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Tilman Jens zur Odenwaldschule: Der Verteidiger

Tilman Jens hat eine sehr exklusive Sicht auf die Odenwaldschule. Wie ein Politiker räumt er in seinem Buch "Freiwild" nur ein, was man beim besten Willen nicht mehr Ausräumen kann. Ein trauriger Umgang mit dem Missbrauch.

Blick aus der Distanz? Die Odenwaldschule.
Blick aus der Distanz? Die Odenwaldschule.
Foto: Alex Kraus

Jetzt ist wieder ein Buch über die Odenwaldschule erschienen. Es ist das zweite innerhalb weniger Wochen, ein drittes wird im Sommer folgen. Einen beeindruckenden Dokumentarfilm gibt es auch schon (zu sehen heute Abend, 22.25 Uhr, auf 3sat), ein weiterer ist in Arbeit. Spielfilmideen, so hört man, kursieren bereits. Es ist nicht so leicht, fertig zu werden mit einem Thema, das im Frühjahr 2010 für einige beklemmende Wochen Schlagzeilen machte. Auch Tilman Jens wird damit nicht fertig. Mit dem Buch „Freiwild“ hat er es nun versucht. Es ist ihm gründlich misslungen.

Tilman Jens, Sohn des allseits verehrten Walter Jens, war selbst lange auf der Odenwaldschule. Er ist es heute wieder. Auf Seite 188, zwei Seiten vor Schluss, weist er selbst – in Parenthese – darauf hin, dass er im Trägerverein jener Schule sitzt, die vor 14 Monaten endgültig zur Chiffre für sexuellen Missbrauch wurde. Das etwas verschämte Bekenntnis überrascht dann doch bei dem sprachgewaltigen Autoren, der seit Jahr und Tag ganz gut mit und von der literarischen Provokation leben kann. Die Flucht ins Kleinlaute soll wohl verbergen, dass hier einer schreibt, den man wahrlich nicht unbefangen nennen kann.

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An der Odenwaldschule tobt seit März 2010, seit also die FR zum zweiten Mal den Skandal um den Missbrauch von Internatsschülern ans Licht zerrte, ein verbissen geführter Kampf um die Frage nach Schuld, nach Konsequenzen, nach Entschädigung. Er ist bis heute nicht entschieden. Klar ist aber, dass im Trägerverein längst diejenigen das Sagen haben, die dem Credo folgen: die Schule zuerst! Sie muss gerettet werden, alles andere ist sekundär. Also auch die Frage, wie mit den 132 Betroffenen Alt-Schülern, die sich bis heute gemeldet haben, umgegangen werden soll. Ein Entschädigungskonzept gibt es deshalb noch immer nur in groben Zügen. Von 50000 Euro, die dem Opferverein „Glasbrechen“ Anfang März zugesagt wurden, sind in diesen Tagen erst 25000 Euro eingegangen. Macht rechnerisch 189,39 Euro für jedes missbrauchte Opfer.

Die Diskussion um Entschädigung wird mit dem Abschlussbericht, den die Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs heute vorlegen wird, wieder aufflammen. Da kann es nicht schaden, mit einem Schriftstück in die Diskussion zu platzen, das insinuiert, dass alles so schlimm gar nicht war – ja mehr noch: dass auch diejenigen, die man bislang für Täter, Mitwisser und Vertuscher hielt, tatsächlich „Freiwild“ waren. Dank Tilman Jens wissen wir nun auch das.

Wer missbraucht hier wen?

Ursprünglich, schreibt der 56-Jährige, habe er nur über den „Missbrauch des Missbrauchs“, die „Treibjagd“ also auf Lehrer und Mitarbeiter, die Opfer- und Medienhysterie schreiben wollen. Dann aber sah er ein, dass der Fall „bei genauerem Hinschauen eben weit komplizierter“ ist. Das ehrt ihn. Man hätte sich aber schon gewünscht, dass Jens dann eben auch ganz genau hinschaut.

