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Literatur

07. Oktober 2014

Szilárd Borbély "Die Mittellosen": Wir gehen und schweigen

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Der Junge hasst es, Geflügel zu töten. Aber er ist der Mann im Haus.  Foto: rtr

Weltliteratur aus Ungarn: „Die Mittellosen“ gehört aus dem Stand heraus zu den Büchern, hinter die man nicht mehr wird zurückfallen können, wenn von Ungarn die Rede ist, sei es das politische, sei es das literarische.

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Der 49 Jahre alte Dichter, Übersetzer und Literaturwissenschaftler Szilárd Borbély hat sich im Februar das Leben genommen. 2013 war der Debütroman des bis dahin als Lyriker bekannten Autors auf Ungarisch erschienen, offenbar mit durchschlagendem Erfolg. Borbély aber litt, wie er der Übersetzerin Heike Flemming schrieb, erneut unter Niedergeschlagenheit, „posttraumatischen Depressionen“, wie er es nannte. Er habe gedacht, über „all das“ schon schreiben zu können, es liege doch weit zurück. „Aber nein, wie sich herausgestellt hat.“

„Die Mittellosen“ heißt das Buch. „Die Mittellosen“ könnten gewissermaßen ebenso in Irland oder Portugal gelebt haben, vielleicht auch im Hunsrück oder im Vogtland. Jedenfalls überall dort, wo sich eine Dorfwelt in den siebziger Jahren eng und ärmlich zeigte, und hart gegen die, die sie als Außenseiter definierte. „Die Mittellosen“ gehört aber auch aus dem Stand heraus zu den Büchern, hinter die man nicht mehr wird zurückfallen können, wenn von Ungarn die Rede ist, sei es das politische, sei es das literarische.

Der Ich-Erzähler ist ein kleines Kind, das so atemlos und verzweifelt durch seine trübe Jugend trabt, dass seine Sätze kurz sind; hart und scharf ist ihr Rhythmus, was Flemming und Lacy Kornitzer in ihrer Übersetzung hervorragend transportieren. Die Mutter hat immer „schlechte Laune, sie spricht selten. Sie weint still und schreit laut. Ohne Übergang. Sie brüllt, dann tiefe Stille. Diese Stille ist am schlimmsten. Dann will sie in den Brunnen springen. Geht mit einem Strick auf den Dachboden. Meine Schwester und ich klammern uns an ihre Hände, hängen uns an ihre Beine, sie sträubt sich, will uns abschütteln. Doch wir lassen sie nicht. ,Mama, sterben Sie nicht! Lassen Sie uns nicht hier allein‘, schreien wir. … Nachts wagen wir nicht einzuschlafen. Uns ablösend, passen wir auf, dass sie sich nicht hinausstiehlt. Wir wachen. Als ich an der Reihe bin, schlafe ich ständig ein. Nach Luft ringend, wache ich auf, ob Mutter nicht rausgegangen ist.“

Von der Dorfgemeinschaft nicht anerkannt

Das kleine Kind hat eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder, der sterben wird, bevor er sprechen kann. Die Mutter ist schwer depressiv, der Vater ein unglücklicher Trinker. Die Familie wird von der Dorfgemeinschaft nicht anerkannt, wobei das Wort Gemeinschaft ein Euphemismus ist. Die Gemeinschaft besteht beispielsweise darin, dass die Dorfbewohner damals nach dem Abtransport das Haus des jüdischen Ladenbesitzers ausgeräubert haben. Alle haben mitgemacht, aber sie haben sich nicht angesehen dabei.

Als Hochwasser den Ort bedroht, sollen sich für die Evakuierung alle an dem Platz treffen, der die Rampe genannt wird. „,Auch den Juden hat man das gesagt.‘ So flüstert man sich in der Neuen Zeile zu. Die Zigeuner haben Angst. Aber dann sind sie es, die als Erste in die außerplanmäßig ankommenden Busse einsteigen.“ Die Ressentiments bestehen fort. Die „Zigeuner“ werden schlecht behandelt, das Wort „Jude“ wird geschrien oder geflüstert. Dem Jungen wird manchmal „Drecksjude“ hinterhergerufen. Sein Vater soll einen jüdischen Vater haben. „Zu Hause sprechen wir das Wort Jude nicht aus. Mein Vater sagt es nie. Meine Mutter auch nicht. Sie haben Angst vor diesem Wort. Das Wort Jude kann man nicht aussprechen. Meine Schwester flüsterte es manchmal.“

Der Leser soll sich nicht besser auskennen als das Kind. Die Mutter hat ein altes Buch mit „eckigen“ Buchstaben. Die Großmutter behauptet, sie seien Ruthenen. Sie seien Huzulen. Sie seien Rumänen. Den Kindern wird eingeschärft: „Wir sind Ungarn, das müsst ihr sagen. Denn wir sind Ungarn.“ In Ungarn kein Ungar zu sein, ist eine Katastrophe.

