Literatur

12. Januar 2013

Sibylle Berg: Vielen Dank für diesen Roman

 Von Steffen Martus
Auf Abstand bedacht: der Mensch.  Foto: imago/Jochen Tack

Zornig, witzig, klug: Sibylle Berg seziert in ihrem neuen Roman unser Leben. Sibylle Berg malt ihren „Dank für das Leben“ mit den Farben Schwarz und Tiefschwarz, und in den seltenen Glücksmomenten mischt sie ein wenig Dunkelgrau ins Bild.

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Bis Seite 244 ist Toto eine „Sie“, danach für rund 150 Seiten ein „Er“. Selten sind literarische Figuren so wandelbar. Aber selten bleiben sie sich auch so gleich. Denn Toto ist in jeder Situation ein „Punchingball für alles, was schlecht war in seiner Zeit“, und das ist gewaltig viel. Er kommt im Jahr 1966 in der DDR als Sohn einer hilflosen Alkoholikerin auf die Welt und wächst erst als Heimkind, dann als Arbeitssklave eines heruntergekommenen Bauernpaars auf.

Salonkommunisten „retten“ ihn in den Westen, wo er weiter die Milieus und Schichten durchquert: vom linken Gutmenschentum über die Schwulenszene und die Upperclass bis zu den Obdachlosen, und von dort weiter ins Altersheim als Herz der Finsternis einer Gesellschaft, die auch Menschen nur verwaltet. Er wird verlacht und verhöhnt, malträtiert und verprügelt, bis die Knochen aus dem Schädel blitzen. Ein Kinderfreund verfolgt ihn und sie mit aller Niedertracht. Zwei Mal im Leben wird Toto geküsst und jedes Mal betrogen.

Sibylle Berg malt ihren „Dank für das Leben“ mit den Farben Schwarz und Tiefschwarz, und in den seltenen Glücksmomenten mischt sie ein wenig Dunkelgrau ins Bild: „Das Leben, dieser interessante biologische Umstand, hatte kein Mitleid, kein Gefühl, keinen überbordenden Sinn für Gerechtigkeit, und niemand schuldete einem das Geringste.“ Das Dasein ist anstrengend, lohnt sich kaum und geht allenfalls weiter. Erwartungen werden meist enttäuscht. Momente des Glücks verpasst. Ob im Osten oder im Westen, bei den Linken oder den Rechten, Hetero- oder Homosexuellen, Bauern und Bürgern: Es herrscht Gruppenzwang, und jede Gruppe tritt reflexhaft nach unten. Man kann gar nicht so tief fallen, dass da nicht noch einer wäre, auf dem man landen könnte. Der Mensch ist eine grenzwertige Existenzform: „Diese fünf Zentimeter, die einen vor dem Verfall bewahren, die einen davor schützen, in die Hose zu nässen, sich hinzusetzen und die Umwelt nur noch wahrzunehmen wie einen Waschraum voll Luftfeuchtigkeit. Eine Sekunde Spannungsverlust, und schon sitzt du auf dem Planeten der Affen.“

Was Voltaires „Candide“ für das 18. Jahrhundert literarisch beweisen wollte, belegt Berg für die Gegenwart: dass die Welt nicht die beste, sondern die schlechteste aller möglichen Welten sei. Wo aber bei Voltaire der Mensch von Natur aus egoistisch und herrschsüchtig auftritt, da bettet Berg ihn in die Gesellschaft ein, und zwar als ein zwiegesichtiges Wesen, das seine Mitmenschen braucht und doch zugleich auf Abgrenzung und Abschottung bedacht ist. Dieser eigentümliche Widerspruch von sozialen und asozialen Trieben, von Abhängigkeit und dem unbefriedigten Verlangen nach Autonomie und Selbstständigkeit entlädt sich als Wut gegen Andere – gegen soziale Außenseiter, gegen Schwule, gegen Andersgläubige. Es wäre interessant, sich den Wutbürger als neuen Sozialtypus einmal unter dieser Perspektive vorzunehmen.

Toto jedenfalls symbolisiert das Maximum an Andersartigkeit. Sowohl Mann als auch Frau, provoziert dieses „Nichts“ eine „unbeherrschbare Abneigung“, deren Ursprung tief reicht. Tatsächlich überfällt Menschen bei „geschlechtlicher Unklarheit“ eine seltsame Form von Missbehagen bis zum Ekel, der in Aggressivität umschlägt. Bisweilen genügt der etwas zu weibliche Hüftschwung eines Mannes oder die männliche Aura einer Frau, um aus scheinbar zivilisierten Menschen eine wütende Horde zu machen, die ein „perverses“ Leben tilgen will.

Sibylle Berg seziert unser „Leben“ zornig und klug. Der „Untergang der westlichen Welt“ steht vor der Tür. Mit dem globalen Export des Turbokapitalismus gräbt sich die „weiße Rasse“ ihr eigenes Grab. So weit, so düster und in gewisser Weise sogar erholsam – es wirkt intellektuell recht entspannend, wenn der 11. September einfach einmal als „Meisterleistung schlecht gelaunter Idioten, widerlicher rechthaberischer Arschlöcher, unbefriedigter Dumpfbacken, geisteskranker Wichser, dämlicher heterosexueller, explodierter Arschgesichter“ beschrieben wird.

Literarisch entscheidend aber ist etwas ganz anderes. Berg schreibt witzig über die traurige Existenz der Menschen, anrührend über das trostlose Dasein und aggressiv liebevoll gegen eine düstere Welt. Die Geschichte mag noch so trübsinnig, die menschliche Existenz langweilig erscheinen, die Leidenschaft, mit der hier geschrieben wird, spricht eine andere Sprache. So dankt im letzten Kapitel auch die Autorin selbst: „Meinem lieben Lektor und dem hoffentlich nie verschwindenden Verlag“ – ganz so hoffnungslos ist die Lage also doch nicht. Die Welt mag abgrundtief schlecht wirken, die Literatur, die davon handelt, ist gut. Vielen Dank für diesen Roman.

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