Die Lage ist eine solche Schieflage, dass die Romanhauptakteure Wilhelm Genazinos noch nie anders konnten, als darauf mit einer unentwegten Fixierung zu reagieren. Von der Einfühlung in diese Fixierung waren sie rundweg erfüllt. Das gilt auch für den neuesten Romanprotagonisten, der als Architekt arbeitet: „Ich hatte jetzt zwei Gebrauchtfrauen, einen Gebrauchtjob, einen Gebrauchtwagen und jetzt auch noch einen Gebrauchtschreibtisch. Ich erschrak, erhob mich und lief eine Weile im Büro umher.“
Häufig sind Genazinos Hauptpersonen Büroangestellte gewesen. Seine Romane, die in der Angestelltenwelt spielen (ganz abgesehen davon, dass sie wiederkehrend in Frankfurt spielen), erzählen vom vielfachen Erschrecken des Ichs. Sie handeln davon, wie die Panik die Protagonisten aufscheucht, wie die innere Unruhe ein Ich die Ausflucht im Umherlaufen suchen und zu einem Unruhegeist werden lässt. Auch in „Wenn wir Tiere wären“, dem Roman, der am Montag erscheint, vergeht kein Tag, an dem die Unruhe nicht ausgeprägt wäre, an dem es gleichzeitig nicht auch zu einer tiefen Selbstversenkung in diese Unruhe käme: „Leider steckte ich gerade wieder in meinem eigenen inneren Oratorium, aus dem ich nur noch selten hervortrat.“
Dramatisch sind die Ich-Soli, die der heute 68-jährige Wilhelm Genazino seiner Figur auf den (alternden) Leib geschrieben hat. Nicht weniger dramatisch ist der Chor der Bekenntnisse, mit denen Seelenpein orchestriert wird. Romane des Büchnerpreisträgers sind dazu geschaffen worden, der Lächerlichkeit der Existenz einen schonungslosen Resonanzraum zu geben. Bei aller Gereiztheit ist auch die neueste Figur von geringer mitmenschlicher Empfindungsbereitschaft. Mitleid kennt sie so gut wie überhaupt nicht, allenfalls für sich selbst. Das Selbstmitleid des Protagonisten – da kann, ja, wenn wir Tiere wären, ein Blick auf eine Amsel genügen – nimmt liebend gern Züge ausgeprägter Weinerlichkeit an.
Abgebrochene Philosophiestudenten und Apokalypse-Spezialisten
Zweifellos war Genazinos unmittelbare Vorgängerfigur, der Waschsalonangestellte Gerhard Wahrlich, stark reflektiert, als abgebrochener Philosophiestudent dachte er in „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ schon von Haus aus fundamentaler über das Leben nach als jetzt der Architekt oder zuvor etwa die Hauptfigur des Romans „Die Liebesblödigkeit“, ein Apokalypse-Spezialist.
Während dieser Roman für Genazinos Verhältnisse außergewöhnlich handlungsintensiv ist, so ist der neueste deswegen nicht gleich handlungsarm. Erneut ist der Leser Mal dabei, wenn sich eine Genazinofigur unentwegt belauscht und seine Umgebung belauert. Die Einwände, die dabei zustande kommen, betreffen besonders stark den eigenen Körper, haarfein werden überdies die Körper von Frauen unter die Lupe genommen. Wie es sich für Einwände gehört, die ästhetische Beanstandungen geltend machen, fallen sie entsprechend kompromisslos aus.
Das jüngste Urteil, Stilkritik bleibt Stilkritik, ist schonungslos: „Ich glaube, Maria war auf stille Weise begeistert von ihrer sexuellen Macht über mich. Ihre Haut begann ein wenig mehlig und mürbe zu werden.“ Die Beziehung zu Maria ist eine Problembeziehung, das liegt sicherlich an Marias Alkoholproblemen. Aber es liegt ebenfalls daran, dass auch dieser Protagonist ein gnadenloser Beziehungsrezensent ist.
Gleich zu Beginn des Romans wurde Michael Autz zu Grabe getragen. Auf Karin, die Autz zurückließ, richtet sich die erotische Aufmerksamkeit des Ich-Erzählers schon beim Begräbnis. Wie äußerst ausgeprägt bei Genazino hat in einem besonderen Maße ein Todesfall in der näheren Erzählerumgebung nicht unerheblichen Anteil auf die Entwicklung. Beerdigungen werden zu Anlässen der Abschweifung. Der Kreis, in dem Genazino seit Jahren seine Beerdigungen spielen lässt, lud immer schon ein zu Körperbegut-achtungen. Nicht einmal in Grabnähe gewann der ultimative Abschied Deutungshoheit, so auch hier, Tränen sind ein allenfalls komisches Missverständnis. Nein, das Begräbnis ist kein Anlass zu metaphysischer Bestürzung, eine so hohe Meinung hat auch diese Figur Genazinos vom Tod nicht.
Was über den kleinen Tod gesagt wird, steht dem wenig nach. Der Ich-Erzähler nutzt das sexuelle Ineinander mit Frauen zu bestürzenden Ritualen und demolierenden Urteilen. Was die Nacktheit von Körpern angeht, artikuliert er Schonungslosigkeit pur. Er ist ganz bestimmt ein Frauenkörperkritiker. Eher (bloß) illusionslos sieht er seine berufliche Situation. Anfangs als Freiberufler (der auch ein Freizügigkeitsaktivist ist) abhängig von der Auftragslage und der Gunst eines erfolgreichen Büros, das ihn mit subalternen Aufträgen versorgt, hier einem Supermarktanbau, dort die Statik einer Hängebrücke, nimmt er eines Tages eine Festanstellung an.
