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Literatur

16. November 2010

Studie "Das Amt": Das ganze Ausmaß der Verstrickung

 Von Hans Mommsen
Berlin 1936, Auswärtiges Amt: Außenminister Ribbentrop (3. von rechts) beim Lesen eines Dokuments.  Foto: bpk | Bayerische Staatsbibliothe

Die Studie über „Das Amt“ im Dritten Reich und in der Bundesrepublik bietet keine Neuigkeiten. Wohl ist zu begrüßen, dass mit Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann ganz hervorragende Zeithistoriker diese Materie aufgearbeitet haben. Aber drei Jahre waren zu wenig Zeit.

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Das umfangreiche Werk zur Geschichte des Auswärtigen Amtes (AA) entspringt einer Initiative von Außenminister Joschka Fischer von 2005. Neben den von ihm beauftragten vier Hauptherausgebern waren weitere zwanzig Fachhistoriker daran beteiligt, während die Endredaktion bei dem verlegerisch versierten Thomas Karlauf lag.

Die mit dem Werk angestrebte umfassende Darstellung der Geschichte des Auswärtigen Dienstes im Dritten Reich und in der Nachkriegszeit reicht bis zur Gegenwart. Sie beansprucht, über die bisherige wissenschaftliche Forschung hinaus neue Zusammenhänge aufzudecken und schlüssige Erklärungen dafür zu liefern, warum ein beträchtlicher Teil der Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes in die verbrecherische Politik des NS-Regimes verstrickt worden ist.

Dabei steht der Komplex der Verfolgung und Vernichtung der deutschen und europäischen Juden im Vordergrund der Betrachtung, während die Auswärtige Politik eher an den Rand gedrängt wird. Darin spiegelt sich der Tatbestand, dass sich die außenpolitischen Aufgaben des Auswärtigen Amtes zunehmend auf antisemitische Propaganda und danach die Durchführung der Judendeportation in den von Deutschland besetzten oder mit ihnen „verbündeten“ Ländern beschränkten.

Das Buch zerfällt in zwei Teile

Das umfangreiche Buch zerfällt in zwei Teile. Der erste bietet einen Überblick über die Tätigkeitsfelder des Amtes im Dritten Reich, mit deutlichem Schwerpunkt auf der Rassenpolitik und der „Endlösung“. Daran schließt sich ein kursorischer Überblick über die Rolle des AA in den besetzten Gebieten an, schließlich eine Schilderung der vereinzelten oppositionellen Bestrebungen innerhalb des Auswärtigen Dienstes.

Eine der Hauptthesen des Buches besteht in der Zurückweisung der nach 1945 entstandenen Vorstellung vom AA als einer Hochburg der Bewegung des 20. Juli 1944. Zwar wird die Rolle von Adam von Trott zu Solz, Hans Bernd von Haeften, Ulrich von Hassell und Werner von der Schulenburg, um die wichtigsten Repräsentanten des Widerstands im Amt zu nennen, nicht relativiert, doch hätten „die Gravitationszentren der Opposition außerhalb des Amtes“ gelegen.

Das Buch

Die Studie zum Auswärtigen Amt in der NS-Zeit hat schon vor Erscheinen des Buches für Aufsehen gesorgt.
E.Conze /N.Frei /P. Hayes / M.Zimmermann (Hrsg.): Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. Blessing 2010, 880 S., 34,95 Euro.
Hans Mommsen ist Professor em. für Geschichte an der Universität Bochum.

Die knapp 900 Druckseiten umfassende Darstellung stellt insofern eine Meisterleistung dar, als es den vier Herausgebern und ihren zahlreichen Mitarbeitern – sie werden auf der letzten Buchseite aufgeführt – gelungen ist, das Mosaik von Einzelthemen zu einer chronologisch vorgehenden Schilderung der Verwicklung des AA in die NS-Herrschaft zu verdichten, wobei die Judenverfolgung und -vernichtung als eine Art „Messlatte“ fungiert. Allerdings ist die Integration der einzelnen, vielfach anonymen Texte nicht immer gelungen und sind unterschiedliche methodische Zugänge erkennbar.