Das Trauma des Unaussprechlichen spiegelt sich im Jungen zerstörerisch wider: „Ich ersticke fast, wenn man von den Juden redet. Wenn ich das Wort Jude höre, schnürt es mir die Kehle zu. Ich schnappe nach Luft. Bekomme Ohrensausen.“

Die Angst des Kindes bezieht sich nicht nur auf die ständigen Prügel oder die Lehrer oder die Hunde oder die Buchstaben, denn das Kind hat vor allem Angst. Es würde gerne Geige spielen lernen, nachdem ihm aufgefallen ist, dass der geigende Alte auf einmal furchtlos wird. „Auch ich hätte es gern, wenn ich keine Angst hätte.“

Zur Angst kommt der Ekel, auch er allgegenwärtig in den Gerüchen, im Dreck, im rotlila Gesicht des schreienden Bruder, im Töten der jungen Mäuse, jungen Katzen, im Töten der Hühner, Enten, Gänse, für das der Junge bald zuständig ist, weil er der Mann im Haus ist. Der Vater, vom Dorf geächtet, verwildert zunehmend im Wald. Es ist besser ohne die Prügel und die Saufereien des Vaters. Es ist schrecklich, die Tiere zu töten. Der Junge stellt sich vor „dass ich tot bin. Oder dass meine Mutter gestorben ist. Weil es dann endlich vorbei wäre.“ Er wünscht sich auch, der Bruder wäre tot. Der Bruder ist dann auch tot.

Zur Angst und zum Ekel kommt die Vorliebe für Primzahlen (denen das Buch quasi gewidmet ist). Ihre Unteilbarkeit entspricht der Unteilbarkeit der Einsamkeit und der Traurigkeit, die in der Familie jeder für sich als Ganzes tragen muss.

Unerwartet effektvoll

„Die Mittellosen“ ist keineswegs chronologisch erzählt. Das ist unerwartet effektvoll. Nicht nur sind die Lebenden auch immer schon tot, und die Toten auch immer noch lebendig. Die Kindheit tritt auch wie eine dunkle Wolke an den Leser heran, in der keine Zeit existiert und aus der es darum auch kein Entrinnen gibt.

Und doch ist der Erzähler offensichtlich nicht mehr dort. Beharrlich weist er darauf hin, wie bestimmte Dinge im Ort genannt werden, er kennt inzwischen den Unterschied zwischen dem Dorf und der Welt. Dafür haben sich Flemming und Kornitzer zu so schönen, originellen Begriffen durchgearbeitet wie pfützig, Flatschen, Zundel, testieren. Auch ist der an sich so blutjunge Erzähler – und Borbély, liest man in den im Anhang dankenswerterweise abgedruckten Bonusaufsätzen, ebenfalls – mit der Frage befasst, was Erinnerungen eigentlich sind. „Meine Mutter erfindet für mich Erinnerungen. Sie will, dass ich mich so erinnere wie sie. Dass ich mich an das erinnere, was sie für wichtig hält.“ Das Dorf macht es ebenso, wenn jemand gestorben ist. „Sie wiederholen sich, bis sie die endgültige Form der Erinnerung zurechtgeschliffen und fixiert haben. An langweiligen Abenden ... kehren sie zu ihr zurück.“

Die Natur existiert, aber zwischen ihr und dem Erzähler sind die anderen Menschen. Der Junge liegt im Bett, der Vater ist furchtbar betrunken. „Ich sehe die Sterne und den Rücken meines Vaters, wie er sich nach vorne beugt. Vom Bett aus sehe ich, wenn er sich würgend krümmt, die Venus. Der kühle Abendwind trägt den Geruch von Erbrochenem herein.“ Das Glück existiert ebenfalls. „Vor Weihnachten hatte meine Mutter einmal gute Laune und spielte mit uns.“ Das Kind würde gerne öfter spielen, was muss aber arbeiten. Und es muss laufen. „Wir gehen und schweigen. Irgendwo gehen wir immer und schweigen dabei.“

Die Gegenwärtigkeit der Szenen verknüpft Borbély unfassbar leise mit dem Nachdenken darüber, so dass die Traurigkeit der „Mittellosen“ eine woyzeckhafte Abgrundtiefe bekommt. Der Roman dürfte das Buch des Herbstes darstellen, der ganz selbstverständlich den Anschluss an die Weltliteratur findet. Verhaftet an einem bestimmten Ort, in einer bestimmten Zeit, in einem bestimmten Leben, von dort aus jedem Leser der Welt etwas vom Unglück des Menschen zurufend.

Szilárd Borbély:: Die Mittellosen. Roman. A. d. Ung. v. Heike Flemming u. Lacy Kornitzer. Suhrkamp. 240 S., 25,95 Euro.

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