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Literatur

10. Januar 2009

Thomas Bernhards "Preise": Hier der Scheck

 Von INA HARTWIG
Thomas Bernhard im Jahr des Büchnerpreises, 1970.Foto: Getty

Thomas Bernhards köstliches, trauriges, erschütterndes, glückliches Buch "Meine Preise".

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Maxim Biller meinte neulich, "Meine Preise" sei Thomas Bernhards bestes Buch, und es beweise zugleich unverblümt, was für ein "Arschloch" der vor bald 20 Jahren verstorbene große österreichische Schriftsteller gewesen sei. Beides ist falsch. Das schmale Buch ist bei weitem nicht das beste, das Bernhard je geschrieben hat - wie könnte es ankommen gegen "Alte Meister", gegen "Der Untergeher", gegen "Auslöschung"-, und als sonderliches Ekel erweist sich Bernhard hier auch nicht. Und doch hat Biller einen Punkt getroffen: Das Buch zeigt uns in der Tat einen Bernhard, den man so noch nicht gesehen hat.

Nicht allerdings, was der Autor zu den jeweiligen Preisumständen und Preisverleihungen zusammenschreibt, zwingt uns, das vertraute Bernhard-Bild zu revidieren, sondern die sogenannten Dankreden, die am Schluss des Bandes abgedruckt sind. Sie zeigen einen erschütternd unfähigen, einen durch öffentliche Rituale vollkommen gelähmten Menschen. Aber offenbar gefielen Thomas Bernhard seine kurzen Reden selber ganz gut. Es war jedenfalls seine Absicht, wie Raimund Fellinger im editorischen Nachwort zu "Meine Preise" unterstreicht, die Dankreden, die keine sind, in das jetzt postum erscheinende, in den Jahren 1980 und '81 entstandene Buch zu integrieren.

Die grundsätzlich auf den allerletzten Drücker an wackligen Hotelzimmertischen oder in der Wiener Wohnung seiner sagenumwobenen "Tante" zusammengeflickten Dankreden sind eine einzige, katastrophale Gattungsverfehlung. Plumpe Behauptungen von existentialistischem Pomp, gespickt mit indirekten und direkten Beleidigungen der Preisgeber und des Publikums. Mögen die anwesenden Honoratioren noch so grobschlächtig auftreten und schamlos schnarchen: Man ahnt, dass deren Empörung nicht ganz aus der Luft gegriffen war. Man lese einen Ausschnitt Bernhards Ansprache zur Verleihung des Österreichischen Staatspreises: "Die Zeitalter sind schwachsinnig, das Dämonische in uns ein immerwährender vaterländischer Kerker, in dem die Elemente der Dummheit und der Rücksichtslosigkeit zur täglichen Notdurft geworden sind. (...) Wir sind Österreicher, wir sind apathisch; wir sind das Leben als das gemeine Desinteresse am Leben, wir sind in dem Prozeß der Natur der Größenwahn-Sinn als Zukunft."

Der Dichter hatte seinen Skandal. Der Minister tobte. Dessen Vasallen gleich mit. Und "harmlos", wie Bernhard anderthalb Jahrzehnte später resümierte, war sein Textlein eben nicht. Harmlos war allerdings auch jene Wiener Presse mitnichten, die den eben ausgezeichneten Schriftsteller als "Wanze" bezeichnete, "die man vertilgen müsse" - wie Bernhard zitiert, so dass er sich letztlich doch im Recht fühlen kann und muss.

So trotzig bis böswillig die Dankreden ausfallen - und auch die Erklärung zum Austritt aus der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung sollte man sich nicht entgehen lassen -, so köstlich, traurig und überwältigend lesen sich einige der versammelten Texte über seine Preise. Hier handelt es sich um reine Literatur insofern, als der Umstand der jeweiligen Preisverleihung bloß als Anlass dient, um ein Füllhorn von typischen Motiven, Emotionen und Anekdoten zu offerieren.

Manchmal weitet sich die Anekdote zu einer komplexen Erzählung aus. So berichtet Bernhard, wie er noch vor Empfang des Preisgeldes loszieht, um ein Haus zu kaufen. Seine Tante - der berühmte "Lebensmensch" - neben ihm im Auto des Liegenschaftshändlers sitzend, draußen dichter Nebel, so dass praktisch nichts zu erkennen ist, lässt sich Bernhard gleich von dem zuerst besichtigten, durch Wasserschaden verwüsteten Hof verführen, zum Entsetzen der ihn zur Vorsicht gemahnenden Tante. Der Immobilienhändler - es ist niemand anderes als Karl Ignaz Hennetmair, dem wir das phantastische Tagebuch "Ein Jahr mit Thomas Bernhard" (Residenz Verlag, 2000) verdanken - überzeugt Bernhard durch die wie ein Mantra vorgetragene Formel von den "außerordentlichen Proportionen" des Hauses. "Ich hatte meine Mauern gefunden." Der Schriftsteller kauft den Hof in Nathal noch am selben Tag.

Dass Thomas Bernhard Häuser erwarb, um den entsprechenden finanziellen Druck fürs Weiterschreibenmüssen zu erzeugen, ist ein bekanntes Movens. Ebenso für seine ärztlichen Behandlungen benötigte er erhebliche Summen Geldes. So errettet der eine oder andere Preis ihn von seiner Schuldenlast und aus der Hoffnungslosigkeit. Das Preisgeld erlöst ihn aus dem finanziellen Desaster - und führt via Preisverleihung in ein neues, sozial-kulturelles Desaster hinein. Einmal heißt es, er fühle sich zu einer "Hinrichtung" gehen.

Von vorzüglicher Ungerechtigkeit sind die Städteporträts: Bremen sei kleinbürgerlich und antisemitisch (Bremer Literaturpreis, 1964), Regensburg düster (Ehrengabe des Kulturkreises des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, 1967), im vertrauten Salzburg trifft er einen guten Menschen wieder (Literaturpreis der Bundeswirtschaftskammer, 1976) - aber Hamburg, wo er sich 1964 den Julius-Campe-Preis abholt, versetzt ihn in schiere Euphorie.

Eine Preisverleihung findet zu Bernhards großer Genugtuung in Hamburg nicht statt. "Hier der Scheck", sagt der höfliche Verlagsleiter von Hoffmann und Campe - und nimmt ihn zu einem ausgezeichneten Mittagessen mit. Wieder in Wien, kauft sich Bernhard dann von der vollen Preissumme sein erstes Auto, einen Triumph Herald, und fühlt sich "so glücklich wie noch nie".

Thomas Bernhard:

Meine Preise.

Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2009,

144 Seiten,

15,80 Euro.

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