Es ist dies ein Lehrstück auch über die Instrumentalisierung von Medien. Und es spielt auf der Frankfurter Buchmesse - und anderswo. Am Mittwoch, 15. Oktober, interessieren sich unbekannte Besucher auffällig für eine Karte Kurdistans, die am Stand des kurdischen PEN-Zentrums und an dem eines kurdischen Verlages in der Halle 5 hängt. Kurdistan umfasst in dieser Darstellung Teile der Türkei, Irans und Iraks - folgend den ethnischen Grenzen.
Am Tag darauf, kurz nach 14 Uhr, und dann noch einmal eine halbe Stunde später, attackiert jeweils eine Gruppe Männer die beiden Stände. Die Karte Kurdistans "wird zerrissen", wie Thomas Minkus, Sprecher der Frankfurter Buchmesse, am Freitag der FR bestätigt. Memo Sahin, Sprecher des kurdischen PEN, berichtet, dass er mit anderen Verlagsmitarbeitern von den Angreifern "beschimpft und bedroht" worden sei.
Doppelstreifen in der Halle 5
Die alarmierte Buchmessen-Direktion schaltet die Polizei ein. "Wir müssen die Sicherheit unserer Aussteller gewährleisten", so Sprecher Minkus. Die Polizei sei aber auch schon vor den Attacken "präsent" gewesen - verhindern konnte sie sie offenkundig nicht. Am Freitag patrouillieren in der Halle 5 demonstrativ uniformierte Doppelstreifen. "Es hat immer wieder einmal in den vergangenen Jahren solche Angriffe gegeben, das ist nicht das erste Mal", sagt der Frankfurter Polizei-Sprecher Jürgen Linker.
Nach Darstellung des kurdischen PEN-Zentrums gibt es eine brisante Vorgeschichte. Am 15. Oktober, gegen 20 Uhr, einige Stunden nach dem Besuch der Männer und ihrem auffälligen Interesse an den Karten Kurdistans, "waren in türkischen Privatsendern Bilder unserer Stände und der Karte zu sehen", so PEN-Sprecher Sahin. Mehr noch: Die Sender hätten zu Angriffen auf die Buchmessen-Stände aufgerufen. Und die Angreifer am Tag darauf seien "von türkischen Journalisten begleitet" worden.
Polizei-Sprecher Linker, der schon viele Buchmessen begleitet hat, kann sich an eine derart inszenierte Provokation nicht erinnern. Er gibt wieder, was die Polizeibeamten aus Zeugenaussagen rekonstruierten: "Just in dem Moment, in dem die Attacke auf den Stand stattfand, waren urplötzlich Vertreter türkischer Medien vor Ort". Es habe sich nicht nur um schreibende Journalisten, "sondern auch um mehrere Kamera-Teams" gehandelt.
Nicht nur für die Polizei stellt das eine "neue Qualität" da. Das kurdische PEN-Zentrum spricht von einer Gruppe türkischer Nationalisten, die hinter dem Angriff stecke. Gegen ein namentlich bekanntes Mitglied der Gruppe wolle man jetzt auch Anzeige erstatten. Der Mann lebe schon seit drei Jahrzehnten in Frankfurt. Die Polizei nimmt den Vorfall nach Darstellung Linkers sehr ernst. Der Leiter des 13. Polizeireviers, das für die Buchmesse zuständig ist, sei vor Ort gewesen. Er habe eigens auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht, Strafanzeige zu erstatten. Bis zum Freitagnachmittag lag eine solche Strafanzeige allerdings noch nicht vor.
In einer Erklärung des kurdischen PEN-Zentrums und der kurdischen Verlage auf der Buchmesse heißt es: "Die Türkei, der Ehrengast der diesjährigen Buchmesse, tritt mit dem Motto ,faszinierend farbig' in der Messe an - anscheinend sind die Kurden von dieser Vielfalt ausgeschlossen". Die türkische Tageszeitung Hürriyet distanziert sich auf FR-Anfrage am Freitagnachmittag: Die Redaktion sei von der Aktion vorab informiert worden, habe aber der Einladung nicht Folge geleistet.
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