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Literatur

05. Juli 2006

Überfällige Korrekturen

 Von WOLFGANG G. SCHWANITZ

Der britische Islamwissenschaftler Robert Irwin widerlegt Edward Saids berühmtes Werk "Orientalismus"

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Jedes Fach hat seine Rumpelkammer. In unserer Zeit ist sie ein virtueller Ort, der zu magischen Räumen voller Artefakte von Altvorderen führt: schiefe Regale mit Urtexten, staubige Briefordner und vergilbende Alben. Sie künden von Reisen nach Afrika und Asien. Auch dahin führt Robert Irwins Tour durch die Orientalistik. Er schwenkt sein Lichtlein über einem Halbmond, findet einen Krummdolch und fragt, wie Europäer seit den Anfängen des Islam Mittelost gesehen und dabei die Orientalistik entfaltet haben. Doch dahinter steckt mehr. Irwin möchte Edward Saids Orientalismus (1978) widerlegen: Der palästinensisch-amerikanische Kritiker, der vor drei Jahren starb, sah im Orientalismus ein Konstrukt des Westens und einen hegemonialen Diskurs, der den Orient erst erfunden habe.

Vor knapp drei Jahrzehnten edierte Said jenes Buch. Jedoch war er weder Orientalist noch annähernd vertraut mit zwei Dutzend Fächern, die unter dem Dach der Orientalistik firmierten. Er konnte auch nicht hinreichend Arabisch oder andere dafür maßgebende Regionalsprachen. So unbedarft, aber voller Wut brach er Schneisen in den alten Kanon einer Manteldisziplin, die selbst Insider wegen ihrer filigranen Verzweigung kaum noch überschauen konnten.

Wie müsste wohl ein Buch aussehen, dass Edward Said überwindet? Bitte, hier ist es: Aus Lust am Wissen: die Orientalisten und ihre Feinde. Denn selbst ein Anfänger konnte sehen, dass Orientalismus sehr ungereimt war. Allein Saids Foucaultsche Formel, die Orientalistik reflektiere keine Realität, sondern bloß eine westliche Idee, war desaströs. Er stempelte viele Gelehrte zu kolonialen Helfern. Weit gefehlt, denn sie waren ja mehrheitlich gegen Imperien.

Nehmen wir nur die Halle-Leipziger Schule. Johann W. Fück (1894-1974) an der Saale, der zu Mohammed und zu Arabisch forschte, dankte Wolfgang Reuschel (1924-1991), einem verdienten Leipziger Arabisch-Professor. Beide waren fein gebildete Männer, recht unpolitisch. Über Fücks Lehrer, den Frankfurter Josef Horovitz (1874-1931) und in Leipzig Heinrich L. Fleischer (1801-1888), gelangt man bereits in der Blütezeit der Orientalistik nach der Reichsgründung an. Alle waren sie hochbegabt und eigensinnige Einsiedler, zu Hause eher in Literatur und Islam als im Alltag. Solche Universitätsprofessoren sollen den Orient willentlich orientalisiert haben?

Said konnte ungenügend Deutsch - und nahm deshalb deutsche Orientalisten von seinen Anwürfen aus. Dies glich einer Musikgeschichte ohne Bach, Mozart und Beethoven. Indes fand Said mit Orientalismus auch Anhänger unter den Deutschen, so dass ihn ein hiesiger Fachverein noch nach dem Jahrtausendwechsel ausgezeichnet hat. Ihn, der kurz zuvor als Steinewerfer gegen Israelis an der Grenze fotografiert wurde; der angab, seine Familie sei aus Jerusalem vertrieben worden, was andere nun widerlegten. Da war es halt umgekehrt: deutsche Orientexperten konnten ja nicht Said als Literaturwissenschaftler loben. Ihn nur für Orientalismus ehren, wollten sie aber auch nicht. Also würdigten sie sein Lebenswerk und zeigten der Welt, wie sie die Sache sahen. Denn sie priesen nicht etwa Kollegen, die Said zuwider in erprobter Gelehrsamkeit fortfuhren. Sondern deren fachfremden, und wie Robert Irwin auslotet, oberflächlichen Gegner aus seiner tiefen Zerrissenheit im Kalten Krieg. Denn das waren die Umstände, unter denen Said bis 1978 in New York Orientalismus verfasst hat.

Wer fragt, wie ein Buch sein müsste, das Saids Werk überwindet, mag auch prüfen, welche Voraussetzungen sein Autor haben sollte. Gewiss die eines Orientalisten historischer Provenienz. Er bringt die Hand voll Fremdsprachen mit, darunter Latein, Griechisch und die großen Sprachen des Islam, ohne die keine Geschichte auskommt. Robert Irwin befleißigt sich ihrer. Er lehrte an der Londoner Universität Islam im Mittelalter und schrieb fünf Bücher zur arabischen Literatur, zur islamischen Kunst und über die Mamluken. So gerüstet, stöberte er in alten Kammern mit dem Ziel, im Zeittrichter Said zu entlarven.

Das hat er geschafft, wobei die zweite Buchhälfte streckenweise recht unterhaltsam ist. Dass Briten Saids Werke überhaupt je ernst genommen haben, empfindet Irwin als einen Skandal. Durch seinen Tunnelblick hatte sich Said speziell gegen die Orientalisten von der Insel gewandt. Das führt Irwin nun dazu, den Einfluss ihrer deutschen Kollegen zu betonen. Doch den Einfluss außeruniversitärer Orientalisten ignoriert er dabei punktuell, wie etwa der Islamwissenschaftler Carl Heinrich Becker in Berlin koloniale Ziele oder der Arabist Martin Hartmann den Dschihad im Ersten Weltkrieg gefördert hat. Später half die deutsche Teilung auch dem linken Orientalismus, wie er sich in Moskau und auch bei Arabern wie Anwar Abd al-Malik zeigte. Da gäbe es noch viel zu sagen. Irwin weiß das - und hat bereits einen Nachfolgeband angekündigt.

Soll man Said danken, den Dialog in Orient und Okzident beflügelt zu haben? Nein, sagt Robert Irwin, nicht wenige habe dessen Werk, das auch Körnchen der Wahrheit berge, in die Irre geführt. Irwins kluges Buch belebt den Disput. Arten orientalischer Gegenentwürfe, Okzidentalistik und Okzidentalismus bei Hasan Hanafi, Ian Buruma und Avishai Margalit sparte er aus. Indes wuchs eine Generation mit Said auf. Das sieht man an Werken von Zachary Lockman und Douglas Little über den US-Orientalistik.

Wissen aus der Rumpelkammer - oder der Mangel daran - kann plötzlich globale Folgen haben.

Robert Irwin: For The Lust Of Knowing. The Orientalists and Their Enemies. Allen Lane, London 2006, 410 Seiten, 25 Pfund.

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