Im Spätherbst des Jahres 1909 lebten in Wien zwei Männer, die beide auf ihre Weise die Welt verändern sollten." Nüchtern, fast betulich, beginnt Mark Edmundsons Buch über Sigmund Freuds letzte Jahre, und doch hat dieser Einstieg es in sich, denn der zweite Mann, dessen Name erst mit einigen Seiten Verzögerung fällt, ist niemand anderes als Adolf Hitler. Obwohl sich die beiden, soweit man weiß, nie begegnet sind, macht Edmundson Hitler zur zweiten Hauptfigur seines Buches und das nicht nur, weil das Nazi-Regime Freud die letzten Jahre seines Lebens vergällte. Nein, Edmundson baut Hitler zum Antipoden Freuds auf, um im Kontrast zum "Führer" zu zeigen, was ihm an Freud, der nach Einschätzung von Edmundson selber eine Art "auratischer Führer" war, der "das Kommando über eine Horde von Ersatzsöhnen" hatte, so zukunftsweisend erscheint.
Das ist ungewöhnlich und nicht unheikel. Edmundsons Buch hat etwas Reißerisches nicht nur in Bezug auf den forschen Anfang, sondern auch auf den Rest des Buches, dessen Tempo bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, dass es um die letzten Jahre eines sehr alten und sehr kranken Mannes geht, der sich kaum noch von der Stelle rühren konnte. Zwei Kapitel, "Wien" und "London", hat Edmundsons Buch denn auch nur, und sein Augenmerk gilt notgedrungen weniger den äußeren als den inneren Lebensumständen: In geschickter Montagetechnik lässt Edmundson (verbürgte und im Anhang ausgewiesene) Freud-Zitate in seine Schilderung einfließen, so dass Dialoge entstehen, die die Figuren zum Leben erwecken - fast wie in einem Roman.
Auch das ist riskant, weil eine solche "Einfühlung" in den historischen Gegenstand leicht zu einer ins Kitschige gleitenden Pseudo-Authentizität führen kann, wie Catherine Cléments Arendt-Heidegger-Fiktion "Martin und Hannah" und Jay Parinis Benjamin-Roman "Dunkle Passagen" unfreiwillig deutlich gemacht haben. Aber Edmundson hält die Balance. Er geht so souverän mit seinem Material um, dass man ihm Sätze wie den, dass Freud Blake "bewundert hätte, hätte er ihn gelesen" ohne weiteres abnimmt.
Weitet er seine Methode jedoch ohne weiteren Kommentar auf die Gegenseite aus, beginnt die Maschinerie merklich zu knirschen, weil sich sozusagen die Blickrichtung verkehrt: Dass sich etwa die Nationalsozialisten "des verderblichen Einflusses von Freud" schon seit längerem bewusst waren, mag nach ihrer Logik stimmen, könnte aus heutiger Perspektive aber leicht falsch verstanden werden.
Davon abgesehen erhöht die Nähe, die Edmundson zu seinen Protagonisten unterhält, natürlich die Süffigkeit der Story, zumal er die eher kargen Fakten durch ungewöhnliche "Quellen" wie einen Roman von Don DeLillo oder kühne (als solche benannte) Spekulationen anreichert und auch einige köstliche Anekdoten nicht ausspart. Zum Beispiel Salvador Dalís Besuch in der Elsworthy Road, bei dem sich ein Missverständnis an das andere reihte: "Während der ganzen Zeit, die sie sich in Freuds Arbeitszimmer gegenübersaßen, sprach Freud kaum ein Wort" - "Wir verschlangen uns mit den Augen", behauptete der von sich eingenommene Dalí später, doch als Freud das Schweigen brach, gab es nichts mehr zu beschönigen: Freuds Bemerkung, dass er nur in klassischen Bildern nach dem Unbewussten suche, nicht in surrealistischen, empfand Dalí als "Todesurteil für den Surrealismus".
Besondere Aufmerksamkeit widmet Edmundson Freuds letztem Buch "Der Mann Moses und die monotheistische Religion", das ein gutes halbes Jahr vor Freuds Tod erschien. Freud hatte es seinem immer schwächeren Körper und vielen Vorbehalten in seiner Umgebung förmlich abgerungen. Edmundson verschweigt nicht, dass auch für ihn die Überlegungen, Moses sei eigentlich Ägypter und der Monotheismus ägyptischen Ursprungs nicht "zu den klügsten und bestbegründeten in Freuds Werk gehören". Doch trotzdem habe Freud dadurch eine Lösung für das Problem der Autorität gefunden, das ihn zeitlebens so sehr beschäftigte, weil er erst in der "Identifikation mit Moses" erkannte, "dass man als Autorität gelten kann, ohne ein Patriarch im herkömmlichen Sinne zu sein".
Und es ist genau diese Einsicht, die Freud, für den Macht "eine große Versuchung" darstellte, von anderen "Führern", wie eben Hitler, unterschied. Erst durch sein kritisches Bewusstsein, das allen religiösen und politischen Fundamentalismen zuwiderlief, wurde Freud "der große kulturelle Übervater, der für nichts so sehr stand wie für die Aufhebung der Herrschaft des Vaters".