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Literatur

10. Januar 2017

T. C. Boyle „Die Terranauten“: Schwanger unter Glas

 Von Martin Oehlen
T.C. Boyle bei einer Lesung in Berlin.  Foto: dpa

600 Seiten, aber am Ende wird es doch noch richtig spannend: T. C. Boyles neuer Roman „Die Terranauten“ führt in eine ungemütliche und kompliziert darzustellende Zukunft.

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Ein fantastisches Projekt – und alles andere als Fiktion: „Biosphäre 2“. Der US-Milliardär Edward Bass finanzierte in den 90er Jahren den Gebäudekomplex in Arizona, in dem ein zweites Ökosystem geschaffen werden sollte. Unter einem Glasdach wurden Meer und Wüste, Regenwald und Mangrovensumpf in einer Miniaturversion angelegt, und eine Gruppe von Testpersonen sollte abgeschottet von der Außenwelt über zwei Jahre lang dort überleben. Das Ziel: Wie ließe sich auf einem anderen Planeten überleben, etwa auf dem Mars, wenn es auf Erden einmal allzu unwirtlich werden sollte.

Dass dies ein großes Umwelt- und Menschen-Experiment war, das nach zwei Kampagnen aufgegeben wurde, schildert nun T. C. Boyle in seinem Roman „Die Terranauten“. Damit erhöht der Autor die Zahl seiner Werke, in denen er sich dezidiert mit Aspekten der Ökologie auf dem Planeten und dem Sozialverhalten in geschlossenen Gruppen, auf Inseln oder in Kommunen, befasst.

So erzählt er im Großen historisch exakt von der enormen technisch-ökologischen Herausforderung, von Luftumwälzpumpen und Wellenmaschinen, und im Detail vom überraschenden Vormarsch der Kakerlaken, den es in der Realität tatsächlich gegeben hat. Doch seine Spannung bezieht der Roman aus dem Zusammenleben der acht Bewohner von „Ecosphere 2“, wie das Projekt hier genannt wird: Vier Frauen und vier Männer.

T. C. Boyle: Die Terranauten. Roman. A. d. Engl. v. Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag, München 2016. 604 Seiten, 26 Euro.  Foto: dpa

Was sich alsbald herausstellt: Liebe, Sex und Eifersucht befeuern die Beziehungen auch unter der Glaskuppel. Und ebenso zwischen den Terranauten diesseits und dem Kontrollzentrum jenseits der Luftschleuse. Denn so geschlossen, wie das System sein soll, ist es nicht – jedenfalls reicht es für Funk-Gespräche und Blickkontakte, für Gerüchte und Indiskretionen. Über allem steht GV, das verehrte Mastermind des Projekts, das als irdischer Gottvater in Notfällen auch mal Paare verkuppelnd Schicksal spielt. GV erinnert so an Ed Harris als besessener TV-Produzent in dem Spielfilm „The Truman Show“.

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T. C. Boyle erzählt diese Geschichte mit großer Routine. Doch dem Leser fliegen die Funken erst tief in der zweiten Hälfte des 600-Seiten-Romans so richtig um die Ohren. Dann nämlich, wenn sich herausgestellt hat, dass Terranautin Dawn – neben Linda und Ramsey eine der drei Erzählstimmen – schwanger ist. Was aber tun in dieser künstlich-natürlichen Glaskuppel-Welt? Da hat die Geschichte plötzlich Kraft und Drama und einige überraschende Wendungen parat.

Zuvor windet sich das Geschehen erwartbar und zuweilen langwierig durch die Simulation einer zweiten Erde. Aber weil es T. C. Boyle ist, stößt der geneigte Leser immer wieder rechtzeitig auf skurrile Szenen und witzige Wendungen, so dass er seinen Lesespaß nie ganz verliert. Denn was GV als „Ecosphere 2“-Chef kann, nämlich das Interesse der Öffentlichkeit mit Events und Pressekonferenzen wachzuhalten, das kann T. C. Boyle als Romancier mit Wort und Weise schon lange.

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