Stattdessen setzt er auf ein so schlichtes wie wirkungsvolles, vor allem in der Politik beliebtes, Instrument: Er räumt nur ein, was sich beim besten Willen nicht mehr ausräumen lässt. Der vielhundertfache Missbrauch von Schülern durch den ehemaligen Schulleiter Gerold Becker, die Existenz weiterer Täter, das Versagen der Schule (und der Öffentlichkeit) nach den ersten Medienberichten 1999 – sie werden auch von Tilman Jens nicht bestritten. Wohl aber die Annahme, dass der Missbrauch von 10-, 12-, 14-Jährigen an der Odenwaldschule System hatte. Und auch am tatsächlichen Ausmaß der Vertuschung hat Tilman Jens so seine Zweifel.

Er macht sich dabei geschickt den Umstand zunutze, dass es im Frühjahr 2010 tatsächlich Betroffene und Journalisten gab, die weit übers Ziel hinaus schossen, die Taten und Täter offen benannten, ohne Belege nachzuliefern. Jens hat drei Beispiele dafür gefunden: den Jungen, der als Zehnjähriger missbraucht worden sein will, obwohl er erst mit elf an die Schule kam; das Mädchen, das die Lehrer A. und F. verwechselte; und den Fall Gerhard Roese, der gleich neun Lehrer als Täter benannte und, gerichtlich damit konfrontiert, in sieben Fällen Rückzieher machen musste.

Ein halbes Kapitel voller Häme widmet Jens diesem „verkannten Künstler“ Roese, der seine Chance gewittert habe, als „Gesicht der Geschundenen“ Karriere zu machen und der persönliche Motive habe, der Schule zu schaden: Er habe ihr einst ein Logo angedient, „das – dem Himmel sei’s geklagt – von den Banausen in der Geschäftsleitung abgelehnt wurde“. Was Jens zu schreiben vergisst, aber als Trägervereinsmitglied wissen müsste: Es gibt Dutzende Alt-Schüler, die jene Lehrer, die von Roese benannt wurden, ebenfalls in internen Mails der Täterschaft bezichtigten. Sind sie reingewaschen, nur weil ihre mutmaßlichen Taten schwer beweisbar sind und strafrechtlich verjährt wären? Jens gibt darauf keine Antwort. Er verhält sich wie der Verteidiger, dem es um Freispruch, nicht um Schuld oder gar Gerechtigkeit geht.

Ähnlich verhält es sich mit der Causa Wolfgang Harder. Es gibt viele Hinweise, dass der Ex-Schulleiter früh von Übergriffen seines Vorgängers Beckers wusste. Und es gibt zahllose Belege, dass Harder – wie viele andere Spitzen-Pädagogen dieses Landes – auch nach Aufdeckung des Skandals treu zu Becker stand. Aber nein, sagt Jens, Harder sei Aufklärer gewesen und habe viel später als behauptet von den Vorwürfen gegen Becker erfahren. Belege? Zwei Gespräche, die er mit Harder führte und nach denen er sicher ist, „dass viel dafür spricht, ihm zu glauben“. So war das also wirklich im Odenwald: Die Opfer haben sich, traumatisiert, wie sie sind, eben getäuscht und sind in ihrem Furor „im Begriff, neue Opfer zu produzieren“. Unterstützt von Journalisten, die es ohnehin nie so genau wissen wollen. Es sei denn, sie heißen Tilman Jens. „In der Tragödie um die Odenwaldschule“, schreibt dieser, „bröckeln die Grenzen von Gut und Böse, da werden Täter zu Opfern und Opfer zu Tätern.“ Wie wahr.

Tilman Jens: Freiwild. Die Odenwaldschule – Ein Lehrstück von Opfern und Tätern, Gütersloher Verlagshaus 2011, 192 S., 17,99 Euro.

Autor:  Jörg Schindler
Datum:  24 | 5 | 2011
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