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Literatur

29. Mai 2014

Tom Hillenbrand: Drohnenland: Und Teiresias rechnet

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Protest gegen Überwachung: Eine von einem Demonstranten gelenkte Drohne überm Berliner BND-Neubau.  Foto: dpa

Tom Hillenbrands erschreckend plausibler Science-Fiction-Krimi „Drohnenland“. Schon vor Edward Snowdens Enthüllungen durchdachte hier noch einer das Thema staatliche Komplettüberwachung.

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Der Verlag Kiepenheuer & Witsch, in dem Tom Hillenbrands „Drohnenland“ kürzlich erschienen ist, versichert, dass das Buch vor den Enthüllungen Edward Snowdens entstanden sei. Und er tut gut daran, das zu betonen, es macht das Buch umso hellsichtiger und gespenstischer. Denn um eine staatliche Komplettüberwachung geht es da. Die teils nur fliegen- und mückengroßen Drohnen von Polizei und Geheimdienst schwirren allüberall, zeichnen alles auf; diese Aufzeichnungen wiederum werden von Supercomputern zu virtuellen Welten gerechnet, in denen sich reale Geschehnisse rekonstruieren – oder aber so manipulieren lassen, dass die Ermittler zu einem falschen Ergebnis geführt werden. Westerhuizen nennt Hillenbrand seinen Kommissar, der nur noch ein wenig melancholisch wird, wenn er über die ehemaligen Niederlande schippert, seine aufgrund gestiegener Meeresspiegel von Wasser bedeckte Heimat.

Googles internetfähigen Brillen

Auch die zweifellos drohende Allgegenwart der derzeit von Google entwickelten internetfähigen Brillen nimmt Hillenbrand  voraus. Jeden, mit dem er es zu tun hat, kann der Polizist von seiner Datenbrille sogleich identifizieren lassen. Seinem Dienstwagen sagt er nur noch, wo er hin will, oder, dass er sich einen Parkplatz suchen soll (das freilich wäre immens praktisch).

Das Buch

Tom Hillenbrand: Drohnenland. Kriminalroman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 424 Seiten, 9,99 Euro.

Den Fall eines erschossenen Europaabgeordneten sollen Westerhuizen und seine Analystin Ava aufklären. Eine wichtige Abstimmung steht an, über einen neuen EU-Vertrag, denn Großbritannien will aussteigen. Und hat die Ermordung des Abgeordneten etwa mit seinem vermutlichen Abstimmungsverhalten zu tun? Denn ja, Supercomputer Terry – eigentlich Teiresias, so viel humanistische Bildung muss sein – kann auch das (Abstimmungs-)Verhalten jedes Menschen in Wahrscheinlichkeitsprozenten voraussagen. Selbstverständlich ist es verboten, Terry mit einer solchen Rechnung zu beauftragen. Selbstverständlich findet jeder Technikmissbrauch, der stattfinden kann, irgendwann auch statt.

Intimstes wird ins Netz gestellt

„Drohnenland“ verfremdet die uns bekannte Welt auf leider äußerst plausible Weise. Beziehungsweise dreht sie ein paar Zukunftsumdrehungen weiter. Datenbrillen werden gehackt, außerdem sind Paparazzidrohnen unterwegs. Intimstes wird ins Netz gestellt. Der Handel mit Pornos und Snuff-Filmen blüht. Die Armen werden fetter, die Wohlhabenden lassen sich zurechtoperieren. Wenn einer, der 50 ist, aussieht wie Mitte 30, muss er Geld haben. Rauchen ist fast nirgendwo mehr gestattet, Kommissar Westerhuizen behilft sich mit Lakritz.

Tom Hillenbrand, zuvor mit geschmeidigen, aber belanglosen „kulinarischen Krimis“ in Erscheinung getreten, ist mit „Drohnenland“ beunruhigend stimmige Science Fiction gelungen. Showdown und Auflösung geraten ihm konventionell, aber bis dahin beweist er wundersames Talent für Spannung und Detail. Gern würde man aber „Drohnenland“ weniger überzeugend finden.

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