Aktuell: Terror | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Literatur

03. März 2016

Ta-Nehisi Coates "Zwischen mir und der Welt": Nur die Weißen träumen noch

 Von Christian Bos
Der Schriftsteller und Journalist Ta-Nehisi Coates bei einer Diskussionsveranstaltung in New York.  Foto: AFPafp

Ta-Nehisi Coates’ Essay „Zwischen mir und der Welt“ blickt illusionslos auf die Situation der Afroamerikaner und verbindet Pathos mit Persönlichkeit.

Drucken per Mail

Mein Sohn“, hebt Ta-Nehisi Coates an. „Mein schöner, brauner Junge“, schreibt er, ein liebevoller Vater. Erinnert sich, wie er Samori als Baby im Kinderwagen durchs schicke Manhattaner West Village schob, wie unbehaglich er sich dabei fühlte, „als hätte ich ein fremdes Erbstück geborgt, als würde ich unter falschem Namen reisen“. Bald, denkt der Vater über den Sohn gebeugt, wirst du die Verordnungen deiner Galaxie begreifen, „all die Gelegenheiten zur Auslöschung, die auf dich warten“.

Nichts ist Eltern wichtiger, als die Unversehrtheit ihrer Kinder. Nichts schrecklicher, als das Einsehen, diese nicht garantieren zu können. Coates’ schöner, brauner Junge ist inzwischen 15 Jahre alt, ein Teenager. Ein schwarzer, männlicher Teenager in den USA. Wie Tony Robinson, 2015 in Madison, Wisconsin im Alter von 19 Jahren von einem Polizisten erschossen. Wie Michael Brown, 2014 in Ferguson, Missouri im Alter von 18 Jahren von einem Polizisten erschossen. Wie Trayvon Martin, 2012 in Sanford, Florida im Alter von 17 Jahren von einem Nachbarschaftswächter erschossen. Wie so viele, oft junge, zumeist unbewaffnete schwarze Männer, die in den vergangenen Jahren in Amerika Opfer von Polizeigewalt wurden. Und deren Mörder fast alle freigesprochen wurden.

„Hätte ich einen Sohn, sähe er aus wie Trayvon Martin“, hatte Barack Obama nach dessen gewaltsamem Tod bemerkt. „Ich würde dich nicht vor der Polizei retten können“, schreibt Ta-Nehisi Coates an Samori, „vor ihren Scheinwerfern, ihren Händen, ihren Schlagstöcken, ihren Pistolen.“ Er könnte es nicht, selbst wenn er der Präsident der Vereinigten Staaten, selbst wenn er der mächtigste Mann der Welt wäre.

Das Buch

Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt. Hanser Berlin 2016. A. d. Engl. von Miriam Mandelkow. 240 Seiten, 19,90 Euro.

„Zwischen mir und der Welt“ hat Coates den offenen Brief an seinen Sohn betitelt, der im Juli vergangenen Jahres in den USA erschien, und sogleich an die Spitze der „New York Times“-Bestsellerliste schnellte. „Ein Liebesbrief inmitten einer moralischen Notlage“, nannte ein Rezensent den schmalen Band. Ein Brief freilich, der sehr viel mehr enthält, als nur einen gut gemeinten väterlichen Rat oder ein Dokument der Hilflosigkeit. Coates’ Essay ist der klügste und wichtigste Text, der 2015 in den USA erschienen ist, eine kühne, selbstbewusste Zäsur.

Denn Coates hat keinen Traum mehr, keine Vision von händchenhaltenden schwarzen und weißen Jungen und Mädchen. Ein Traum, der, wie Martin Luther King Jr. in seiner berühmtesten Rede bemerkte, seine Wurzeln im amerikanischen Traum habe. Für Coates sind dagegen die Weißen die Träumer. Sie seien es, die lieber den Traum leben, statt die historische Wahrheit anzuerkennen, dass die USA ihren Reichtum auf Kosten ihrer schwarzen Bevölkerung erreicht haben.

Deren gestohlene Körper seien der Rohstoff des amerikanischen Traums. „Als Sklaven waren wir die erste Prämie dieses Landes, die erste Anzahlung auf dessen Freiheit. Nach dem Untergang und der Befreiung durch den Bürgerkrieg kam die Erlösung für den reuelosen Süden und die Wiedervereinigung, und unsere Körper wurden zur zweiten Hypothek dieses Landes. Im New Deal waren wir dessen Gästezimmer, der ausgebaute Keller. Und heute, mit dem ausufernden Strafvollzug, der das Lagern schwarzer Körper in eine Arbeitsbeschaffung und lukrative Investition für Träumer verwandelt, haben unsere Körper den Traum vom Weißsein refinanziert.“

Ta-Nehisi Coates verbindet Pathos und Persönlichstes mit intellektueller Rigorosität, eine explosive Mischung. „Zwischen mir und der Welt“ war in den USA Gegenstand endloser Diskussionen. Der deutschen Ausgabe ist Coates’ nicht minder einflussreicher Essay „Plädoyer für Reparationen“ beigefügt. Darin präsentiert der Autor in überzeugender Stringenz seine Argumente für staatliche Entschädigungszahlungen, mit denen die USA sich – vor allem symbolisch – zu den Jahrhunderten der Sklaverei, der Rassentrennung und der systematischen Benachteiligung bekennen könnte. Denn „die Idee von Reparationen ängstigt uns nicht einfach deshalb, weil wir vielleicht nicht in der Lage sein werden, zu zahlen. Die Idee von Reparationen bedroht etwas viel Tieferes – Amerikas Erbe, Geschichte und Stellung in der Welt“.

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Belletristik-Charts

Quelle: Spiegel Mehr...

Literatur

Aktuelle Rezensionen zu Literatur, Sach- und Kinderbüchern: die Literatur-Rundschau aus dem FR-Feuilleton.

Anzeige