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Literatur

30. Januar 2015

T. C. Boyle "Hart auf hart": Ökokrieger gegen Aliens

 Von Sabine Vogel
Adam zieht sich in die Wälder zurück, nicht um seinen Frieden zu finden, sondern um endgültig in seine Wahnwelt zu entgleiten.  Foto: REUTERS

T. C. Boyle erzählt in seinem neuen Roman "Hart auf hart" von Amerika und einem verstörten Jungen mit einem Gewehr.

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Was kann denn Sten dafür? Der pensionierte Schuldirektor hat sich seinen angenehmen Ruhestand redlich verdient. Ein bescheidenes Häuschen am Meer, bisschen Golf spielen, angeln und als Ehrenamtlicher ab und zu Erkundungsrunden im Wald drehen, wo die bösen Mexikaner illegale Drogenplantagen anlegen und die Umwelt vergiften.

Mit der agilen Carolee, seiner Ehefrau, die er seit vierzig Jahren liebt und auf gemütliche, gelegentlich noch an ihm zupfende Weise begehrt, geht’s auf Luxus-Kreuzfahrt. Auf der Insel Puerto Rico machen die Urlauber einen Tagesausflug, der Weg in den stickigen Dschungel ist eine quälende Schlaglochpiste, der Busfahrer ein stiernackiger Grobian, blechern dröhnt dumpfer Reggae aus seinen Kopfhörern, die Sonne sticht senkrecht, glühend und unheilvoll wie auf Camus’ algerischem Strand. Sten muss pinkeln.

Gleich passiert was Schreckliches. Auf einem schlammigen Parkplatz im Urwald werden die ältlichen Gringos mit ihren Kameras, Rucksäcken, Bauchtaschen von zwei bewaffneten Einheimischen überfallen. Der immer noch fitte Vietnamveteran Sten nimmt einen der jungen Banditen in den Schwitzkasten – und bricht ihm kurz mal aus Versehen das Genick. Mord, Totschlag, Notwehr? Was wird die dubiose Ortspolizei jetzt mit ihm machen? Nach einem kurzen, aber beklemmenden Angstintermezzo wird Sten freigelassen und gar als Held gefeiert: „Pensionär tötet Dschungelräuber“ titeln die Lokalblätter.

„Hart auf hart“ heißt der neue Roman vom amerikanischen Popstar der Literatur T. C. Boyle – im Original nach dem Reggaehit „The harder they come... the harder they fall“ von Jimmy Cliff, 1972. Doch hart auf hart kommt es für den ehemaligen Geschichtslehrer Sten Stensen nicht im schwül-exotischen Klima aus Schuld, Zufall und Selbstgerechtigkeitsarroganz, sondern Zuhause, im wohltemperierten Terrarium der Kleinfamilie. „Großer Held“, sagt sein 25-jähriger Sohn Adam verächtlich zu ihm, bring mich doch um. Das wird der Vater des missratenen Sohnes natürlich niemals tun, obwohl...?

Adam ist ein Schizo, von Aliens bedroht, die manchmal wie Chinesen daherkommen

Das Drama findet im Nukleus der amerikanischen Seele statt. Die ist laut dem vorangestellten Motto von D.H. Lawrence noch immer „hart, einzelgängerisch, stoisch und ein Mörder“. Aber T. C. Boyle wäre nicht der höchst unterhaltsame Schwadroneur, der aus historischen Stoffen und Biografien etwa von Dr. Sex (Alfred Kinsey) bis Frank Lloyd Wright (in dessen kalifornischem Prärie-Haus Boyle wohnt) ausschweifende Gesellschaftspanoramen pinselt und der mit Erfinderspaß bizarr fehlgeleitete Charaktere in zeitgenössischen Plots entwirft, wenn ihm nicht auch diese Kleinfamilientragödie zu epischen Dimensionen mit superaktuellen Bezügen auswucherte.

Schließlich ist das ein „Thriller!“ und „Bestseller!“, an dem auch wir nicht vorbei können, wie der Autor sein Werk befremdlich ironiefrei auf einem Marketingvideo des Verlags anpreist.

Adam ist ein paranoider Schizo, er fühlt sich von Aliens bedroht, die manchmal ganz konkret wie Chinesen daherkommen, aber leider seine kindlichen Friedensangebote ausschlagen. Nach Schulverweisen und vielen erfolglosen Therapieversuchen haben die Eltern es aufgegeben, den verstörten Außenseiter auf die sozialkompatible Spur zu lenken.

