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Literatur

16. Dezember 2009

Shakespeare-Übersetzungen: Einfach, realistisch, richtig

 Von Peter Michalzik
Foto: Stroemfeld

Weitgehend unbemerkt veröffentlicht B. K. Tragelehn seit Jahren in der Reihe "Alt Englisches Theater Neu" im Stroemfeld-Verlag seine Übersetzungen von Shakespeare und dessen Zeitgenossen. Von Peter Michalzik

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Die Shakespeareübersetzung ist seit gut zweihundert Jahren eine deutsche Passion. Lange hatte das seinen Sinn, die deutsche Sprache hat mit Shakespeare ihr Feld ausgemessen, inzwischen aber sind die Übersetzungen zu einer bunten Wiese der Beliebigkeit geworden.

Locker modernisierend und interpretierend wird von mehr oder minder begabten Dramaturgen gern nur shakespearisierend dahergequatscht, was fehlt, ist der Kampf um das Originelle des Originals. Genauigkeit gilt da im Zweifel als theaterfeindlich. Allein Frank Günther bekommt den Spagat zwischen schnoddrigem Neudeutsch und Nähe zur Vorlage immer wieder hin.

Weitgehend unbemerkt von Öffentlichkeit und Theater veröffentlicht B. K. Tragelehn seit Jahren in der Reihe "Alt Englisches Theater Neu" im Stroemfeld-Verlag seine Übersetzungen von Shakespeare und dessen Zeitgenossen. Diese Bücher verbinden Philologie und Theaterpraxis, sind voll mit Anmerkungen und nah an einem gesprochenen Deutsch. Der 1936 geborene Tragelehn war Brechtschüler, noch mehr aber prägte ihn Heiner Müller. Tragelehn inszenierte am Berliner Ensemble, spätestens nach 1972, als seine "Fräulein Julie" vorzeitig abgesetzt worden war, galt er als Abweichler von der orthodoxen Brecht-Tradition und durfte nicht mehr inszenieren.

Shakespeare, den er dann in den achtziger Jahren im Westen häufig aufführte und übersetzte, ist für Tragelehn ein eigener Kosmos, in dem sich die materialistische, machtkritische Tradition mit einem freien, genauen und kreativen Theater verbinden lässt, sozusagen die bessere DDR (und BRD sowieso).

In der Übersetzung von Shakespeares Blankvers lässt sich die Verssprache fortdichten, die von Brecht kommend dem frühen DDR-Theater Kraft und Gravität gegeben hatte, in Shakespeares Stücken liegt die ironische Machtskepsis und das Wissen um das Mahlwerk der Geschichte.

Vor allem sind die Gedanken hier sinnlich fassbarer als anderswo, niemand hat so konkret und realistisch geschrieben wie Shakespeare. Tragelehn, dem von der DDR vorgeworfen wurde, Marx zu verraten, rettet in diesen Übersetzungen vierhundert Jahre alter Stücke zusammen mit Heiner Müller etwas vom Besten, was die DDR hatte: ihre Sprache. Shakespeare, dekretierten Müller und Tragelehn übrigens, könne man nur in der DDR übersetzen. Man versteht warum.

In Tragelehns Sprache haben sich unterschiedliche Traditionen und Schichten angelagert. Da ist zunächst natürlich Shakespeare, derb und feierlich, grob und fein. Dann die trockene, weltaufschließende Brecht-Sprache, nah am Gedanken, nah am Sachverhalt. Und die Weiterentwicklung dieser Sprache durch Heiner Müller, die Verstärkung des gravitätisch-klassizistischen Elements, das Majuskelhafte und Mythologische, die Lust am verdichtenden Sprachspiel. Heraus kommt eine zuweilen etwas knorrige, zugleich immer aus der Lust am Sprechen lebende Sprache, geprägt von der Lust am klaren Benennen, gewachsen und entzündet an einem Vers, der nicht Zierrat, sondern in der frühen DDR Ausdrucksmedium eines pathetisch verstandenen Proletariats war.

Von den Shakespeareübersetzungen sind bisher erschienen: "Der Sturm", "Was ihr wollt" und jetzt "Maß für Maß". Von Thomas Middleton und William Rowley kommt "Der Wechselbalg" dazu, von John Ford "Schade, dass sie eine Hure war". Jetzt soll Christopher Marlowes "Das Massaker von Paris" herauskommen. Wie leicht Tragelehn der Vers fällt, wie klar und einfach er dabei bleibt, wie diszipliniert sprachspielerisch, zeigt etwa das Lied am Ende des dritten Aktes von "Maß für Maß": "Wer des Himmels Schwert will sein/ Muss so strenge sein als rein/ In sich selbst das Muster sehn/ Fest zu stehn und weit zu gehn/ Maß für Maß das fremde Fehlen/ Wie den eignen Fehler zählen."

Der grandiose Kurzauftritt von Bernardino, bei Tragelehn Bernardin - dem einzigen Mann der Dramengeschichte, der Herrschaft und Verfügungsgewalt konsequent nicht anerkennt -, beginnt schimpfend: "Die Seuche in eure Hälse!" Das ist sicher einfacher und treffender als Schlegels "Dass euch das Donnerwetter übern Hals käme."

Alle sechs Bücher sind schön und sorgfältig gemacht. Leider hat sich in "Maß für Maß" jetzt ein schwerer Fehler eingeschlichen, die Seitenangaben bei den Anmerkungen sind durchgehend falsch. Das macht das Buch nicht unbenutzbar, aber es stört gewaltig. Neben ausführlichen, aufschlussreichen Anmerkungen gibt es in allen Bänden Noten der wichtigsten Vertonungen, die Quellen werden abgedruckt und Materialien versammelt. Beim "Sturm" macht das etwa 200 Seiten aus.

Herrschaft, Regierung, Staat und staatliche Gewalt sind die Themen, die Tragelehn am meisten interessieren. Sie erscheinen bei Shakespeare wie angelagerte Geschichte in elisabethanischen, römischen und italienischen Spielarten. Bei Tragelehn kommen die deutschen der jüngeren Geschichte hinzu. Der "Sturm" und "Maß für Maß" setzen sich ausgiebig mit der Legitimation von Herrschaft auseinander. Beide Stücke sind im vieldeutig Ortlosen angesiedelt, "Maß für Maß" in einem italianisierten Wien, der "Sturm" auf einer Insel fern von Mailand und Neapel. Das ist genau der Raum, den diese Inszenierungen brauchen.

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