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Literatur

26. Januar 2016

Tilman Rammstedt: Der Autor und sein natürlicher Feind

 Von Cornelia Geißler
Egal, wann. Egal, wo. Egal, wie. Jeden Tag muss Tilman Rammstedt eine neue Seite seines Romans schreiben, damit sie am Morgen online gehen kann.  Foto: REUTERS

Jeden Morgen funktioniert ein neues Internet-Häppchen vom neuen Roman des Schriftstellers Tilman Rammstedt. Das Mitlesen ist tatsächlich ein großer Spaß. Der Autor allerdings wirkt nach 13 Tagen ziemlich geschafft.

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Tilman Rammstedt sieht jetzt schon richtig mitgenommen aus. Die Haare zerzaust, tiefe Ringe unter den Augen. Was soll nur aus ihm werden? Seit dem 11. Januar schreibt er in aller Öffentlichkeit an seinem neuen Roman. Und er muss bis zum 8. April dranbleiben, das hat er versprochen. Dafür haben Unterstützer auf der Crowdfunding-Plattform Startnext Geld gezahlt. Dafür haben weitere Leser Abonnements zu 8 Euro abgeschlossen.

Der erste Tag begann fulminant mit den Sätzen „Ich weiß alles. Ich weiß den Anfang, den Mittelteil und den Schluss. Ich weiß, dass ich zum Klang von Silvesterraketen zur Welt komme.“ Elf Tage später sitzt sein Vater zu der Zeit, als der Walkman noch nicht erfunden war, mit einem unberechenbaren Mann namens Dimitri und einem nervig-neugierigen Jungen in einem Auto und der Junge fragt, wer Claudia sei, „und Dimitri sagte: ,Keine Ahnung‘, und mein Vater sagte: ,Claudia ist das claudiaförmige Loch in meinem Herzen‘“. Das war am 26. Januar, vielleicht wird er sich heute, am 13. Schreibtag, Claudia zurückerobern. Der Autor hatte allerdings schon nach der ersten Woche geklagt: „Handlung ist so etwas wie der natürliche Feind des Schreibens.“ Seine Sprache, melodiös und verschlungen, hat er gefunden. Die Handlung läuft so mit.

Öffentlich schreiben bedeutet, dass Rammstedt zwar zu Hause sitzt – oder in einem Büro oder Café, wo man ihm nicht direkt auf die Tastatur blicken kann. Aber er stellt jeden Morgen als Text und als Audiodatei online, was er tags zuvor verfasst hat. Oder nachts. Vergangene Woche erzählte sein Lektor Jo Lendle in Berlin, der Autor brauche noch einen Satz. Da war es 21 Uhr.

Fortsetzung gegen 8 Uhr

Mitlesen kann jeder, der sich auf morgen-mehr.de angemeldet hat oder noch anmeldet. Dann loggt man sich auf der Webseite ein oder wartet auf die morgendliche E-Mail, die so gegen 8 Uhr eintrifft. Wer es noch bequemer mag, kann die Romanhäppchen auch per WhatsApp-Nachricht erhalten, als Gebrauchsinformation zwischen Verabredungen und Einkaufslisten. Der Autor wird zu einem guten Bekannten, der fast täglich grüßt (an den Wochenenden hat er frei), viele Leser grüßen mit Kommentaren zurück. „Das ist mein Lieblingstag bisher! Die Szene würde sich auch verfilmt gut machen“, gehört zu den Botschaften dieses Dienstags.

Mehr dazu

Andere machen sich Gedanken darüber, ob der Autor umgezogen sei oder sich bloß spiegelverkehrt fotografiert, weil sich auf den täglichen Fotos Raumthermostat und Steckdose mal links, mal rechts hinter dem Autor befinden.

Das „work in progress“ funktioniert. Es macht Spaß als Gesamtkunstwerk mit den Kommentaren und auch den Reaktionen des Autors darauf. Bitte morgen mehr.

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