "Menschen im August" von Sergej Lebedew unterwegs, um verlorenen Biografien nachzugehen.  Foto: REUTERS

Die Geister der alten Sowjetunion: Der russische Autor Sergej Lebedew legt ein grandioses Geschichts- und Geschichtenpanorama vor. In Russland konnte sein neuer Roman Buch allerdings noch nicht erscheinen.

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Im August 1991 versuchte eine Gruppe von Putschisten, in Moskau die Macht an sich zu bringen, um das Rad der Perestroika in der Sowjetunion zurückzudrehen. Damals kletterte Boris Jelzin, Präsident der russischen Teilrepublik, tatkräftig und medienwirksam auf einen Panzer und beschwor die Soldaten, loyal zu bleiben. Der Putschversuch gegen Gorbatschow scheiterte, doch danach war das Land ein anderes. Die Union der Staaten begann zu zerfallen.

Autor Sergej Lebedew war damals zehn Jahre alt. Sein Buch „Menschen im August“ spielt, anders als der deutsche Titel suggeriert, nicht in den Tagen des Putsches, sondern in den Jahren drumherum und danach. Es ist ein Roman über die Neunziger, in denen nicht nur die Sowjetunion sich in ihre Bestandteile auflöste, sondern die Zerfallserscheinungen auch bis dahin verborgene Schichten ihrer Vergangenheit freilegten.

Eben das ist es, was Lebedew in seinen Romanen unternimmt. In seinem hierzulande vor drei Jahren erschienenen Erstling „Der Himmel auf ihren Schultern“ reist ein junger Mann auf den Spuren seines Großvaters in die Welt des stalinistischen Gulag.

„Menschen im August“ nun ist Lebedews dritter Roman, der zweite, der ins Deutsche übersetzt wurde. Die russische Ausgabe wird erst im Januar erscheinen, da der Autor Schwierigkeiten hatte, einen Verlag zu finden. Das Buch enthält, ohne explizite Namensnennung, ein paar kritische, wenngleich eher harmlose Anspielungen auf den derzeitigen russischen Präsidenten. Und auch in diesem Roman ist der Erzähler ein Reisender – geographisch ebenso wie in der Zeit.

Das geheime Tagebuch der Großmutter

Ausgangslage der Handlung ist der Tod seiner Großmutter. In ihrer Bibliothek findet der Ich-Erzähler ein geheimes Tagebuch mit Hinweisen darauf, dass ihr Mann Geheimdienstoffizier gewesen sein könnte. Seine Spur verliert sich im Zweiten Weltkrieg im ukrainischen Drohobytsch.

Der Erzähler macht sich also auf in die Westukraine, um diesem ungelösten Rätsel in der Familienvergangenheit auf die Spur zu kommen, und entscheidet damit sein eigenes weiteres Schicksal. Eine zufällige Begegnung in einem Restaurant und die Prophezeiung einer alten Frau lenken seinen Lebensweg in eine vielleicht vorherbestimmte Richtung: Er wird ein Sucher. Einer, der verschwundene Leben aufspürt, menschliche Schicksale, die sich verloren haben und über die nie gesprochen wurde.

Es sind diffizile Missionen, die ihn in die entlegensten Gegenden der zerfallenden Sowjetunion führen: in die kasachische Wüste, die karelische Taiga, das sibirische Eis.

All diesen Gegenden ist ein hoher Symbolwert eigen – als bereits verlorene geographische Vorposten des untergegangenen Imperiums und gleichzeitig als überwältigend weite Seelenlandschaften, in denen der Mensch sich allzu leicht auch selbst verliert. Wenn Lebedews Protagonist sie durchstreift, wird auch er dabei gleichsam zu einer verlorenen Seele, die nicht anders kann, als sich immer und immer wieder von Neuem auf die Suche zu begeben.

Auch die Frau, die er kennenlernt und der er sich schicksalhaft verbunden fühlt, ist eine Verlorene. Sie forscht schon lange vergeblich ihrem Vater hinterher, einem verschollenen tschetschenischen Funktionär.

Bildmächtige Sprache

Lebedews Erzählton bleibt stets lyrisch, die Sprache bildmächtig, eine souveräne Poesie liegt über dem Text, die bewirkt, dass man auch grausigere Handlungsdetails – ein Mensch verbrennt bei lebendigem Leib, ein weiterer wird zerfleischt, und noch andere furchtbare Dinge passieren – wie durch einen allegorischen Filter wahrnimmt.

Es ist ein grandioses Geschichts- und Geschichtenpanorama, das Lebedew aufzieht, und er füllt dessen farbensattes erzählerisches Cinemascopeformat sprachlich ganz mühe- und schwerelos aus (was auch der Übersetzerin Franziska Zwerg mit zu verdanken ist).

Das Buch

Sergej Lebedew: Menschen im August. Roman. A. d. Russ. v. Franziska Zwerg. Fischer, Frankfurt a. M. 2015. 366 S., 22,99 Euro.

Der große epische Bogen, den er entwirft, findet allerdings ein Ende, das letztlich etwas zu konstruiert und fast etwas pflichtbewusst angelegt erscheint. Natürlich liegt ein Dilemma darin, dass es zur Konvention gehört, einem Roman ein Ende zu geben; denn vielleicht ist das gar nicht immer möglich. Gerade in der russischen Literatur gehören unvollendete Romane manchmal zu den größten.

Das berühmteste Beispiel dafür sind Gogols „Tote Seelen“. Auch wie Andrej Platonovs Dystopie „Tschevengur“, an deren unfassbare Endzeitstimmung Sergej Lebedews träumerisch-surreale Reiselandschaft entfernt erinnert, wohl eigentlich hätte ausgehen können, ist nur schwer vorstellbar. Es gibt Geschichten, die schlicht kein Ende haben können.

Und so ist auch „Menschen im August“ von seiner inhaltlichen Anlage her womöglich ein im Grunde nicht zu vollendender Roman. Denn das Suchen, das Reisen in Raum und Zeit, das Forschen nach verschütteten Spuren der Vergangenheit wird in Russland wahrscheinlich noch lange weitergehen müssen.

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