Es ist ein bisschen so, als stünde man plötzlich einem alten Schulfreund gegenüber. Schon auf den ersten Seiten von Sven Regeners neuem Roman macht sich ein Gefühl von Wehmut breit - schließlich ist man mit seinem Helden Frank Lehmann bereits vertraut, und Mauerstadt-Veteranen aus der nord- oder süddeutschen Provinz können in den Kreuzberger Abenteuern des Bremers die eigene Vergangenheit wieder erkennen. Genauso war es: diese charakteristische Mischung aus Kohlenstaub und Hundedreck, diese eiskalten Winternächte, die Küchen mit den Bergen von unabgewaschenem Geschirr, die Kunstausstellungen zwischen Sponti-Gags und Avantgarde und die Angewohnheit, dauernd irgendein Plenum abzuhalten. Alles das fand im Windschatten der Mauer statt, ohne die Kreuzberg "SO 36" nicht denkbar war. Glücklich aufseufzend macht es sich der mauergestählte Berliner in seinem Lesesessel bequem.
Sven Regener, inzwischen auch schon satte siebenundvierzig, legt mit "Der kleine Bruder" einen Nostalgiker-Roman vor und liefert zugleich das Mittelstück seiner Frank-Lehmann-Saga nach: Sein drittes Buch spielt zeitlich vor "Herr Lehmann" (2001) und nach "Neue Vahr Süd" (2004). Die Handlung umfasst drei Tage und zwei Nächte und wahrt die Einheit von Zeit und Raum: bis auf einen kurzen Ausflug in Richtung Kudamm spielt sich alles auf wenigen Quadratkilometern rund um das Kottbusser Tor ab. Dadurch spiegelt Regener das West-Berliner Enklavendasein auch auf formaler Ebene.
Nach einem vorgetäuschten Selbstmordversuch endet für Frank Lehmann der Wehrdienst beim Bund, und er fährt in Begleitung eines Bremer Punks namens Wolli über den Transit nach Berlin, um bei seinem älteren Bruder Manfred unterzukriechen. Aber der bewunderte Mannie, viel versprechender Künstler und von seinen Berliner Kumpels nur "Freddie" genannt, ist wie vom Boden verschluckt. Stattdessen trifft Frank auf die Bestandteile seiner WG: den Gemütsmenschen Karl, in seiner Freizeit ebenfalls mit Kunst-Installationen befasst, den Abzocker und Kneipenbetreiber Erwin, der gerade im Begriff ist, seine Mitbewohner in eine andere Bleibe umzuquartieren, weil er Nachwuchs erwartet, sowie dessen schulflüchtige Nichte Chrissie, ausgestattet mit einer entwaffnenden Kratzbürstigkeit.
Jeder Szenenwechsel beschert dem verblüfften Frank Lehmann die Bekanntschaft mit weiteren charakteristischen Kreuzberger Gewächsen: Da taucht ein gewisser P. von Immel auf, Ateliervermieter seines Bruders, gewitzter Erfinder der "ArschArt-Galerie" und, wie Frank bald durchschaut, abgebrühter Spin-Doktor der Kreuzberger Szene. Aus Imagegründen betreibt P. von Immel eine Band, die sich "Dr. Votz" nennt. Schon am Ankunftsabend wird Frank in die Geschicke des Bassisten von "Dr. Votz" verwickelt und darf ihn in volltrunkenem Zustand nach Hause transportieren.
Und als dem Barmann Klaus gleich zwei Nächte hintereinander ein scharfer Gegenstand an den Kopf fliegt, springt Frank als Tresenkraft ein. Er stellt sich pfiffig an, was Erwin imponiert, und es sieht so aus, als würde er gemeinsam mit den anderen beiden die neue Wohnung über Erwins Kneipe "Einfall" beziehen. Am Ende findet er sogar seinen Bruder und muss sich enttäuscht eingestehen, dass für den Älteren vor allem Geld zählt. Dennoch: Frank Lehmann ist angekommen im Berliner Alltag und fängt jetzt sein eigenes Leben an.
Sven Regener liefert eine ziemlich witzige Ethno-Typologie der Einwohner der Mauerstadt. Hier ein bisschen Slapstick, da ein bisschen Monty-Python, ergänzt durch einen Schuss Lokalkolorit, fertig ist die Kreuzberger Milieustudie. Die extrem reduzierten Stilmittel haben Prinzip: Regener hängt einer Ästhetik der absichtsvollen Anspruchslosigkeit an. Gleichzeitig hat er als langjähriger Sänger von Element of Crime ein gutes Gefühl für Rhythmus.
Die Komik seiner Dialoge besteht in der extremen Verlangsamung. Vor allem die Telefonate mit der besorgten Mutter haben es in sich, aber auch die Erörterungen über das Wesen der Kunst oder die Sprüche von Karl, der Frankie Lebensweisheiten mit auf den Weg gibt nach dem Muster: "Trink immer, solange du noch kannst. Man weiß nie, ob später nicht was dazwischen kommt."
Anrührend die Szene mit dem Punker Wolli, der sich von den rauen Gepflogenheiten seiner Kreuzberger Spießgesellen dann doch abgestoßen fühlt und wieder zurück will in die Provinz. Vor allem in diesen Momenten kommt ein zärtlicher Blick auf die Ängste der Figuren ins Spiel. Geglückt ist vor allem die Schilderung der Bruderbeziehung, die durch leichte Verlagerungen im Tonfall oder knappe Gesten fassbar wird.
"Der kleine Bruder" ist ein nettes, kleines Buch über eine untergegangene Welt. Am Ende fühlt man sich auf eigentümliche Weise mit der Vergangenheit im Einklang. So wie nach einer Begegnung mit einem guten, alten Schulfreund, den man anschließend aber auch schnell wieder vergisst.
Sven Regener:
Der kleine Bruder. Eichborn Berlin
Verlag, Berlin 2008,
282 Seiten,
19,95 Euro.