Nur keine Blöße geben: Der "Zauberberg" sei "ein Bildungsroman, wie alle deutschen Romane", erläuterte Thomas Mann den beiden Highschoolgirls, die sich 1949 dreist in seine Villa am San Remo Drive zum Kaffee eingeladen hatten. Hinterher urteilte eine von ihnen in ihrem Tagebuch verächtlich: "Die Kommentare des Autors verraten das Buch durch ihre Banalität."
Selbstbewusstsein hatte Susan Sontag bereits als Teenager mehr als genug, scheint es. Schon die 14-Jährige fühlte bei der Lektüre von André Gides "Journal" "eine so tiefe geistige Verbundenheit", dass sie bei jedem von Gides´ Gedanken "den entsprechenden Geburtsschmerz" zu empfinden glaubte. Als Thomas Manns Tagebücher nach seinem Tod veröffentlicht wurden, war seine Homosexualität eine Überraschung. Bei der 2004 verstorbenen amerikanischen Kritikerin und Essayistin ist das anders. Sontags lesbische Beziehungen waren eher ein öffentliches Geheimnis.
Susan Sontag: Wiedergeboren. Tagebücher 1947-1963. A. d. Engl. v. Kathrin Razum. Hanser Verlag 2010, 384 S., 24,90 Euro.
Aber eines, das sie zeitlebens vor neugierigen Blicken zu schützen wusste. Die Veröffentlichung ihrer frühen Notizbücher erlaubt nun Einblicke in Sontags Privat- und Intimleben - mehr als mancher Leser vielleicht haben wollte. "Wiedergeboren" als erster von drei geplanten Bänden umfasst die Jahre 1947 bis 1963. Leicht will es sich der Herausgeber, Sontags Sohn David Rieff, mit der Publikation nicht gemacht haben. "Du weißt, wo die Tagebücher sind": Dieser vieldeutige Satz, schreibt Rieff eingangs, sei das einzige gewesen, was seine Mutter ihm zu ihren im Kleiderschrank versteckten Notizbüchern gesagt habe. Da sie aber ihren Nachlass ohne Zugangsbeschränkungen der University of California verkauft hatte, habe sie ihm die Entscheidung letztlich doch abgenommen. Da habe er zumindest über die Auswahl selbst bestimmen wollen.
Letzte Bedenken des Lesers sollten sich dann verflüchtigen, wenn er erfährt, wie bedenkenlos Sontag in den Tagebüchern ihrer jeweiligen Liebhaberinnen spionierte - und hinterher meist über die darin gefundenen Wahrheiten über ihre Beziehungen am Boden zerstört war. Es sei eine der wichtigsten sozialen Funktionen von Journalen, notierte sie 1957 grimmig, "heimlich von anderen Leuten gelesen zu werden".
Für die junge Susan Sontag waren ihre Notizbücher "ein Vehikel für mein Ichgefühl", ein unentbehrlicher Ort der Selbstvergewisserung und -erschaffung. "Von jetzt an werde ich jeden Blödsinn, der mir durch den Kopf geht, aufschreiben", heißt es einmal. Als Leser muss man sagen: Sontags Tagebücher sind vor allem eine Ansammlung von Listen. Gewiss, hier finden sich akribisch protokollierte Tagesabläufe neben Reflexionen über Film und Interpretation, Sprache und Denken, literarische Entdeckungen, über Holocaust, Sexualität und Judentum, in denen sich viele ihrer nach 1964 erschienenen berühmten Essays bereits zu kristallisieren beginnen. Aber eben immer wieder auch Listen: von gelesenen oder zu lesenden Büchern, Filmen und Theaterstücken. Von Wörtern aus Kulturzeitschriften oder der Schwulenszene ("go commercial: es für Geld machen"). Von Kindheitserinnerungen (20 Seiten lang). Nicht zuletzt: von Fehlern ("Faulheit") und Selbstermahnungen ("täglich baden").
Sontags legendäres Selbstbewusstsein, ihr Wille zur Intellektualität, mit dem sie zur bedeutendsten Essayistin Amerikas wurde, war, wie die Einträge zeigen, nur die Kehrseite einer tiefen Verunsicherung, nicht zuletzt über ihre sexuelle Identität. Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen: Ihre ersten lesbischen Erfahrungen feierte die Studentin als "Wiedergeburt": "Ich weiß jetzt etwas mehr darüber, was in mir steckt", notiert sie 1949.
Umso überraschender die Kehrtwende: Nur ein Jahr später heiratet Sontag ihren Dozenten Philip Rieff, den sie erst Tage vorher kennen gelernt hatte: "im vollen + beklemmenden Bewusstsein meines Drangs zur Selbstzerstörung", wie es einen Tag nach der Hochzeit heißt. Über ihre Ehe und die Geburt ihres Sohnes David erfährt man lange nichts. Bis sich verdächtige Beobachtungen über die Ehe im Allgemeinen häufen: "Die Ehe ist eine Institution, deren Ziel und Zweck die Abstumpfung der Gefühle ist."
Weshalb man sagen kann: Sontags eigentliche Wiedergeburt findet erst 1957 statt, als sie für Monate ohne Mann und Kind in Europa lebt. In der Pariser Bohème frischt erst ihre Beziehung mit ihrer ersten Freundin Harriet wieder auf, später lebt sie mit Harriets Ex-Geliebter Irene zusammen. Beide Male ein sadomasochistisches Beziehungskarussell: mit knallenden Türen, verweigertem Sex, Eifersucht und Blutergüssen.
Susan Sontags Selbstwertgefühl wird in beiden Beziehungen tief erschüttert; stets ist sie in der Rolle der Schwächeren, die über "X" - Sontags Chiffre für ihre emotionalen Bedürfnisse und Abhängigkeiten - grübelt: "Die Quelle von X: Ich bin mir über meine eigene Meinung nicht klar", klagt jene Frau, die Amerikas scharfsichtigste Kritikerin werden sollte. Ihre Beziehungshöllen lassen Sontag stärker werden: 1959 beginnt der Kampf um das Sorgerecht, bei dem der Ehemann Sontag outet. "Mein Bedürfnis zu schreiben", heißt es im Dezember 1959, "hängt mit meiner Homosexualität zusammen. Ich brauche diese Identität als Waffe, als Gegenstück zu der Waffe, die die Gesellschaft gegen mich einsetzt."