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Literatur

14. Januar 2013

Sprachstreit um "Die kleine Hexe": Die "bösen Wörter" von Otfried Preußler

 Von Cornelia Geissler
Das Kinderbuch "Die kleine Hexe" von Otfried Preußer soll überarbeitet werden. Foto: dpa

Der Thienemann-Verlag will das Wort "Negerlein" aus dem Buch "Die kleine Hexe" von Otfried Preußler streichen. Der Verlag will nicht schuld sein, wenn Kinder einen Schwarzen „Neger“ nennen. Viele Leser finden die Korrektur lächerlich.

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Eine Flut von Mails füllt seit Tagen die Postfächer des Thienemann- Verlags in Stuttgart. 99 Prozent der Mails seien Beschimpfungen, klagt der Verleger im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels, ein wahrer Shitstorm habe den Verlag ereilt. Er hatte angekündigt, das Buch „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler behutsam zu modernisieren. Aufreger ist nicht die Tatsache, dass die Illustrationen koloriert werden, sondern der Eingriff in den Text.

Das Wort „Negerlein“ wird gestrichen und durch ein anderes ersetzt. Anders als beim heutigen Südseekönig in Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“, der vor der Modernisierung im Oetinger-Verlag ein Negerkönig war, geht es hier nicht einmal um farbige Menschen, sondern nur um eine Faschingskostümierung.

Lächerlich finden viele Leser die Korrektur. Lustigerweise gibt es seit Freitag eine neue Welle des Protests, weil die Kollegen von Spiegel Online mit einem weiteren Beispiel aus dem Hause Thienemann nachlegten. Auch das Wichsen ist in dem 1957 erstmals erschienenen Buch nicht mehr erlaubt. Böse Kinder werden nun nicht mehr „durchgewichst“, sondern „verhauen“.

Verleger sieht seinen Bildungsauftrag

Es lässt sich hier auf zweierlei Weise argumentieren. Der Verleger sieht seinen Bildungsauftrag. Er möchte sich nicht schuldig fühlen, wenn Kinder einen Schwarzen „Neger“ nennen. Eine Prügelei auf dem Schulhof ist ihm verständlicherweise lieber als das Durchwichsen.

Auf der anderen Seite steht die Frage, wie man sich einem Kunstwerk gegenüber verhält. So ein Kinderbuch ist das schöpferische Werk eines Autors. Otfried Preußler gehört mit der „Kleinen Hexe“, dem „Kleinen Gespenst“, dem „Räuber Hotzenplotz“ und „Krabat“ zu den Großen der deutschen Kinder- und Jugendliteratur.

Weil seine tollsten Bücher in den Fünfziger- und Sechzigerjahren erschienen, wird heute nicht mehr jedes Wort wie damals verwandt. Weil sie aber weise und witzig sind und ihre Sprache von großer Poesie, erweist sich ihre märchenhafte Ewiggültigkeit bis heute. Von Otfried Preußler stammt ein schöner Satz über Kinder als „das beste und klügste Publikum, das man sich als Geschichtenerzähler nur wünschen kann. Kinder sind strenge, unbestechliche Kritiker.“

Erich Kästner mit "ungebräuchlichem" Vokabular

Auch viele Wendungen in Erich Kästners „Emil“ sind heute nicht mehr gebräuchlich. Und Alfred Wellm und Benno Pludra schrieben in einem Staat, den es nicht mehr gibt, dennoch kann man „Das Pferdemädchen“ und „Lütt Matten und die weiße Muschel“ ohne Modernisierung verstehen. Nur weil diese Kunst für Kinder entstand, ist sie nicht weniger wert. Wer vorliest, kann erklären, was heute anders klingt. Wer selber liest, kann fragen.

Auch solche Gespräche sind ein Verdienst des Künstlers.

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