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Literatur

03. Januar 2016

Tilman Rammstedt: Auf interessante Art scheitern

 Von Cornelia Geißler
Am 55. Tag des Projekts könnte der Autor so aussehen – so jedenfalls mutmaßt er (prognostiziert er es) auf seiner Homepage.  Foto: startnext

Ist das die Zukunft? Autor Tilman Rammstedt schreibt sein nächstes Buch als Fortsetzungsroman zum täglichen Mitlesen. Zwei Seiten pro Tag sollen es werden.

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Am kommenden Montag, dem 11. Januar, beginnt Tilman Rammstedt seinen neuen Roman. Er muss an dem Tag anfangen. Der Schriftsteller hat sich nämlich verpflichtet, in Fortsetzungen zu schreiben. Das können Abonnenten lesen – jeden „Morgen mehr“, wie auch der Titel lautet. Darüber haben wir vorab mit ihm sprechen wollen.

Lieber Tilman Rammstedt, ich hatte um einen Termin mit Ihnen gebeten, da hieß es aus dem Verlag, Sie führten lieber ein schriftliches Interview. Weshalb gefallen Ihnen schriftliche Interviews besser als Auge-in-Auge geführte?
Mir gefallen Auge-in-Auge-Interviews fast immer besser. Man trinkt hektisch Kaffee und redet sich um Kopf und Kragen. Aber gerade ist es mit meiner Zeit etwas schlecht bestellt, weil ich natürlich mein ganzes Leben vor dem Start von „Morgen mehr“ aufräumen will, was aber erstaunlich schlecht gelingt. Das hier schreibe ich nun im Zug, und da wollten Sie ja bestimmt nicht mitfahren.

Würden Sie Ihre schlimmste Interview-Erfahrung verraten (Sie müssen keine Namen nennen)?
Ach, schlimme Erfahrungen wenige, nervige aber schon. Denn die Behauptung, Auge-in-Auge-Interviews würden ein tatsächliches Gespräch widerspiegeln, stimmt ja nicht. Am Ende wird alles notgedrungen gekürzt, geglättet, in eine Form gebracht, und das halt alles vom Interviewer. Ich erkenne am Ende sowohl mich als auch das Gespräch sehr selten wieder.

Zur Person

Tilman Rammstedt wurde 1975 in Bielefeld geboren. Er lebt als Schriftsteller und zuweilen Musiker in Berlin. Er debütierte 2003 mit dem Kurzgeschichtenband „Erledigungen vor der Feier“. Seither veröffentliche er mehrere Romane: „Wir bleiben in der Nähe“, „Der Kaiser von China“, zuletzt „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“.

Das kommende Buch entsteht unter den Augen der Leser.

In meinem guten alten Medium Tageszeitung ist der Fortsetzungsroman ziemlich aus der Mode gekommen. Haben Sie mal einen gelesen?
Nein, habe ich nicht. Zu meinen Lebzeiten war der Zeitungsfortsetzungsroman auch schon längst ein zerstückelter Vorabdruck eines bereits fertig geschriebenen Buchs, und da will ich lieber mein eigenes Lesetempo bestimmen. Bei „Morgen mehr“ geht es aber nicht ums Zerstückeln, sondern ums Wachsen oder zumindest ums Schlingern.

Haben Sie dafür Vorbilder? Spricht Sie jetzt jeder auf Balzac an?
Nein, die suche ich noch dringend. Die klassischen in Fortsetzung erschienenen Romane, seien sie nun von Balzac, Dickens oder Dostojewski, waren ja auf eine erstaunliche Weise geschlossen. Das könnte ich gar nicht leisten, und will es deshalb auch lieber nicht. Bei „Morgen mehr“ wird höchstwahrscheinlich die Art des Entstehens – das tägliche Schreiben unter Zeitdruck, das Pausenlose – viel mehr Einfluss auf die Geschichte haben. Und das ist auch das, was mich daran interessiert: Wie die Bedingungen des Schreibens das Schreiben verändern. Dass also der Roman „Morgen mehr“ am Ende auf keine andere Weise hätte geschrieben werden können.

Setzen Sie sich eine Ober- oder Untergrenze für die tägliche Textmenge?
Mit Sicherheit keine Obergrenze, das wäre ja höchst fahrlässig. Ich hoffe, dass es im Durchschnitt etwa zwei Seiten pro Tag werden, an schlechten Tagen vielleicht nur eine halbe Seite, dafür an euphorischen gleich fünf. Das ist jedenfalls meine Erfahrung vom Schreiben meiner bisherigen Bücher.

Der Roman wird eine Art Zeitreise, steht in der Vorstellung des Projekts. Wie stoppen Sie sich bis zum 11. Januar, nicht die Ideen dazu ständig im Kopf zu bewegen?
Leider ist mir selbst das Thema noch ganz und gar nicht klar. Für die Verlagsvorschau brauchte ich irgendeine Art von Handlungszusammenfassung, die ich mir dann notgedrungen aus den Fingern saugte. Ob ich am 11. Januar dann aber doch lieber eine ganz andere Geschichte beginne, kann ich nicht ausschließen. Sehr zu meinem Bedauern. Es würde mich ungeheuer beruhigen, wenn ich eine feststehende Idee schon im Kopf bewegen könnte. Von mir aus auch ständig.

