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Literatur

28. Februar 2013

Stéphane Hessel: Der Engel der Geschichte

 Von 
Der französische Autor Stéphane Hessel (1917-2013)  Foto: AFP/BORIS HORVAT

Er hat sich empört und Vorschläge gemacht: zum Tod von Stéphane Hessel.

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Sein Essay, sein Pamphlet, sein Aufruf, sein „Empört Euch!“ war gerade in Frankreich erschienen, hatte dort in Null-Komma-nichts die Marke von einer Million genommen. Man schrieb das Jahr 2010, und Stéphane Hessel war gerade 92 Jahre alt geworden, da saß ich in seiner kleinen Wohnung in Paris und erlebte den quirligsten, den wachsten Mann, der mir jemals untergekommen war. Wir Journalisten versanken in den schweren Sesseln. Hessel aber schien ein kleines Stück Luft zwischen sich und dem Polster zu lassen. So saß er, so klein er auch war, doch fast ein Stück über uns. Vor allem aber musste er, wenn das Telefon klingelte, sich nicht erst mühsam aus dem Sessel quälen, sondern sprang die paar Schritte hinüber und antwortete auf Deutsch oder Französisch, wie es gerade gebraucht wurde.

Er war leicht wie ein Engel und so gut gelaunt, wie ich mir die Bewacher meiner Kindheitsträume immer gewünscht hatte. 1948 hatte er mitgearbeitet an der Formulierung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Davor war er, der 1917 in Berlin geboren worden war, mit seinen Eltern 1924 nach Paris gezogen, hatte in der Résistance die deutschen Besatzer bekämpft, war ins KZ Buchenwald gekommen und hatte das überlebt, indem er die Identität eines Toten annahm. Er, der jetzt weit über ein halbes Jahrhundert danach noch immer der Lebendigste war in diesem Raum.

Stéphane Hessel hat alles gesehen. Er war jahrzehntelang in den Ländern der Dritten Welt unterwegs gewesen. Er wusste, was Armut ist und Elend. Er hat sich umgeschaut, hat analysiert, nach Lösungen gesucht, „Vorschläge gemacht“. Und als er alt geworden war und noch älter, als er nichts mehr zu sagen hatte, als seine Weggefährten schon alle gestorben waren, als man ihn an die unteren Tischränder setzte, als er seltener eingeladen wurde, als er denen, die jetzt das Sagen hatte, auf die Nerven ging mit seinen kritischen Hinweisen – da setzte er sich hin und schrieb, diktierte in wenigen Tagen die nicht einmal zwanzig Seiten seines Aufschreis. Und bald darauf kannte ihn fast jeder Bürger der westlichen Welt.

Traum der Jugend

Hessel rückte ins Zentrum der Aufmerksamkeit der Medien. Nicht nur das: Die kleine Broschüre „Empört euch!“ wurde wirklich gelesen. In den Zeitungsläden lag sie neben der Kasse, und ich sah, wie die Stapel täglich wegschmolzen und durch neue ersetzt werden mussten. Stéphane Hessel bot keine Analyse, keine überraschenden Einsichten. Er rief den Lesern nur zu: Schaut den Machern auf die Hände, lasst Euch nichts vormachen, lasst ihnen nichts durchgehen! Wehrt Euch!

Es war die Stimme eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hatte. Es war die Stimme eines Mannes, der sagen konnte: „93 Jahre. Ein wenig ist das schon die allerletzte Etappe.“ Das waren die ersten Worte des Essays. In dem „ein wenig“ schwingt die heitere Selbstironie mit und in der Altersangabe viel Wut. Man sah den Mann vor sich, wie er zurückschaut: auf das, was er getan hat, und auf die Welt, die er seinen Urenkeln hinterlässt. Er ist nicht zufrieden. Nicht mit der Welt und also auch nicht mit sich. Das steckt in diesem Aufschrei. Seht her! Wir haben uns angestrengt, wir haben es versucht, aber es ist uns entglitten.

Was heißt es? Die Welt ist ihm und seinen Freunden, die nach dem Zweiten Weltkrieg so entschlossen gewesen waren, sie schöner und freundlicher zu machen, aus den Händen genommen worden und andere haben sie hässlich und brutal gemacht. Nehmt das nicht hin! Empört Euch! Wehrt Euch! Es kommt nicht darauf an, dass möglichst viel produziert wird, dass Geld gemacht wird. Es kommt darauf an, die Verhältnisse so zu gestalten, dass wir nicht einer des anderen Wolf, sondern einer des anderen Freund sind. Der Traum der Jugend. Diesem Traum half der 93-jährige Stéphane Hessel wieder auf die Beine.

Schon das trieb vielen von denen, die diesen Traum einmal geträumt, aber längst zu Grabe getragen hatten, Tränen der Rührung in die Augen. „Empört Euch!“ war auch das Buch zur Wirtschaftskrise. Im Sommer 2007 war die Immobilienblase in den USA geplatzt, im September 2008 hatte Lehman Brothers den Geist aufgegeben. Am 1. Juni 2009 meldete General Motors Insolvenz an. In der Eurozone ging die Industrieproduktion zwischen Frühjahr 2008 und Frühjahr 2009 um zwanzig Prozent zurück. Es war offensichtlich: Die Wirtschafts- und Finanzpolitik der letzten Jahrzehnte hatte in die Katastrophe geführt.

Zorn aus Lust am Leben

Stéphane Hessel schreibt kaum ein Wort darüber. Er ruft den Jugendlichen zu: „Wenn ihr euch umschaut, werdet ihr alles Mögliche finden, über das ihr euch empören könnt – die Behandlung der Immigranten, der Illegalen, der Roma.“ Organisiert Euch für konkrete Aufgaben! Ruft er ihnen zu. Der Diplomat, der immer wieder zuständig war fürs große Ganze. Stéphane Hessel wuchs seine Autorität zu aus dem, was er erlitten und getan hatte, aber ebenso sehr aus dem, was er nicht getan hatte. Ziviler Ungehorsam war nicht das Element gewesen, in dem er sein Leben zugebracht hatte. Er war ein erfolgreicher Bürokrat gewesen, ein Vertreter des Apparats. Desto größer war die Autorität seiner Kritik an dem und dessen Wirken.

Stéphane Hessel führte vor, dass es einen Zorn gibt, der nicht aus dem Miesgram kommt, sondern aus der Lust am Leben. Wer lacht, muss nicht einverstanden sein, und freundlich ist nicht nur jener, der nicht weiß, was geschieht. Der Zorn auf die Verhältnisse muss nicht hässlich machen. Er kann einhergehen mit einer gewinnenden oder auch umwerfenden Heiterkeit. Das hätten wir lernen können bei Stéphane Hessel.

Seinem kleinen Text hatte er eine Reproduktion von Paul Klees „Angelus Novus“ vorangestellt, den Walter Benjamin so kommentierte: „Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ Stéphane Hessel ist auch ein Engel der Geschichte. Einer, der sich umzudrehen vermochte und ein Lächeln aus der Zukunft in die Katastrophen der Gegenwart brachte.

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