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Literatur

18. Januar 2016

Steffen Martus "Aufklärung": Das große Krabbeln

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Friedrich II., so malte es Adolph Menzel, versammelte in seiner Tafelrunde die geistigen Großmächte seiner Zeit, darunter Voltaire.  Foto: dpa

Steffen Martus zeichnet ein Epochenbild der deutschen Aufklärung – eine Schule der sozialen Aufmerksamkeit. Seine wertvollsten Einsichten sind die Neubewertungen vermeintlicher historischer Schwächen der Epoche.

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Ein Pfund Kaffee kann unterschiedlich schwer sein. In Leipzig bewahrte der Rat der Stadt um 1709 einundsechzig verschiedene Gewichte auf, die jeweils einem Pfund in den verschiedenen Städten entsprachen, mit denen die Sachsen Handel trieben. Keines der Gewichte glich jedoch dem, was wir heute für ein Pfund halten.

Und wie bei den Gewichten ging es im 18. Jahrhundert auf allen anderen Ebenen des alltäglichen Lebens zu, nur, dass die meisten wesentlich komplexer waren und sich die Differenzen nicht einfach mit Normgewichten aus der Welt schaffen ließen. Deutschland als ein gemeinsamer Erfahrungs- und Empfindungsraum gab es noch nicht, nicht mal als Vorstellung. Das von späteren Generationen gern als Flickenteppich verzwergter Fürstentümer denunzierte Gebilde mit dem komischen Namen „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“ war ein schwer durchschaubares Gefüge gegenseitiger Abgrenzungen und Allianzen. Von der heutigen, geistig aufgeräumten Nation aus braucht man eine enorme Vorstellungskraft, um sich das Wirrwarr jener Gesellschaft auszumalen – oder man liest dieses Buch.

Steffen Martus, Literaturwissenschaftler an der Humboldt-Universität Berlin, unternimmt darin den faszinierenden Versuch, die Aufklärung nicht nur als philosophisches Programm mit politischem Befreiungsimpetus zu verstehen, sondern als soziale Praxis. Er zeigt eine Gesellschaft im Modus des Sichzusammenraufens. Er sucht die Aufklärung weniger im Denksystem Kants als vielmehr in den Verwaltungskammern der fürstlichen Höfe, in Schlichtungsbüros, in den Zimmern des Hamburger Stadtrates oder den Redaktionsräumen der Auskunfteien.

Aufklärung heißt eben auch, sich wechselseitig zur Kenntnis zu nehmen. Sieht man in der Aufklärung nicht nur das philosophische Sahnehäubchen, sondern zeichnet wie Martus ein Bild der Epoche, dann war Aufklärung zunächst in ganz elementarem Sinne Austausch von Informationen.

Nehmen wir so ein schönes Wort wie „Fragamt“, auch Adressbüro oder Intelligenz-Comptoir genannt. Diese Auskunftsbüros gaben auch Blätter heraus; sie funktionierten wie Kleinanzeigenmärkte für Tausch und Verkauf, aber auch für Suchanfragen nach Reisepartnern, Arbeitsstellen oder Verpfändungsmöglichkeiten. Der Übergang von der Formulierung einzelner Interessen zur Erörterung der allgemeinen Lage war dabei fließend; häufig entstanden aus den Anzeigenmärkten veritable Zeitungen.

Das Buch

Steffen Martus: Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert – Ein Epochenbild. Rowohlt Berlin 2015. 1038 S., 39,95 Euro.

Der Obrigkeit war das in der Regel recht, zumal die Lektüre ohnehin nur für die Kreise infrage kam, die sie sich leisten konnte. In den Stereotypen der Fortschrittsgeschichte haben wir uns angewöhnt, die Aufklärung als ein von unten gegen die Fesseln der Zensur ankämpfendes Befreiungsprogramm zu sehen. Steffen Martus dagegen zeigt, dass aufklärerische Strategien häufig von oben ausgingen im Interesse, gesellschaftliche Konflikte durch die Ermöglichung sozialer Anteilnahme und Erörterung zu befrieden.