Namenloser Protagonist
Mit seinem Posten tritt er die Nachfolge seines verstorbenen Freundes Autz an, und an dieser Stelle, spätestens, wird es Zeit für die Erklärung, warum für diese Genazinofigur (bisher) nur diese Behelfsformulierung angemessen ist, bleibt doch der Protagonist namenlos. Der Leser mag denken: Jetzt aber, jetzt muss der Name fallen, endlich! Doch stoisch hält der Romanautor fest an der Fiktion einer namenlosen Existenz. Umso grotesker, wie dieses namenlose Ich unter Bekenntniszwang steht: „Ich war ein moderner, zuweilen konfuser Mann geworden, der seiner Ich-Suche überdrüssig geworden war (das war meine Vermutung) und seine temporäre Verwirrung mehr und mehr annahm.“ Mit der Vermutung hat die Ich-Figur absolut recht, denn mit allen Genazinofiguren teilt sie eine extreme Sprunghaftigkeit und Unstetigkeit, hier zwischen Maria, Karin und Frau Meinecke, einer Korridorbekanntschaft aus dem Büro.
Stark ausgeprägt ist die Mutterbindung, noch stärker die Bindungsunlust auch dieser Genazinofigur. Dass der dann doch Festangestellte im Gefängnis landet, könnte als blanker Hohn aufgefasst werden. Andererseits ist es so, dass der Knasteintritt ein wenig als Ausbruch aus dem bürgerlichen Leben betrachtet wird. Ein falscher Ausweis brachte den Ich-Erzähler ins Stolpern, doch auch hier, mit der Einweisung in die Haftanstalt, der Identifizierung des Bürgers, kommt der wahre Name, denn Genazino ist wahrlich ein durchtriebener Autor, der Figur nicht ans Licht. Ein Ego ohne Identität?
Das jedenfalls gilt für einen Egomanen beziehungsweise Ich-Erzähler beziehungsweise ausgewiesenen Aktivisten des inneren Monologs. Die Verstiegenheiten in ihn hinein sind horrend. Wie regelmäßig bei Genazino ist auch dieses Ich das lebende Beispiel einer monströsen Innerlichkeitsinkontinenz. „Immerzu bewegen sich schwere Dinge in meinem Innern“, hieß es etwa in „Das Glück in glücksfernen Zeiten“. Leitmotivisch ist es jetzt wieder da, etwa in dem Satz: „Meine inneren Zudringlichkeiten schoben sich zur Hauptbelastung meiner Existenz zusammen.“
Zur Existenz dieser Figur gehört, dass sie über sich selbst sehr genau Bescheid weiß: „Normalerweise war meine Innenlage so herrschsüchtig, dass sie mir Außenwahrnehmungen nicht erlaubte“, gesteht das Ich. In der Tat, und so beobachtet der Leser eine soziale Strohdummheit, die in einem Dünkel gegenüber dem gesellschaftlichen Leben gründet. Als Mängelwesen ist auch diese Figur Genazinos soziologisch hochinteressant und philosophisch erschütternd.
Was in diesem Roman dann doch zu Handlungen führt, der stumme Blick aus dem Fenster, die Selbstbefriedigung, der Besuch eines Festes, der Beischlaf, eine Autofahrt zu zweit, die Anprobe von Wäsche, ein Rotweinabend, wird zur Begegnung mit dem Widrigen. Mit ihm kommt das Peinliche zur Sprache. Zu den Peinlichkeiten gehören ganz besonders die drei, vier Dialoge von Paaren, die eine (in der Literatur nicht gängige) Sprachlosigkeit offenbaren.
Seit seiner „Abschaffel-Trilogie“ aus den 70er Jahren ist das Peinliche nicht mehr von der Seite der Figuren Genazinos gewichen. Weil sie das genaue Gegenteil von Schwärmern sind, stattdessen ausgeprägte Antienthusiasten, verstricken sie sich in ihr ereignis-armes Alltagswerk. Dies aber verrichten sie penibel und peinlich genau. Man liegt nicht falsch, wenn man auch nach dieser Romanlektüre den Eindruck gewonnen hat, dass das Peinliche der heimliche Ich-Erzähler (Protagonist) auch des neuesten Genazino ist. Oder ist es, wenn man es recht überlegt, das Pedantische?
Wie auch immer, es kommen Sätze von luzider Transparenz und teuflisch guter Lakonie zustande. Auf der Gefängnispritsche denkt das Ich allabendlich: „An meinem Unverstand meinte ich zu erkennen, dass ich ein wirklich erschaffenes Wesen war, das heißt ich fühle in mir deutlich den Gedanken einer wirren Schöpfung. Kurz danach kam oft der Gedanke: Der Schöpfer hat dich nicht zu Ende geschaffen.“
Namenlos bleibt die Schöpfung Genazinos mit ihren heftigen Regressionsanfällen. Was für eine einzige große Überforderung doch das Leben ist. Sentimental schaut der Hauptakteur auf Amsel oder Ente, asozial erwischt, probiert er sich aus im Knast. Abgrundtief böse ist die Bosheit in diesem kleinen Meisterwerk, mit dem Furcht und Schrecken verbreitet werden. Aber am Ende des Tages ist auch dieser Genazino nicht bloß eine Tirade, sondern ein Oratorium von kathartischer Komik.