Zum Buch

T. C. Boyle: Hart auf hart.
Roman. A. d. Engl. von Dirk van Gunsteren.
Hanser. München 2015. 395 Seiten, 22,80 Euro

Adam lebt im Haus der inzwischen verstorbenen Großmutter im Wald, baut auf verborgenen Lichtungen Schlafmohn an, hortet Waffen und halluziniert sich ein Heldendasein nach dem Vorbild des Trappers John Colter zurecht. Der erforschte als Waldläufer und Fallensteller den Wilden Westen, entdeckte heiße Quellen im Yellowstone-Park und lieferte sich ein legendäres Rennen mit den Blackfoot-Indianern. Colter, der Biberpelzjäger, steht für Individualismus, Freiheit & Abenteuer, er verkörpert den amerikanischen Mythos schlechthin. Selbst der Vietnamveteran Sten kann sich den Anfall von Stolz nicht verkneifen, als sein alsbald als Mörder gejagter Sohn wie „ein Geist in der Nacht“ die ganzen mittelklassigen Verfolger mit all ihren Nachtsichtgeräten, Infrarotkameras und Funkgeräten foppt.

Die dritte Hauptrolle in Boyles Figurenkabinett spielt Sara. Der Name der Frau Abrahams, einer der Erzmütter Israels, ist, wie Adam, der erste Mann, ein biblisches Schwergewicht. Dabei ist die 40-jährige Hufschmiedin ein vergleichsweise fehlbares Frauchen mit liebenswürdigen Macken und Schwächen. Als ideologisch verblendete Anhängerin der „Sovereign citizens“, einer krud antiautoritären Sekte, die gegen Staat, Steuern und Straßenverkehrsregeln rebelliert, gerät sie dauernd in dumme Konflikte mit den Behörden, aus denen sie nur herausgehauen wird durch ihre Freundin, eine Hilfslehrerin mit Leggings und toupierten Haaren, die Erdbeermargaritas mag.

Das Ende ist aber absehbar und die Botschaft auch: Ein Mann mit Waffe ist Mist

Die Globalisierungsgegnerin Sara hat einen alten Hund und liebt alle Tiere (unschuldig und treu) – wie jene fanatischen Ökokrieger, denen Boyle in seinem vorletztem Roman, „Wenn das Schlachten vorbei ist“, schrill-leuchtende Charaktermasken malte. Single-Sara gabelt an der Straße den abgewrackten Adam auf, verliebt sich in den attraktiven Einzelkämpfer mit geschorenem Kopf und gestähltem Körper.

So weit, so fesselnd das Setting und das Personal. Doch jetzt geht es eigentlich erst los: Das Haus der Großmutter wird verkauft an einen netten Kollegen des Vaters. Der offenkundig verwirrte und hilfsbedürftige Adam verliert sein Obdach, seinen Platz und Halt in der realen Welt, den letzten Zufluchtsort. Das dünne Band zur Gesellschaft reißt. Die Schweißnähte lösen sich auf. Das Unheil nimmt seinen Lauf. Adam wird zur „Zeitbombe“.

Warum die umsichtigen Eltern Sten und Carolee das nicht wahrhaben oder kapieren wollen, bleibt ein Rätsel ihres Schöpfers T. C. Boyle. Insgeheim hoffen sie noch, ihr Sohn wäre bei der zu alten und zu vulgären Geliebten untergeschlüpft. Aber auch Sara „mit den großen Titten“, ihren Nudeln mit Hackfleischsoße und den Alkoholvorräten kann die Wildnis in Adam nicht zähmen. Er flüchtet in den Wald, entgleitet vollends in seine Wahnwelt voller feindlichen Aliens. Zuerst erschießt er einen etwas unsympathischen Eiferer der Bürgerbewegung „Unser Wald gehört uns“, der seinem Bunkerversteck zu nahe kam. Wir Leser wissen das bereits, als Sten und die aufgeschreckten Bürger des Örtchens noch an die Schuld „der Mexikaner“ glauben wollen. Dann trifft’s den netten Englischlehrer, und am Ende ist auch Adam tot.

Denn so rasant die Verfolgungsjagden auch beschrieben sind, so zierlich die Nebeltröpfchen und so schmelzwasserkalt die Flüsse, so steil die Felswände und so tief die Verzweiflungsschluchten, durch die Adam Haken schlägt, so trickreich die Schlingen, die sich enger ziehen, und was der Geier noch alles ein Thriller so an literarischen Folterinstrumenten braucht – das Ende ist absehbar und die Botschaft auch: Ein Junge mit Gewehr ist Mist. Dabei beschleicht uns der Verdacht, dass der Wahn und die Wut im Bauch nicht auf Adam beschränkt sind. Es muss gar nicht „diese ganze Heil-Hitler-Polizeistaat-Scheiße“ sein, die Sara aufregt. Ein Grund zum Amoklaufen, so Boyle in schönster Beiläufigkeit, sind schon die Playlisten im Radioprogramm.

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