Ulrike Kolb erzählt in ihrem neuen Roman "Yoram" eine alte Geschichte: girl meets boy. Sie ist hier noch etwas komplizierter, denn girl wie boy sind Deutsche, und Carla Leonhard ist dazu christlich, Yoram Schemesch jüdisch. Die Liebe steht im Schatten des Holocaust. Ulrike Kolb gewinnt ihr oft leuchtende, sinnlich aufgeladene Erinnerungsszenen ab, die die bei diesem Thema unvermeidlich drohenden Fallstricke vergessen lassen. Sie lässt Carla mit wenigen Vor- und Rückgriffen und voller Intensität von einem amour fou erzählen, der immer wieder behaupten muss, Normalität zu sein.
Carla, eine nach der Studentenbewegung antiautoritär gestimmte Ausbilderin von Kindergärtnerinnen, reist in den siebziger Jahren nach Israel, um sich im Kibbuz pädagogisch inspirieren zu lassen, und verliebt sich in Yoram Schemesch. Dessen deutschstämmige Eltern überlebten die Nazi-Jahre in Palästina, ihre Verwandten wurden umgebracht. Als Robert und Aliza Schemesch nach dem Krieg dennoch nach Frankfurt am Main zurückgingen, wo der Vater Überlebende des Holocaust als Anwalt vertreten und Yoram aufwachsen sollte, hielten viele Israelis sie für Verräter. Auch Yoram, ein Architekt, ist hin- und hergerissen zwischen Israel und Deutschland. Weil Carla jedoch schon schwanger ist, zieht er gemeinsam mit ihr nach Frankfurt.
Geschickt und sehr behutsam verwebt Ulrike Kolb die Erlebnisse des Paares mit der Familiengeschichte erst der Schemeschs, dann der Leonhards. Dass Yorams Vater, der damals Max Sonnenschein hieß, 1933 das Recht versagt wurde, als Anwalt zu arbeiten, erfährt Carla durch zufällig gefundene Papiere. Sie freundet sich mit ihrer Schwiegermutter Aliza an, in deren beherrschter Art nach und nach Ängste zutage treten, und entfremdet sich ihrer deutschen Umgebung. Denn selbst Carlas Mutter überdenkt erst nach der Geburt der Enkelin das nachgeplapperte "Die Juden sind an allem schuld".
Yoram reagiert darauf meist mit bemerkenswerter Gelassenheit, und selbst Carla scheint niemals so richtig erregt zu sein. "Yoram" erwähnt die Konflikte eher, als davon zu erzählen. Auch zwischen Yoram und Carla scheint es Auseinandersetzungen zu geben, ist doch des öfteren von Versöhnungen die Rede. Selbst als es nach Saddam Husseins Drohungen gegenüber Israel im ersten Golfkrieg zum Streit in Carlas Bibelgruppe kommt, bleibt dieser merkwürdig blass. Kolb vermag Augenblicke der Zuneigung und Zärtlichkeit zwischen Menschen ganz ohne Sentiment zu schildern - Konflikte aber sind ihre Sache weniger. Das rächt sich bei diesem hoch komplizierten, von Schuldgefühlen und Schuldzuweisungen geradezu verminten Gelände.
Sehnsucht nach Sarkasmus
Erschwerend für die 1942 geborene, in der Studentenbewegung aktive Autorin dürfte beim Schreiben ihre Nähe zu den Figuren gewesen sein. Nicht anders als Kolbs faszinierende Bücher "Roman ohne Held", "Frühstück mit Max" und "Diese eine Nacht" trägt "Yoram" autobiographische Züge, nicht anders als jene widmet sich das Buch dem Fortleben der 68er bis in die nahe Vergangenheit hinein. Wer aber den mühsam erreichten Konsens der bundesrepublikanischen Vergangenheitsbewältigung mit abgegriffenen Sätzen wie "Sie waren immer noch da, die Verbrecher, immer noch in Amt und Würden" nur bekräftigt, zeigt wenig mehr als guten Willen. Manchmal sehnt man sich in diesem milden, menschenfreundlichen Buch nach den Sarkasmen eines Robert Menasse oder Robert Schindel.
Die 68er sind für Carla mit der politischen Theorie dem "eigenen Vatermuttergefühl" ausgewichen. Nun beharrt sie darauf: Die Liebesgeschichte, mit so diskretem wie häufigem Sex, wird zunehmend zum Familienroman, der seit einigen Jahren eine Konjunktur erlebt und Kontinuität just dort schafft, wo sie bedroht zu sein scheint. Carla kritisiert ihre antisemitisch denkende Mutter, bleibt ihr aber nahe, und zweifelt schließlich, ob ihr geliebter Vater nicht doch als Arzt in Auschwitz arbeitete. Nach einem Besuch des Konzentrationslagers bricht sie zusammen, auch weil Yoram offenbar eine Geliebte hat; sie wird in eine Klinik eingeliefert.
Dass zu den historischen Ungeheuerlichkeiten nun auch noch die familiären hinzutreten müssen, wirkt in erzählerischer Hinsicht ein wenig üppig. Schade, denn zuvor hatte Ulrike Kolb zwar Yoram allzu sehr als Lichtgestalt gezeichnet, ansonsten aber die meisten Klischees vermieden: die von der jüdischen Mamme, der schuldzerfressenen Political-Correctness-Linken sowie den allzeit geistreichen Söhnen und Töchtern der Überlebenden.
Dennoch ist das Ende aufschlussreich, vor allem in geschichtspolitischer Hinsicht: Nun steht auch Carla als Opfer derselben deutschen Elterngeneration da. Die Nachkommen der Täter ziehen mit denen der Opfer gleich. Kolb lässt keinen Zweifel über das damit erreichte Remis und scheint froh, all den Konflikten zu entkommen: Sie entlässt ihre bisherige Erzählerin und beendet den Roman mit einem Epilog, in dem Yorams und Carlas Tochter Vered erzählt. Die nächste Generation übernimmt den Stab: Neues Spiel, neues Glück.