Die Zeitung, das aufklärerische Medium schlechthin, organisierte die soziale Aufmerksamkeit auf neue Weise periodisch und regelmäßig. Sie schuf ein Bewusstsein dafür, dass man „verlässlich mit Überraschungen rechnen darf“, und sorgte allein schon dadurch für Entdramatisierung – lebensnotwendig in einer Stadt wie Hamburg zum Beispiel, wo Predigtfehden zwischen Lutheranern und Calvinisten erbitterte Straßenschlachten auslösen konnten.

Die Zeitung vermittelte eine „politische Haltung kühler Teilnahme und warmer Distanz“, für Martus eine Art Idealdisposition, ein Charakteristikum guter Bürgerlichkeit, auf die man sich im Zuge der Aufklärung allmählich verständigte.

Zur guten Bürgerlichkeit gehört die Anerkennung von Zwängen, Grenzen und Befangenheiten; heilsgeschichtliches Denken oder radikaler Fortschrittsglaube waren der Aufklärung, folgt man Martus, ganz fremd. Immanuel Kant habe zwar mit der Bezeichnung der Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit“ die griffigste Formel der Epoche geliefert, mit ihr gleichzusetzen sei er deswegen aber noch lange nicht. Im Gegenteil: Nicht die Abschaffung der Unmündigkeit war das Ziel der meisten Aufklärer, sondern ihr Eingeständnis. Sie zeichnet das Bild eines Menschen, „der gerade als Individuum auf andere angewiesen ist, dessen Gedanken nur auf Umwegen zirkulieren, der keine souveräne Entscheidungsmacht über sich selbst hat, der vielmehr von seinem Körper, seiner Erziehung, seiner gesellschaftlichen Umgebung und den kulturellen Bedingungen seiner Zeit abhängt“.

Typisch für die Aufklärung ist demnach nicht die rationale Selbstermächtigung in einem philosophischen System, sondern der produktive Umgang mit Abhängigkeiten aller Art – das 18. Jahrhundert hatte davon viel zu bieten. Ein Wimmelbild habe er da gezeichnet, bescheinigte ein Kritiker dem Autor.

Die Menge an Skandalen, Konflikten und Krisen, die Martus streift, hat in der Tat Krabbelqualitäten, und auch die Aufklärer, die ihr Herr zu werden versuchen, treten in Massen auf. Wie er diesen Stoff orchestriert und den Leser hindurchnavigiert, ist bewundernswert. Man begreift die epochalen Kräfte in Fülle und Detail, sieht aus der Distanz ein frühes Beispiel von Schwarmintelligenz.

Die wertvollsten Einsichten, die Martus’ Buch vermittelt, sind die Neubewertungen vermeintlicher historischer Schwächen der Epoche. Ihn interessiert an der Aufklärung vor allem das, was sich nicht in die Modernisierungsgeschichte fügt. So entdeckt er die Einübung wesentlicher Tugenden von heute sogar im höfischen Zeremoniell; hier wurde „verhandelt, (…) erkämpft, erschlichen, ersessen, erzwungen und vertraglich geregelt“. Dem alten Reich habe es „in vorbildlicher Weise an Selbstverständlichkeit“ gemangelt, schreibt Martus in einer Wendung, die typisch ist für seine hintersinnige Wertschätzung der sozialen Aufmerksamkeit.

Der Mensch wird sich fremd in der Aufklärung. Er lernt, sich in der Unsicherheit einzurichten und mit Differenzen zu leben. Die von der späteren Nationalgeschichtsschreibung denunzierte Kleinstaaterei war eine Schule der geistigen Beweglichkeit, des Sichdurchwurstelns, des Austarierens von Interessen, des Umgangs mit Mehrdeutigkeiten.

Eines der beliebtesten Forschungsfelder in der Geschichtswissenschaft ist derzeit die „gute Policey“. Sie spielt auch bei Martus eine große Rolle. Die „gute Policey“, nicht zu verwechseln mit der mit „i“ geschriebenen Institution, war sozusagen das Zeremoniell für Arme, für das soziale Leben unterhalb des Hofes. Es war das geschriebene und ungeschriebene Regelwerk des öffentlichen Lebens, vom Glücksspiel bis zur Einwanderung, vom Straßenbau bis zu Sexualität und Ehe.

Die Diskussion der „guten Policey“ war der ideale Austragungsort aufklärerischen Ehrgeizes, der sich bis heute fortsetzt in der Diskussion um unsere Normen und Werte – ein unabgeschlossenes Projekt.

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