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Simon Winders "Germany, oh Germany": Die eine oder andere Lichtung

Könnte nicht weiter entfernt sein vom britischen Horrorbild der Nazi-Krauts: Simon Winders geistreiches Geschichtsbuch "Germany, oh Germany" weist den Autor als intimen Deutschland-Kenner aus. Von Ruth Fühner

Schwerdeutsche Bierseligkeit, japanisch-metrokulturell.
Schwerdeutsche Bierseligkeit, japanisch-metrokulturell.
Foto: Miguel Villagran/Getty Images

Der Titel ist ein Stoßseufzer: "Germany, oh Germany" - das klingt nach Zuneigung und Haareraufen, und tatsächlich könnte dieses "eigensinnige Geschichtsbuch" eines Briten über Deutschland nicht weiter entfernt sein vom Horrorbild der Nazi-Krauts, das englische Massenmedien gern heraufbeschwören. Winder, lange Cheflektor des Penguin-Verlags, ist kein ausgewiesener Historiker, dafür aber ein intimer Deutschland-Kenner und absolut furchtlos in seiner hemmungslosen Subjektivität.

Ausgedehntes Sightseeing hat ihn in abgelegene Städtchen und skurrile Residenzen geführt, die die wenigsten Deutschen kennen dürften; immer auf der Jagd nach Entdeckungen - von ausgesucht pompösen Scheußlichkeiten bis zum angeblich allerschönsten Raum der Welt: dem Vogelsaal des Bamberger Naturkundemuseums.

Als zugereister - und nicht selten befremdeter - Liebhaber des altdeutschen Duodez-Erbes erlaubt sich Winder erfrischend respektlose Urteile, und beinahe schämt man sich beim Lesen über die eigene Klaglosigkeit angesichts der Geschmacksverirrungen und unzurechnungsfähigen Herrscherfiguren unserer Geschichte.

Deren Fluchtpunkt ist unvermeidlich auch für Winder der Nationalsozialismus. Aber der These vom deutschen Sonderweg, dem notwendigen Zusteuern auf den historischen Abgrund, sei es von Luther oder irgendeinem anderen Zeitpunkt an, tritt er entschieden entgegen. Seine Darstellung liest sich eher wie eine Auseinandersetzung mit der Konstruktion des Nationalen im 19. Jahrhundert. Er setzt mit dem Vorspiel zum 2. Akt von Wagners "Siegfried" ein - als Inbegriff der fatalen Mythologisierung germanischer Frühgeschichte -, schlägt von hier den Bogen zurück zur Völkerwanderung und leistet sich nebenbei einen Abstecher zu den Schmuddelgermanen des Hollywoodkinos.

Das Kleinklein der Stammesstreitigkeiten und Eroberungszüge, der dynastischen Bündnisse und des schmerzhaften Einigungsprozesses bleibt bei Winder verwirrend, aber immerhin unterhaltsam; daneben gelingen ihm eindrucksvolle Bilder epochaler Umwälzungen - etwa, wenn er die akribische Entdeckerfreude einer Maria Sibylla Merian gegen das untergehende Weltbild der fürstlichen Kuriositätenkabinette stellt. Vieles ist nicht neu, vieles wird der historisch bewanderte Laie vermissen, Canossa zum Beispiel, oder den Freiherrn vom Stein. Und sollte Sachsen tatsächlich symptomatischer für die deutsche Geschichte sein als Preußen?

Winder schlägt beherzt seinen eigenen Pfad durchs Gestrüpp und legt dabei die eine oder andere Lichtung frei. Natürlich fällt einem Engländer besonders auf, wie modern die Kaufmannskultur der Hanse sich ausnimmt im Vergleich zum militärisch-agrarischen Komplex des Feudalismus. Und auf die atemberaubende Behauptung, die deutsche Entwicklung im Hochmittelalter sei ähnlich verlaufen wie die der Vereinigten Staaten, kommt vielleicht auch nur ein Angelsachse.

Winders Blick von außen wirkt entlastend. Der These, allein der deutsche Militarismus habe ins Desaster des Ersten Weltkriegs geführt, hält er vergleichbare Strukturen auf Seiten der Kriegsgegner entgegen; England wirft er vor, das Kaiserreich durch eine unklare Bündnispolitik ermutigt zu haben. Selbst der Nationalsozialismus erwächst für ihn nicht als notwendige Konsequenz aus dem Parteienchaos der Weimarer Republik. Entscheidend auf dem Weg in die Katastrophe sei, nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und der Inflation, die Weltwirtschaftskrise.

So gut gelaunt, geistreich und manchmal auch flapsig (übersetzt) dieses unterhaltsame und detailverliebte Buch ist, so geschichtsoptimistisch es dem Verhängnis mögliche Alternativen, und versäumte Chancen entgegenhält: Die Schreckenszeit, die 1933 einsetzt, lässt sich so nicht fassen. Glücklicherweise kennt Simon Winder seine Grenzen. Das entsetzlichste Kapitel der deutschen Geschichte bleibt unerzählt, der Epilog spielt in der Gegenwart, an einem der Lieblingsorte Hitlers: Wenn Winder im Münchner Hofbräuhaus einen biertrunkenen Japaner die hauseigene Humba-Täterä-Kapelle zu einem jazzseligen Walzer des Sowjetrussen Schostakowitsch dirigieren lässt, verwandelt er die schwerdeutsche Vergangenheitsbewältigung in eine beinah schwerelose metrokulturelle Groteske.

Autor:  Ruth Fühner
Datum:  23 | 4 | 2010
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