Könnten Sie auch scheitern? Dass Sie also nach einem Monat merken, dass die ersten Kapitel nichts taugen, oder Sie es nicht schaffen, die Idee gut genug auszubauen?
O ja, ich kann scheitern und ich werde sehr sicher scheitern. Auf alle erdenklichen Weisen. Die Kapitel können nichts taugen, die Grundidee kann nichts taugen, meine Kondition kann nichts taugen, diese Art zu schreiben und zu publizieren kann nichts taugen. Die Wahrscheinlichkeit, nicht zu scheitern, ist lächerlich klein. Es geht bei „Morgen mehr“ auch deshalb darum, auf eine hoffentlich interessante Art zu scheitern.

Das Finanzierungsziel über die Plattform Startnext war schon am 21. Dezember erreicht – zehn Tage vor Ende. Haben Sie damit gerechnet, dass es so schnell geht? Oder Ihr Verleger, Jo Lendle?
Das mit dem „Finanzierungsziel“ ist ein naheliegendes Missverständnis, das wohl oder übel in Kauf genommen wurde. Weder dem Verlag noch mir ging es darum, beim Vorverkauf der Abonnements auf Startnext eine bestimmte Summe einzuspielen. Wir hätten das Projekt ja auch gemacht, wenn das angegebene Ziel nicht erreicht worden wäre. Die Entstehung dieses Buches wird halt ein Experiment sein: für mich, was das Schreiben angeht, für den Verlag, was den Vertrieb angeht. Und schon allein deshalb rechnet niemand mit irgendwas.

Kurz bevor Jo Lendle von seinem und Ihrem alten Verlag Dumont zu Hanser wechselte, hielt er eine die Branche verstörende Rede, in der er andeutete, dass die Verlage in ihrer klassischen Form im digitalen Schlaraffenland ausgedient hätten. Ist das Romanschreiben über Crowd-funding ein Schritt in diese Richtung?
„Morgen mehr“ ist kein Crowdfunding-Roman. Nicht ich als Autor, sondern mein Verlag hat sich für den Abonnement-Vorverkauf auf Startnext entschieden. Und das auch nicht aus Hoffnung auf crowdgefundete Sockelfinanzierung, sondern als Werbemaßnahme. Ich selbst würde den Roman ja viel entspannter schreiben, wenn es nur drei Abonnenten gäbe, aber ich kann verstehen, dass mein Verlag das etwas anders sieht. Aber bei all dem digitalen Vorlauf: Am Ende wird es ein klassisch gedrucktes Buch geben, das auf klassische Weise über den Buchhandel vertrieben wird.

War das Projekt „Morgen mehr“ also seine Idee oder Ihre?
Es war mal meine Idee. Auch wenn sie, wie Ideen das so an sich haben, mittlerweile nicht mehr wiederzuerkennen ist. Grundlage war jedenfalls die Einsicht, dass ich meine Bücher ohnehin immer recht hektisch und unter großem Zeitdruck schreibe und ich irgendwann einsah, dass sich daran wohl nichts mehr ändern ließ. Also konnte man es auch gleich zum Prinzip machen. Jo Lendle, der alle meine Bücher als Lektor begleitet hat, teilte diese Mischung aus Resignation und Zweckoptimismus, wobei wir das eher gerecht aufteilen: Ich übernehme das Resignieren, er den Optimismus.

Schicken Sie die Häppchen einfach so in die Welt, wie ein Blogger? Oder werden sie lektoriert?
Nein, die werden natürlich lektoriert. Sowohl die täglichen Häppchen als auch die Entwicklung des Romans, so es denn eine geben wird. Ich werde Jo Lendle also auch bei diesem Buch verzweifelt nachts anrufen.

Kann es sein, dass das fertige Buch am Ende anders aussieht als die Summe der täglichen Teile?
Das wird sogar mit Sicherheit so sein. In welchem Ausmaß kann ich aber natürlich noch nicht beurteilen: Vielleicht werde ich nur einfach die Kapitel aus schlechten Tagesformen noch einmal überarbeiten, vielleicht wird es aber auch ein ganz anderes Buch auf Grundlage des in den drei Monaten entstandenen Materials. Vielleicht übernehme ich auch nur ein paar der gelungeneren Kommas.

Wie können wir Leser sicher sein, dass Sie wirklich in Etappen schreiben? Haben Sie nicht doch einen heimlichen Zettelkasten im Hinterhalt? Oder gar die Rohfassung eines Romans, die Sie jetzt in Portionen aufteilen?
Ich wünschte wirklich, es wäre so. Ich würde wahnsinnig gern schummeln. Aber viel Zeit bleibt mir nicht mehr dafür. Auch deshalb kann ich nicht genau sagen, ob es irgendwelche „Beweise“ geben wird, wie etwa tagesaktuelle Bezüge oder Reaktionen auf Leserkommentare oder so etwas in der Art. Wahrscheinlich wird die Wechselhaftigkeit der einzelnen Tageskapitel Beweis genug sein, das falsche Abbiegen, das Umentscheiden, das Schwanken der Launen und wohl auch der Qualität. Und glauben Sie mir: Wenn ich schon den halben Roman fertig hätte, gäbe es überhaupt keinen Grund, diese tägliche Erscheinungsform zu wählen. Dann würde ich ihn gemütlich im Verborgenen zu Ende schreiben.

In Ihrem Blog bei Zeit online schrieben Sie, bis halb fünf erledigten Sie „die dringendsten Aufgaben des Tages (Verzweifeln, Seufzen, Haareraufen, Wimmern) direkt noch im Bett“. Danach müssen Sie also schreiben. Sind Sie aufgeregt, ob Ihnen Ihr neuer Roman gelingt?
Das Verzweifeln, Seufzen, Haareraufen und Wimmern hat in den letzten Wochen jedenfalls nicht selten diese Sorge um meinen neuen Roman zum Anlass.

Interview: Cornelia Geißler

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