Wenn es um ehelichen Sex geht, hat der in Frankfurt lebende Konvertit Hadayatullah Hübsch klare Vorstellungen: Eine Frau, schreibt er in seinem Buch "Frauen im Islam", habe ihrem Gatten stets zu Diensten sein, selbst, wenn sie gerade dabei sei, den Ofen zu reinigen. Das ist eine moderne Abwandlung eines Spruches, der dem Propheten Mohammed zugeschrieben wird und der besagt, eine Frau solle ihren Mann an jedem Ort und zu jeder Zeit befriedigen, wenn er dies wünsche, selbst auf dem Rücken eines Kamels.
Solche, leider nicht humoristisch gemeinten Ratschläge haben Seyran Ates, eine der bekanntesten deutschen Migrationsforscherinnen, dazu veranlasst, ein neues Buch zu schreiben. "Der Islam braucht eine sexuelle Revolution", lautet der Titel. In der islamischen Welt, so ihr Befund, stellen Vorstellungen wie die von Hadayatullah Hübsch keineswegs eine Ausnahme dar. Vielmehr seien sie symptomatisch für einen religiös begründeten Mainstream, der sich durch Sexualfeindlichkeit und Doppelmoral, Patriarchalismus und Repression, Gewalt und Gesetzlosigkeit auszeichne. Nur durch eine grundlegende Veränderung, vergleichbar mit der sexuellen Revolution der 68er-Bewegung, ließen sich diese Missstände beseitigen.
Seyran Ates: Der Islam braucht eine sexuelle Revolution. Eine Streitschrift. Ullstein Verlag, Berlin 2009, 288 Seiten, 19,90 Euro.
Debatte: Um den Sinn und Zweck der so genannten Islamkritik ist in Deutschland eine heftige Kontroverse entbrannt. Autorinnen wie Ayaan Hirsi Ali, Necla Kelek und Seyran Ates werfen dem Islam vor, Frauen systematisch zu unterdrücken.
Unsere Autorin: Susanne Schröter, Professorin für Ethnologie an der Goethe-Universität Frankfurt, warnt davor, über "den Islam" vorschnelle Pauschalurteile zu fällen und religiöse, soziale und kulturelle Faktoren über einen Kamm zu scheren. fr
Mit diesem Buch beweist Ates Kontinuität. Bereits in ihrer 2003 veröffentlichten Autobiographie "Große Reise ins Feuer" hatte sie das erdrückende Klima nachgezeichnet, dem kurdische Mädchen in ihren Familien ausgesetzt sind und war dann in einer zweiten Monographie mit dem provokativen Titel "Der Multikulti-Irrtum" gegen Kopftuchträgerinnen und muslimischen Machismo zu Felde gezogen.
In beiden Büchern sowie in zahlreichen Interviews, Aufsätzen und Stellungnahmen hatte Ates auf die fatalen Folgen einer Ideologie hingewiesen, die die Ehre der Familie zwischen den Beinen der Frauen lokalisiert und Männern ein kaum eingeschränktes Verfügungs- und Gewaltmonopol über das weibliche Geschlecht einräumt.
Das neue Buch ist einerseits eine Fortsetzung von bereits Geschriebenem, andererseits eine Zuspitzung auf eine repressive sexuelle Ordnung, die teilweise mit dem Islam gerechtfertigt wird, teilweise aber auch in kulturellen Mustern wurzelt. Dabei sind Ates einige treffende Analysen gelungen, vor allem im Hinblick auf das Problem allzu wortgetreuer Auslegungen von Koran und Sunna.
Ein buntes Kaleidoskop
Ates entfaltet ein buntes Kaleidoskop aus Erlebtem, Gelesenem und Erzähltem. Ein bisschen Autobiographie, ein paar Episoden aus dem Leben des Propheten Mohammed, Beispiele von sexuellem Missbrauch, Ehrenmorden, Zwangsheiraten und häuslicher Gewalt in unterschiedlichen Ländern, untermalt mit Zitaten aus Koransuren und islamischen Überlieferungen.
Die dargebotene Montage liest sich flüssig, auch deshalb, weil auf eine genaue Beweisführung ebenso verzichtet wird wie auf eine Reflexion der präsentierten Kontexte. Alles ist bei Ates irgendwie eins, und alles gehört, weil islamisch, schon deshalb irgendwie zusammen. Der Islam, so Ates´ Kernthese, ist grundsätzlich frauenfeindlich und unterdrückerisch und könne daher als Quelle von Frauenfeindlichkeit und Unterdrückung in islamischen Gesellschaften und Gemeinschaften identifiziert werden.
Eine solche Simplifizierung ist weder sinnvoll noch ist sie wahr. Die Gemeinschaft aller Muslime, auf die die Autorin abzielt, ist vielleicht eine imagined community im Sinne von Benedict Anderson, doch wirkmächtig wird sie in der Realität nur selten. Islamische Gesellschaften waren und sind unterschiedlich, nicht zuletzt im Hinblick auf ihre Geschlechternormen und das alltägliche Zusammenleben von Männern und Frauen.
Zwischen den indonesischen Minangkabau auf Sumatra, von Ethnologin Peggy Reeves Sanday als matriarchalische Gesellschaft bezeichnet, und den Kurden im ländlichen Anatolien, deren düsteres Regelsystem der Filmemacher Yilmaz Güney schon in den 1960er und 1970er Jahren in bedrückenden Geschichten festhielt, gibt es nahezu keine Gemeinsamkeiten - bis auf die Tatsache, dass beide islamisch sind.
Ähnlich verschieden wie die islamischen Kulturen sind auch die Möglichkeiten von Frauen, eigene Lebensentwürfe umzusetzen. Nahezu nichts verbindet eine gebildete islamische Feministin in den USA mit einer muslimischen Analphabetin aus dem ländlichen Afghanistan oder eine saudi-arabische Ministerin mit einer türkischen Putzfrau in Kreuzberg.
Bei allzu vorschnellen Verurteilungen islamischer Geschlechterverhältnisse sei auch daran erinnert, dass, lange bevor Angela Merkel deutsche Kanzlerin wurde, Benazir Bhutto im Pakistan das Amt der Premierministerin bekleidete, ebenso wie Megawati Sukarnoputri in Indonesien, Sheik Hassina Wajed und Khaleda Zia in Bangladesch.
Zu kurz greifende These
Frauen erobern auch in islamischen Ländern Führungspositionen, andere dagegen werden missbraucht und geprügelt. Welche Art von Existenz eine islamische Frau führen kann, lässt sich nur teilweise auf die Religion zurückführen. Der kulturelle Hintergrund, Bildung, Beruf, Herkunft und Status einer Frau sind meist weitaus wichtiger.
Ates´ These, der Islam sei an allen von ihr zu Recht angeprangerten Missständen schuld, greift zu kurz. Sicher ist es nicht zu bestreiten, dass man ohne Mühe frauenverachtende Suren im Koran aufspüren kann und dass in der islamischen Überlieferung, der Sunna, einige grauenvolle Vorstellungen von Geschlechterverhältnissen tradiert werden. Das allerdings gilt für alle Weltreligionen, auch für das Christentum. Letzteres, mag man einwenden, habe sich gewandelt, habe einen Prozess der Liberalisierung und Säkularisierung durchlaufen. Das ist richtig. Doch diese Entwicklung ist im Islam gegenwärtig ebenso zu beobachten.