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Literatur

01. Mai 2011

Stadtflucht: Cocooning mit Misthaufen

 Von Kathrin Hartmann
Arbeitslosigkeit, sterbende Bauernhöfe, Naturzerstörung: So kann das Land auch aussehen.  Foto: jala / photocase.com

Nie war die Sehnsucht der Großstädter nach dem Land größer. Mit dem realen Land hat diese Begeisterung allerdings wenig zu tun. Schon mehr mit dem Manufactum-Katalog.

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Nie war die Sehnsucht der Großstädter nach dem Land größer. Mit dem realen Land hat diese Begeisterung allerdings wenig zu tun. Schon mehr mit dem Manufactum-Katalog.

In unserer neuen Ausgabe möchten wir mit Ihnen übers Land fahren, Kamille am Wegesrand pflücken und die Feldlerche beobachten“. Das verspricht die aktuelle Ausgabe von Landlust ihren landverliebten Lesern in den deutschen Metropolen.

Viel Spaß beim Suchen, liebe Städter! Mag sein, dass am Rande der Monokulturen von Energie-Mais, -Gras und -Raps noch ein paar Büschel Kamille stehen, die den Pestizidregen überlebt haben. Mit der Feldlerche wird das eher nix: Der Bodenbrüter ist in Deutschland vom Aussterben bedroht, die intensive Landwirtschaft hat ihn fast ausgerottet.

Wodurch, das kann man beim Blättern in Top-Agrar sehen, der auflageschwächeren Schwesterpublikation des Lifestyle-Magazins für Neu-Dörfler. Da geht es nicht um selbstgebaute Lehmöfen zum Brotbacken oder handbemalte historische Gartenzwerge aus einer Thüringischen Gartenzwergmanufaktur (limitierte Auflage mit Landlust-Logo: 30 Euro) – sondern zur Sache: mit Dünger und Gift, Melkkarussells und Schweinemastanlagen. Die beiden Publikationen im selben Verlag, die unterschiedlicher nicht sein könnten, bringen auf den Punkt, wie sich Realität und Fiktion des Landlebens unterscheiden.

Dass es auf dem Dorf so zivilisationsfern zugeht wie bei den Amish ist von jeher nur eine Fantasie der Städter. Einst als weltfremde Provinz belächelt, dient heute das Land dem konsummüden Metropolenbewohner als Arkadien. Besser gesagt: seine Idealvorstellung davon, die sich speist aus Rückzugssehnsüchten, Landliebe-Werbung und Manufactum-Katalog. Das Land dient dem Städter als Projektionsfläche des Echten und Ursprünglichen, ja, des Wahren und Guten.

Landluft, Landidee, Landspiegel, Liebes Land ...

Am augenscheinlichsten macht sich dieser Trend in Zeitschriftenregalen bemerkbar, in denen sich zu Landlust – mit einer verkauften Auflage von knapp 800.000 Exemplaren der größte Zeitschriftenerfolg Deutschlands – Titel wie Landluft, Landidee, Landspiegel, Liebes Land, Mein schönes Land oder Landhaus Living gesellen. Selbstversorger-Anleitungen findet man auch in Bahnhofsbuchhandlungen, Journalisten berichten in Schrebergarten- oder Balkon-Kolumnen vom erfüllenden Wühlen in der Erde.

Die Bücher

Axel Brüggemann: Landfrust. Ein Blick in die deutsche Provinz. Kindler Verlag 2011, 272 Seiten, 14,95 Euro.

Irmgard Hochreiter: Schöner Mist. Mein Leben als Landei. Ullstein Verlag 2011, 208 Seiten, 8,95 Euro.

André Meier und Anja Baum: Hollerbusch statt Hindukusch. Neues von der Aussteiger-Front. Seitenstraßen Verlag 2011, 144 Seiten, 9,90 Euro.

Dieter Moor: Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone. Rowohlt Verlag 2009, 304 Seiten, 8,99 Euro.

Martin Reichert: Landlust. Ein Selbstversuch in der deutschen Provinz. Fischer Verlag 2011, 220 S., 8,95 Euro.

Hilal Sezgin: Landleben. Von einer, die rauszog. DuMont Verlag 2011, 300 Seiten, 19,99 Euro.

Und spätestens seit diesem Frühjahr bildet das Thema Stadtflucht ein eigenes Genre auf dem Selbsterfahrungsbuchmarkt. Dieter Moors „Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone“ von 2009 folgten nun etwa Irmgard Hochreiters „Schöner Mist. Mein Leben als Landei“, Martin Reicherts „Landlust. Ein Selbstversuch in der deutschen Provinz“, „Hollerbusch statt Hindukusch. Neues von der Aussteiger-Front“ von André Meier und Anja Baum sowie „Landleben. Von einer, die rauszog“ von Hilal Sezgin.
Nun ist es weiß Gott nichts besonderes, rauszuziehen – junge Familien machen das seit Jahrzehnten, der Kinder wegen. Auf dem Land gibt es Platz fürs Eigenheim, bessere Luft und mehr Action für die Kleinen. Doch die neue Landsehnsucht hat keine pragmatischen Gründe, es geht um Ganze: das Glück. Nach Wellness-Trend, Slow-Food und Nachhaltigkeit als Lifestyle ist der sinnsuchende Mensch nun auf dem Land angekommen, dem scheinbar letzten Hort der Authentizität.

Das erinnert an die deutsche Romantik: Sie setzte den Entfremdungstendenzen der Moderne, der streng rationalen Aufklärung und der beginnenden Industrialisierung Individualität, Gefühl, Mystik und Natursehnsucht entgegen. Doch im Unterschied zur Romantik ist die neue Sehnsucht nicht auf die Gesellschaft gerichtet, sondern auf die Suche nach sich selbst: Ziel ist die Stimmigkeit des eigenen Lebens, das wahre Leben. So wird der Rückzug aufs Land als letzte große Herausforderung gefeiert – und bleibt doch Cocooning mit Misthaufen.
Denn dass es ausgerechnet jene Generation zurück zur Natur zieht, die in der Konsumgesellschaft sozialisiert ist, ist weniger widersprüchlich denn logisch. In der 2009 erschienenen Publikation „Sinnmärkte. Wertewandel in den Konsummärkten“ schreibt Zukunftsforscher Eike Wenzel: „Die modernen Konsumenten beginnen, das Sein über dem Haben zu privilegieren. Wir erleben gerade die Entstehung des Zeitalters der Sinnmärkte. In enttraditionalisierten Gesellschaften wird Lebenssinn zum permanenten Mangel. (...) Kauften wir uns früher Mehrheitskultur, geht es heute um immaterielle Werte.“ So konsumiert man auf dem Land eben Stimmungen, Atmosphäre und antimaterialistische Ideen von Tradition und vergangenen Werten.

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