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Literatur

04. Juni 2010

Sofja Tolstojas "Lied ohne Worte": Die Unruhigen

 Von Olga Martynova
Die Eheleute Tolstoj im Jahr 1910.  Foto: Getty Images

Dialog unter Eheleuten: Wie Sofja Tolstaja mit "Lied ohne Worte" auf Tolstojs "Kreutzersonate" antwortete. Während er zum Schluss kam, Ehe sei schädlich, setzte sie der Leidenschaft ein Denkmal. Von Olga Martynova

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Das Buch

Sofja Tolstaja: Lied ohne Worte. Roman. A. d. Russ. v. Ursula Keller. Nachwort von Natalja Sharandak. Manesse Verlag, Zürich 2010, 256 S., 19,95 Euro.

Lew Tolstoj war zu Lebzeiten nicht einfach berühmt, er war das, was wir heute einen "Medienstar" nennen würden. Deshalb war auch seine fast 50-jährige Ehe zum Gegenstand des gesellschaftlichen Interesses geworden - sofort nachdem die ersten Massenpublikumszeitungen in Russland entstanden waren (in den 70er, 80er Jahren des 19. Jahrhunderts). Um die Jahrhundertwende war er der berühmteste lebende Autor. Tolstojs Flucht aus der Familie und sein Tod, der ihn auf einer Eisenbahnstation erreichte, wurden zu einem Spektakel, dem die Welt atemlos folgte.

Am Anfang war die Beziehung klar: Die 18-jährige Sofja bewundert ihren 16 Jahre älteren Man, folgt seinen Ideen von der patriarchalisch-christlichen Familie und ist von der Möglichkeit, ihm beim Abschreiben seiner Texte zu helfen, begeistert. Der Mann wähnt sich auf der Spitze des Glücks und schmiedet Pläne für ein sinn- und ehrenvolles Leben auf dem Familienlandsitz Jasnaja Poljana.

Beide Ehepartner sind unruhige, intellektuell anspruchsvolle Menschen, die sich im Laufe der Jahre weiterentwickeln und ändern. Irgendwann erreicht diese Entwicklung den Punkt, an dem sie mit dem Familienleben nicht so leicht zu vereinbaren ist. Lew Tolstoj, ein Phasenmensch, kommt nach seiner christlich-patriarchalischen Phase zum Schluss, die Ehe sei eine schädliche Institution, jedes Eigentum sei ein Verbrechen, man solle sich von eigener körperlicher Arbeit ernähren und auf jeden Überfluss verzichten.

Sofja Tolstaja fühlt sich zerrissen zwischen der Verantwortung für ihre 13 Kinder, dem Drang zur Selbstverwirklichung, den materiellen Sorgen und ihrer Kampf-Liebe-Beziehung zu ihrem Mann. Beide sind vielseitig begabt, charismatisch, ungeduldig, eifersüchtig, hysterisch. Und beide investieren viel Willenskraft in ihre Ehe, sowohl in deren Zerstörung als auch deren Erhaltung.

1891 veröffentlichte Lew Tolstoj die Novelle "Kreutzersonate" und präsentiert darin seine neuen Ansichten zur Ehe. Das war ein Schock! Viele waren nicht einfach nur empört, sondern sahen die Vernichtung aller Gesellschafts-, ja Zivilisationsgrundlagen kommen. Außerdem hielt man (und hält man auch heute) die Novelle für brutal und frauenfeindlich. Meines Erachtens zu Unrecht, denn Tolstoj spricht davon, dass die Frauen nur deshalb zu fatalen "Verführerinnen" werden, weil in der Gesellschaft keine andere Rolle für sie vorgesehen ist. Dabei kommt er dem Feminismus erstaunlich nahe. Aber das ist ein anderes Thema.

Im Einklang mit dem Titel ist die Novelle von Musik durchdrungen. Der Protagonist ermordet seine Frau aus Eifersucht auf einen Musiker, der sie mit seiner Musik verhext hat. Als hätte Tolstoj die Noten für das spätere Drama, das zwischen ihm und seiner Frau spielte, geschrieben. Denn einige Jahre darauf war Sofja Tolstaja von der Kunst des Komponisten und Klaviervirtuosen Sergej Tanejew hingerissen. Diese Leidenschaft gab ihr die Lebensenergie wieder, die sie nach dem Tod ihres sechsjährigen Sohnes verlassen hatte. Die Eifersuchtsausbrüche Lew Tolstojs erwiderte sie damit, dass sie nur die Kraft der Musik liebe. Der 40-jährige homosexuelle Tanejew wusste nicht, dass er den Familienfrieden von Sofja Tolstaja (über 50) und Lew Tolstoj (fast 70) gestört hatte.

Sofja Tolstaja, die 1893 die Novelle "Eine Frage der Schuld. Anlässlich der ,Kreutzersonate von Lew Tolstoj" verfasst hatte, schrieb ab 1895 an einem weiteren Prosastück mit dem musikalischen Titel "Lied ohne Worte". Ihre Protagonistin Sascha, die trotz der liebevollen Familie, dem liebenden sanften Ehemann und dem sechsjährigen Sohn den Tod ihrer Mutter nicht verkraften kann, fühlt sich plötzlich durch die Musik wieder ins Leben gerufen. Sie meint, die Musik zu vergöttern, verliebt sich aber in den Musiker. Im Unterschied zu "Kreutzersonate" und "Eine Frage der Schuld" kommt "Lied ohne Worte" ohne Todesfall aus. Aber die arme Sascha wird in den Wahnsinn getrieben und begibt sich freiwillig in eine Irrenanstalt.

Interessant ist, wie oft Sofja Tolstaja auch in dieser Novelle zum Dialog mit "Kreutzersonate" kommt. Sie lässt ihre Protagonistin anfänglich meinen, sie liebe lediglich die Musik.

Tolstoj ("Kreutzersonate") seufzt bitter: "Und sie log nicht, sie glaubte daran."

Tolstaja wundert sich: "Wie, wo hatte Beethoven Saschas Gefühle erlauscht? Er hat alles verstanden."

Tolstoj erklärt: "Unter dem Einfluss der Musik glaube ich das zu fühlen, was ich eigentlich nicht fühle."

Tolstaja stellt fest: "Gleichwohl lag in diesem einmaligen Gefühl der Glückseligkeit etwas Frevelhaftes; die Verbindung zwischen der Zuhörerin und dem Spielenden war derart stark, dass sie nicht mehr zerrissen werden konnte."

Tolstoj bestätigt: "Aufgrund des Einflusses, den die Musik auf die sensiblen Naturen hat, musste dieser Mensch ihr nicht nur einfach gefallen, sondern zweifellos sie besiegen."

Im Unterschied zur ersten Novelle "Eine Frage der Schuld" ist das keine Streitschrift. Tolstaja will nun einer Leidenschaft ein poetisches Denkmal setzen. Sie verarbeitet hier zwar ihre eigene schmerzhafte Erfahrung, macht das aber literarisch, nicht autobiographisch. Sie wird zu einer klugen und ehrlichen Analytikerin der Leidenschaft, nicht ohne Hilfe des Werkes ihres Mannes, dessen Markenzeichen es ist, die psychologischen Feinheiten der menschlichen Seele zu erforschen. Und es ist erstaunlich, dass Tolstoj seine "Kreutzersonate" als Vorahnung und nicht als Reaktion schrieb.

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