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Literatur

13. August 2014

Sofi Oksanen: Als die Tauben verschwanden: Nahtlose Diktaturen

 Von 
Sofi Oksanen, Finnlands literarische Galionsfigur.  Foto: rtr

Sofi Oksanen schreibt über den perfekten Kollaborateur: Ihr Roman „Als die Tauben verschwanden“ gehört zu einem geplanten Estland-Quartett und wird dazu beitragen, die als Popstar auftretende Schriftstellerin zur Galionsfigur des finnischen Gastland-Auftritts bei der Frankfurter Buchmesse zu machen.

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Von einem, der sich wie ein Fisch im Wasser gleich zweier Diktaturen zu bewegen weiß, erzählt Sofi Oksanen. Von einem geborenen Kollaborateur, egal, welche politische Überzeugung er dafür annehmen muss. Beflissen steht Edgar Parts in den 40er Jahren den deutschen Besatzern Estlands zur Seite, plötzlich heißt er Eggert Fürst. 1944 liest er wieder die Zeichen der Zeit, sucht sich schon mal passende (Ver-)Kleidungsstücke zusammen: „und dann würden die Bolschewiken ihn, Edgar Parts, den Häftling, finden, der Augenzeuge der Gräuel hatte werden müssen, aber von der Roten Armee in letzter Minute gerettet wurde.“ Anfang der 60er Jahre macht er noch einmal als Genosse Karriere, eine relativ bescheidene, aber es reicht für kleinere Annehmlichkeiten, unter anderem für einen Gasanschluss in der Wohnung.

Sofi Oksanen, geboren 1977 als Tochter einer estnischen Mutter und eines finnischen Vaters, heute Finnlands prominenteste Autorin, machte schon in ihren Romanen „Stalins Kühe“ (im Original 2003 erschienen) und „Fegefeuer“ (2008) das von der Sowjetunion besetzte Estland zu ihrem Thema, das sie als Kind noch erlebte. In „Als die Tauben verschwanden“ (2012) greift sie weiter aus: Sie lässt estnische Nationalisten 1941 froh sein, „die Bolschewiken“ loszuwerden, lässt sie auf Unabhängigkeit hoffen – die Deutschen haben es doch versprochen –, lässt sie enttäuscht werden von gerade einmal fünf Tagen Unabhängigkeit im September 1944, einem winzigen Freiheits-Spalt, während die Kommunisten die Nazi-Besatzer fast nahtlos ablösen.

Als im Frühjahr dieses Jahres der Ukraine-Konflikt begann, gehörte Oksanen übrigens sofort zu den eindeutigen Kritikern Russlands – und des Westens, der Osteuropa wohl erneut „verrate und verkaufe“.

Mit „Stalins Kühe“, „Fegefeuer“ und einem weiteren Roman soll „Als die Tauben verschwanden“ zu einem Estland-Quartett werden in einem Werk, das ambitioniert die dunklen Ecken der osteuropäischen Geschichte ausleuchtet; dabei vor allem auch die Selbstverständlichkeit, mit der Frauen in allen Kriegen und Konflikten zum Opfer werden. Oksanen ist da mit angemessener Deutlichkeit Partei.

Aber die Figur des Kollaborateurs steht doch im Zentrum des Romans, der in zwei Erzählsträngen die 40er und 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ineinander flicht. Edgar/Eggert ist so feige wie aus Ehrgeiz geschmeidig, er heiratet Juudit, weil man halt verheiratet ist; Oksanen lässt ihn aber immer wieder auf stramme Männerschenkel schielen und die Ehe mit Juudit nie vollziehen. Es ist ihm mehr als recht, dass sie ein Affäre mit einem SS-Hauptsturmführer beginnt – aushorchen soll sie den, zu Edgars Nutzen. Bei Oksanen ist Hauptsturmführer Hellmuth Hertz die sympathischere, skrupulösere Figur.

