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Spionage: Wiederholt sich die Geschichte?

Louis Begley klagt an: Der amerikanische Schriftsteller und Jurist vergleicht den legendären "Fall Dreyfus" mit der Situation der Häftlinge in Guantánamo. Von Renate Wiggershaus

Louis Begley vergleicht die Geschichte und kommt zu dem Ergebnis, dass auch die Guantánamo-Häftlinge Verfahren zu erwarten hätten, in denen ihnen der elementare Rechtsschutz vorenthalten werde.
Louis Begley vergleicht die Geschichte und kommt zu dem Ergebnis, dass auch die Guantánamo-Häftlinge Verfahren zu erwarten hätten, in denen ihnen der elementare Rechtsschutz vorenthalten werde.
Foto: ddp

Im Juli 1894 suchte in Paris der hochverschuldete französische Major Ferdinand Esterházy den deutschen Militärattaché Oberstleutnant Maximilian von Schwarzkoppen auf und bot ihm französische Militärgeheimnisse zum Kauf an.

Schwarzkoppen erwarb sie; die Begleitliste zerriss er. Eine vom französischen Geheimdienst bezahlte Putzfrau fand die Schnipsel im Papierkorb und übergab sie dem Nachrichtendienst. Nun wurde nach dem Verfasser der Liste gesucht.

Antisemitisch gesonnene hochrangige Offiziere des Kriegsministeriums verdächtigten Alfred Dreyfus, den einzigen jüdischen Offizier im Generalstab, er habe Landesverrat begangen. Doch Dreyfus war ein wohlhabender Mann und glücklich verheirateter Vater zweier Kinder, bei dem keinerlei Motiv für so eine Tat vorstellbar war. Außerdem glich die Handschrift der Liste der von Dreyfus nur oberflächlich. Da es kein Belastungsmaterial gab, fabrizierten Geheimdienstler gefälschte Schriftstücke, die Dreyfus' Schuld beweisen sollten.

"Tod dem Verräter"

So kam ein Geheimdossier zustande, von dessen Existenz und Inhalt der Artilleriehauptmann nicht die geringste Ahnung hatte. Bei dem im Dezember 1894 unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindenden Militärgerichtsprozess diente es als entscheidendes Beweisstück.

Einstimmig verurteilte das Kriegsgericht Dreyfus zur Höchststrafe: Degradierung und lebenslängliche Haft auf der unbewohnten Teufelsinsel vor der Küste Französisch-Guyanas. Die öffentliche Degradierung fand auf dem Hof der Pariser École Militaire statt: "Ein riesenhafter Feldwebel... riss Dreyfus die Rangabzeichen, Schulterstücke, Knöpfe und Tressen von der Uniform, legte sich das Schwert übers Knie und zerbrach es.

" Immer wieder rief Dreyfus, er sei unschuldig, er liebe Frankreich. "Außerhalb des Hofs brüllte eine wütende... Volksmenge: Tod dem Verräter, Judas, dreckiger Jude..."

Diese eindringliche Schilderung der Degradierungszeremonie findet sich in dem jüngsten Buch des amerikanischen Juristen und Schriftstellers polnisch-jüdischer Herkunft Louis Begley. Es bietet nicht nur eine höchst anschauliche und spannende Darstellung der skandalösen Affäre mit all den weitverzweigten und monströsen Folgen eines Justizverbrechens, sondern beleuchtet auch das Zusammenwirken der politischen und sozialen Faktoren, die zum Zusammenbruch von Rechtsstaatlichkeit und zum Verlust von Fairness, Menschlichkeit und Gerechtigkeit führten.

Mit den dabei gewonnenen Erkenntnissen schlägt Begley den Bogen zu den heutigen Militärtribunalen gegen Terrorverdächtige in den USA. Auch die Guantánamo-Häftlinge hätten Verfahren zu erwarten, in denen ihnen der elementare Rechtsschutz vorenthalten werde, beispielsweise "die Möglichkeit, Beweismaterial, das gegen sie verwendet wurde, zu prüfen und anzufechten."

In dem mehrere hundert Seiten umfassenden Regelwerk zur Behandlung der Guantánamo-Häftlinge sieht Begley einen "unheimlichen Widerhall der ‚Anweisungen für die Deportationsbehörde der Teufelsinsel', die für Dreyfus' Haftbedingungen maßgeblich waren."

Dazu gehörten Isolationshaft, Ankettung, Folter. Sowohl in Frankreich als auch in den Vereinigten Staaten waren hochgestellte Regierungsbeamte involviert, um dem krassen Unrecht den Anschein von Legalität zu geben und Lügen und Fälschungen als Mittel im Dienst der Wahrheitsfindung hinzustellen.

Unterdrückung, Ungerechtigkeit

Analogien sieht Begley ebenfalls in der Zugehörigkeit der Gefangenen zu einer religiösen Minderheit. Dadurch seien der Jude Dreyfus und die muslimischen Guantánamo-Häftlinge in besonderer Weise der "Unterdrückung und Ungerechtigkeit" ausgesetzt gewesen. Parallelen ergeben sich für Begley auch durch die historischen Ereignisse, die ein Klima begünstigten, in dem Vorurteile die Suche nach Landesverrätern bzw. sogenannten feindlichen Kombattanten steuerten.

Frankreich stand noch unter dem Schock der Niederlage von 1870/71. Der Verlust Elsass-Lothringens und die immensen Reparationszahlungen wurden als Schmach empfunden. Die USA erlebten den Anschlag vom 11. September 2001 als Trauma. Detailliert schildert Begley, wie das weit verbreitete Gefühl der Demütigung zu einer bedenkenlosen, unkritischen Bejahung des sogenannten Kriegs gegen den Terror führte, der sich fast unmerklich in einen Krieg gegen die amerikanischen Ideale verwandelte.

"Why The Dreyfus Affair Matters" lautet der englische Titel dieses wichtigen und beeindruckenden Buches. Mittels der Vergegenwärtigung des mehr als hundert Jahre zurückliegenden Justizverbrechens in Frankreich und dem Aufzeigen von Parallelen in der Behandlung heutiger vermeintlicher Staatsfeinde in amerikanischen Gefangenenlagern möchte Begley darauf hinwirken, "dass Präsident Obama Maßnahmen ergreift, die den Vereingten Staaten einen ähnlich bitteren Streit" wie Frankreich ersparen und den Guantánamo-Häftlingen, "die es verdienen, den Weg in die Freiheit ebnen".

Heute Abend um 20 Uhr stellt Louis Begley zusammen mit Mario Adorf sein Buch im Mozartsaal der Alten Oper vor. Denis Scheck moderiert.

Louis Begley:

Der Fall Dreyfus.

Aus dem Amerikanischen von Christa Krüger. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/ Main 2009,

248 S., 19 Euro 80.

Autor:  RENATE WIGGERSHAUS
Datum:  18 | 6 | 2009
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