Einiges gerät in den Hintergrund

Die Fokussierung der Untersuchung auf die Einschaltung des AA in die „Endlösungs“-Politik ist legitim, wenngleich andere Dimensionen der NS-Gewaltpolitik – die Behandlung der Kriegsgefangenen, der zwangs- und dienstverpflichteten Arbeitskräfte, die Euthanasie und vieles andere mehr – eigentümlich in den Hintergrund geraten. Noch problematischer ist die allenthalben durchbrechende Tendenz der Autoren, die Pläne zur Deportation der jüdischen Bürger oder zur Schaffung von „Judenreservaten“ mit der später praktizierten Massenvernichtung zu identifizieren. Das ist im Endresultat zutreffend, war aber vor der Wannseekonferenz nicht die konkrete Handlungsorientierung der NS-Elite.

So wird eine amtsinterne Stellungnahme vom 25. Januar 1939 als Aufforderung interpretiert, „eine ,Gesamtlösung‘ entweder in Form eines ,Judenreservats‘ oder durch physische Vernichtung anzustreben“, was zu diesem Zeitpunkt noch nicht denkbar ist (abgesehen von der irrtümlichen Interpretation der auf die Konferenz von Evian bezogenen Hitlerrede vom 30. Januar 1939). Ähnlich heißt es verallgemeinernd, „die deutschen Diplomaten“ seien nicht nur zu jedem Zeitpunkt über die Judenpolitik im Bilde, sondern auch aktiv daran beteiligt gewesen. Desgleichen sei das Amt zunehmend mit der Planung und Politik der „Endlösung“ befasst worden, was ohne Spezifizierung und Datierung schwerlich zutrifft, wenngleich die nachfolgende Kennzeichnung seiner bürokratischen Funktion „als Deckmantel einer aus den Fugen geratenen Moralität“ der Wahrheit näher kommt.

Die Preisgabe einer genetischen Perspektive, die die praktische Implementierung des Holocaust als Ergebnis eines sich schrittweise vollziehenden Prozesses begreift, verschließt die Sicht auf ein Sich-Herausmendeln der „Endlösung“ im Halbdunkel öffentlicher Geheimhaltung. Während die Darstellung das Ausmaß der Verstrickung der einzelnen Amtsinhaber in den Genozid sorgfältig verzeichnet, wird immer wieder unterstellt, dass das „Endziel“ und dessen Erreichung von vornherein in den Köpfen vorhanden war. Statt dieser „nachgeholten Entnazifizierung“ bedürfte es einer jeweils vorzunehmenden Prüfung, wie und warum sich Akzeptanz und Teilnahme an der Vernichtungspolitik immer stärker durchgesetzt haben.

Keine neuen Einsichten

So kann es zu der problematischen Aussage kommen, dass nach Hitlers Unterredung mit Reichsaußenminister Ribbentrop am 17. September 1941 und seiner angeblich erteilten Anordnung, die „soeben mit dem Judenstern gekennzeichneten deutschen Juden in den Osten zu deportieren“, das Schicksal der deutschen Juden „besiegelt“ und die Spitze des AA an dieser Entscheidung „direkt beteiligt“ gewesen sei. Tatsächlich hatte Hitler die Kennzeichnung der Juden auf das Drängen von Goebbels gebilligt, aber die von ihm geforderte Deportation der Berliner Juden aufgeschoben.

Um die schrittweise Einbeziehung des Diplomatischen Dienstes in die Massendeportation und Vernichtung nach dem Frühjahr 1942 zu erklären, bedarf es der präzisen Nachzeichnung des erst Wochen nach der Wannsee-Konferenz abgeschlossenen Radikalisierungsprozesses. Stattdessen wird mit vereinzelten Enthüllungsdokumenten argumentiert, wie der vielzitierten Reisekostenrechnung des Judenreferenten Rademacher, aus der die nachgeordnete Bürokratie schwerlich folgern konnte, nun sei die allgemeine Judenvernichtung in Gang gekommen.

