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Literatur

09. März 2016

Thomas Glavinics "Der Jonas-Komplex": Bin das etwa schon wieder ich?

 Von 
Glavinic soll in seiner Jugend ein mehr als passabler Schachspieler gewesen sein.  Foto: rtr

Sex, Koks und Alkohol: Der Wiener Schriftsteller Thomas Glavinic erzählt aus seinem Privatleben, oder was seine Leser dafür halten sollen. In seinem neuen Roman „Der Jonas-Komplex“ überreizt er das Spiel der Selbstinszenierung.

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Wer meine Bücher ablehnt, lehnt mich ab“, sagte Thomas Glavinic einst in einem Interview. Was aus dem Zusammenhang gerissen nach einem wenig kritikfähigen Schriftsteller-Pfau klingt, ergibt nach der Lektüre seines Werks ein komplexes Bild. Glavinic erzählt in seinen jüngeren Büchern bevorzugt von sich selbst und dies stets kritisch. In „Das bin doch ich“ lernen seine Leser ihn als neurotischen Hypochonder kennen, der jeden Tag beim gleichen Inder am Wiener Naschmarkt isst, seinen Schriftsteller-Kumpel Daniel Kehlmann beneidet und den Frust über die eigene literarische Bedeutungslosigkeit im Suff ertränkt. In „Unterwegs im Namen des Herrn“ unternimmt Glavinic eine Pilgerreise zum Balkan, wirkt dabei aber seinem Verdruss über frömmelnde Hinterwäldler mit beachtlichem Alkohol- und Medikamentenmissbrauch entgegen.

Freilich ist der Zusammenhang zwischen Autor und Erzähler nicht so unmittelbar, wie es der gemeinsame Name vermuten lässt. Dass die Blütezeit der Autobiografie spätestens mit Roland Barthes’ Verkündung vom „Tod des Autors“ ihr Ende gefunden hat, ist auch Glavinic nicht entgangen, der die literarische Selbstbeweihräucherung durch die Verschriftlichung des inneren Schweinehunds zu überwinden sucht. In dieses literarische Programm reiht sich sein jüngstes Werk „Der Jonas-Komplex“ ein, das am heutigen Donnerstag als erstes seiner Bücher im Fischer-Verlag herauskommt. Jonas trat bisher in der Mehrzahl jener Romane auf, in denen Glavinic nicht von Glavinic erzählt. Nun führt der Autor seine beiden Lieblingsfiguren auf mehr als 800 Seiten erstmals zusammen, auch wenn sie, räumlich und durch die einzelnen Kapitel voneinander getrennt, weitgehend in ihren eigenen Welten verbleiben.

Die Protagonisten verhalten sich ungefähr so, wie man sie aus früheren Büchern kennt: Der unermesslich reiche Jonas ist besessen von den Verlockungen der Grenzüberschreitung und begibt sich nach anfänglichem Zögern mit seiner Lebensgefährtin Marie auf die Suche nach dem Sinn des Lebens, diesmal in der lebensfeindlichen Kälte der Antarktis. Der Ich-Erzähler hingegen – diesmal namenlos und trotzdem offensichtlich an Glavinic angelehnt – ist gefangen im langweiligen Schriftsteller-Dasein, versucht erfolglos seine Alkohol- und Kokainsucht zu überwinden, lenkt sich zwischen Lesereisen mit bedeutungslosem und mittelmäßigem Sex ab und ist eigentlich nur glücklich, wenn er Zeit mit seinem Kind verbringt, das er sich mit seiner Exfrau teilen muss.

Neu und irritierend ist lediglich der dritte Handlungsstrang um einen zweiten Ich-Erzähler, einen einsamen dreizehnjährigen Jungen, der bei Schachturnieren Erfolge feiert und scharf auf seine versoffene und promiskuitive Sorgeberechtigte Uriella ist. Bei der turnusmäßigen Inspektion seines Geschlechtsteils auf Filzläuse fordert er sie zum Oralverkehr auf, sie demütigt ihn mit einem Lachkrampf. Auf der Straße muss sich das Schachtalent als „Drecksjugo“ beschimpfen lassen.

Schriftsteller-Exzentriker mit Komplexen

Nicht nur wegen der Anspielung auf Glavinics slawische Namensendung bleibt auch hier der autobiografische Bezug scheinbar unverschlüsselt, erzählt man sich doch über den Autor, er sei in seiner Jugend ein mehr als passabler Schachspieler gewesen, wenn auch nichts über das Verhältnis zu seinen Erziehungsberechtigten bekannt ist.

Und so oder so droht das Spiel mit den Abgründen des eigenen Selbst, das Glavinic bisher so gekonnt und mit ironischem Augenzwinkern gespielt hat, an dieser Stelle zu einer traurigen Masche zu verkommen – als müsste er krampfhaft erklären, warum er so ein hoffnungslos verruchter Exzentriker geworden ist.

Ein Schriftsteller-Exzentriker mit Komplexen, hervorgerufen durch den Neid auf seine eigene Romanfigur, wie der Titel des Buchs andeutet. Der „Jonas-Komplex“ bezeichnet in der Psychologie die Angst vor der eigenen Größe und die Vermeidung von Herausforderungen – angelehnt an den biblischen Propheten, der vor Gottes Auftrag aufs Meer flüchtet und dort von einem Wal verschlungen und wieder ausgespuckt wird, bevor er sich eines Besseren besinnt. Bei Glavinic muss aber weniger Jonas mit dem gleichnamigen Komplex zurechtkommen als das jugendliche Schachtalent, das im Zweifel lieber auf Remis als auf Risiko spielt: „Überall sehe ich die Gefahr, nicht die Chance. Ich habe gelesen, das nennt man den Jonas-Komplex.“

Auch der erwachsene Ich-Erzähler hat mit dieser Disposition zu kämpfen. Beinahe reist er wie Jonas zur Antarktis, das Geld für den Flug hat er schon gespart, aber so ganz alleine will er dann doch nicht hin. Und außerdem: „1400 Dollar kostet der Spaß. Umgerechnet knapp fünfzehn Gramm Koks.“

Fast unvermeidlich stellt sich bei der autobiografischen Selbstvergegenständlichung die Frage, wie der echte Glavinic mit seinem Jonas-Komplex fertig wird. Man möchte ihm nur raten, die Finger von den Drogen zu lassen, ob real oder literarisch, den Blick vom Spiegel abzuwenden, sich ein Beispiel an Jonas zu nehmen und die große Reise zu wagen – es muss ja nicht gleich die Antarktis sein. Möglich, dass die Suche nach Inspiration außerhalb der eigenen Abgründe die Chance bietet, der depressiven Langeweile des Alltags zu entfliehen und zur schriftstellerischen Produktivität zurückzufinden.

Thomas Glavinic: Der Jonas-Komplex. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2016. 752 Seiten. 24,99 Euro.

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