Das Buch

Sofi Oksanen: Als die Tauben verschwanden. Roman. Aus dem Finnischen von Angela Plöger. Kiepenheuer & Witsch 2014. 432 S., 19,99 Euro.

Das heißt nicht, dass die Autorin die Nazi-Schreckensdiktatur verharmlost. Es gibt keine Entspannung und keine Sicherheiten in diesem Buch, die Esten befinden sich, so sie nicht wie Edgar kollaborieren, im Widerstand oder in permanenter Angst, einer „Säuberung“ zum Opfer zu fallen. Zuerst „säubern“ die Kommunisten, dann die Nationalsozialisten, dann, in der Estnischen SSR, wieder die Sowjets. Stets gibt es Zwangsarbeiter- und Todeslager, werden Menschen deportiert. Die Kleidung, mit der sich Edgar Parts als Häftling tarnt, findet er mühelos im Konzentrationslager Klooga.

Eine Art Dreiecksbeziehung baut Sofi Oksanen auf, mit Juudit als Scharnier und Nationalist Roland – kurz werden er und Juudit ein Liebespaar sein – als Gegenspieler Edgars. Roland kämpft, lebt im Wald (in Estland gab es die Widerstandsgruppe der „Waldbrüder“) und verhilft Menschen zur Flucht. Er selbst kann nur knapp entkommen – von fern erkennt er seinen herumstolzierenden Vetter und Ziehbruder unter den Lagerherren. Schon seine Mutter, erinnert sich Roland, hat für Edgar, nur für den lieben Edgar heimlich Kaffee gekocht.

Mitte der Sechziger, wenn der Roman sich ausblendet aus dem Leben seiner Figuren, hat Edgar seine Frau Juudit längst in die Tabletten- und Alkoholabhängigkeit getrieben, sie in eine Klinik stecken können und ist ein einigermaßen beachteter Buchautor. Mit dem angeblichen Tatsachenbericht „Im Herzen der nazistischen Okkupation“ denunziert und beseitigt er diejenigen, die ihm noch gefährlich werden könnten – etwa weil sie ihn aus seiner Nazi-Zeit kennen. Für fast alle Figuren endet es bei Oksanen schlimm.

„Als die Tauben verschwanden“ hat einen die Jahrzehnte umspannenden Thriller-Rahmen, den man freilich zwischendurch getrost vergessen kann. Die hübsche Verlobte Rolands, die weiß-wie milch-häutige Rosalie wird ermordet; erst am Ende enthüllt Oksanen, wer warum der Täter ist. Aber es geht der finnischen Autorin nicht darum, Spannungsliteratur zu schreiben. Sie wird umgetrieben von der Frage nach der Charakterfestigkeit in Zeiten der Diktatur. Sie ist auch weniger um detailliertes Zeitkolorit bemüht, als um die Gefühlszustände – eher: Ausnahmezustände – ihrer Protagonisten.

Ihr Erzählton ist dabei eine weitgehend überzeugende Mischung aus Nüchternheit und originell aufblitzenden Bildern. So schluckt Juudit den Soldaten-Muntermacher Pervitin, das „hielt die in den Ohren raschelnden Mäuse fern“. Manchmal möchte man aber nicht ein weiteres Mal gesagt bekommen, dass Juudit ein „kleiner Vogel“ oder ein „Vögelchen“ ist. Und es gelingt Oksanen dann doch nicht vollkommen, in die Haut des Kollaborateurs zu schlüpfen. Seine Homosexualität etwa bleibt ein seltsam denunzierendes Klischee.

„Als die Tauben verschwanden“ (übrigens weil sie, aus Not, gegessen werden) ist trotzdem einer der beachtlichen Romane dieses finnischen Herbstes, in dem die auf Art eines Popstars auftretende Sofi Oksanen allemal die Galionsfigur des Buchmesse-Gastlandes Finnland sein wird.

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