Überhaupt bringt die Darstellung keine neuen Einsichten, die über das Material in der seinerzeit von Hans Rothfels geleiteten Edition der „Akten zur deutschen auswärtigen Politik“ – die den Herausgebern bei der Schilderung der Nachkriegsgeschichte des Amtes nicht einmal eine Fußnote wert war – entscheidend hinausgingen. Auch gegenüber der bereits vorliegenden umfangreichen Sekundärliteratur – so der Darstellung Christopher Brownings über „Die ,Endlösung‘ und das Auswärtige Amt“ – ergeben sich keine neuen Einsichten. Gerade dort, wo die Chance bestanden hätte, über Brownings eindrucksvolle Schilderung der Tätigkeit des Amtes DIII hinaus die konkrete Einbindung des AA in die Deportation der Juden in den von Deutschland besetzten oder abhängigen Ländern näher und vergleichend zu beschreiben, bleibt es bei einer bloß kursorischen Behandlung, die in Einzelaspekte zerfällt.

Der beste Sachkenner: Norbert Frei

Der zweite Teil des Buches ist in sich geschlossener und verrät die integrierende Handschrift des wohl besten Sachkenners, Norbert Frei. Darin werden die gegen Angehörige des Amtes gerichteten Entnazifizierungsmaßnahmen und ihre Einbeziehung in die von den Alliierten durchgeführten Kriegsverbrecherprozesse geschildert. Der Kampf um den Freispruch von Staatssekretär Ernst von Weizsäcker diente dazu, das Ansehen des Amtes zu bewahren und es als Hort des passiven, mitunter aktiven Widerstandes gegen das NS-Regime darzustellen.

Diese lange anhaltenden Bestrebungen fielen mit dem Tatbestand zusammen, dass trotz der personellen Umschichtung bei der Schaffung des neuen Auswärtigen Amtes eine nicht geringe Zahl von hohen Beamten verblieben, die unter der NS-Herrschaft direkt und indirekt an verbrecherischen Aktionen beteiligt gewesen waren und schließlich im Zusammenhang mit der Verfolgung von Kriegsverbrechen vor Gericht gestellt und teilweise verurteilt wurden.

Zu der hohen personellen Kontinuität zum Dritten Reich kam hinzu, dass vom Amt skandalöserweise alles getan wurde, um die Rehabilitierung von Fritz Kolbe zu verhindern, der zu den wenigen Überlebenden des aktiven Widerstands gehörte. Ähnliches galt für Rudolf von Schelila, der kurzerhand dem Verdikt anheimfiel, sowjetischer Spion gewesen zu sein.

Der Wiederaufbau ist gut dargelegt

Im einzelnen werden der Wiederaufbau des Amtes seit dem Petersberger Abkommen von 1949, die Rückkehr zur herkömmlichen Organisationsstruktur, die Auseinandersetzungen über die Entscheidungen des im Herbst 1951 gebildeten Untersuchungsausschusses und Fragen der Wiedergutmachung, des Festhaltens am Laufbahnprinzip, der Einbeziehung von Außenseitern sachkundig geschildert. Damit wird auch ein Stück innerer Geschichte der Bundesrepublik geschrieben. Es gelang dem Amt, seine relative Sonderstellung – auch in Bezug auf sein Archiv – in der deutschen Behördenstruktur aufrechtzuerhalten.

Es ist sehr zu begrüßen, dass mit Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann ganz hervorragende Zeithistoriker zusammen mit hoch qualifizierten Mitarbeitern daran gegangen sind, diese komplexe Materie kollegial aufzuarbeiten, wobei gleichwohl nur einzelne Aspekte ausgewählt werden konnten. Es ist nachträglich zu bedauern, dass die Bundesregierung das sonst so großzügig finanzierte Forschungsvorhaben auf drei Jahre beschränkt hat, womit die Chance auf eine gründlichere Endredaktion nicht hinreichend wahrgenommen werden konnte.

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