Literatur

28. September 2012

Umstrittenes Buch: Der Rachefeldzug der Ursula Sarrazin

 Von Martin Klesmann
Einst Lehrerin, nun auch Schriftstellerin: Ursula Sarrazin.  Foto: dapd

Die Ex-Grundschullehrerin Ursula Sarrazin prangert in ihrer Schrift „Hexenjagd - Mein Schuldienst in Berlin“ die Schulverwaltung an. Nun prüfen Juristen das Buch. Darin inszeniert sich die Ehefrau von Thilo Sarrazin als verfolgte Unschuld, zuweilen wird es unfreiwillig komisch.

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Berlin –  

Die Grundschullehrerin im vorzeitigen Ruhestand, Ursula Sarrazin, hat ein 289 Seiten langes Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel „Hexenjagd“ und ist eine ausufernde Rechtfertigungsschrift, mit der die heute 60-jährige Ehefrau des einstigen Berliner Finanzsenators vor allem eines beweisen möchte: Dass sie in der Bildungswüste Berlin eine überdurchschnittlich fähige Lehrerin gewesen ist. Das allerdings sahen nicht wenige Eltern und Kollegen anders. Klagen über Frau Sarrazins autoritären Unterrichtsstil häuften sich, in der Schulverwaltung gibt es eine pralle Akte mit Beschwerden.

Die verfolgte Unschuld

Nun also dreht Frau Sarrazin den Spieß um und stellt sich als ein Mobbingopfer dar: Wegen ihrer strengen, leistungsbetonten Art sei sie an der Reinhold-Otto-Grundschule in Westend so schlecht behandelt worden, dass sie sich 2011 bis zum Renteneintritt in fünf Jahren beurlauben ließ. Für Ursula Sarrazin ist sonnenklar: „Das andauernde Mobbing von Schulleiter Syska und der Schulbehörde, die mich gegen verleumderische Eltern nicht verteidigten, das Verhalten meiner Kollegen, die schwiegen und mich nicht zu unterstützen wagten, machten mich zum Freiwild.“

Ursula Sarrazin als verfolgte Unschuld – das ist das Grundmotiv des Buches. Auffällig ist, dass sie nicht nur den Schulleiter beim Namen nennt, ihm Mobbing vorwirft, ihn inzwischen sogar wegen Verleumdung angezeigt hat. Schwere Vorwürfe erhebt sie auch gegen Oberschulrat Günter Kuhring, Ex-Abteilungsleiter Erhard Laube, mehrere Eltern und einen weiteren Schulrat, die sie alle namentlich nennt. Sie zitiert dabei aus internen Schreiben und nennt den Oberschulrat einen „Schauspieler“, der ihr gegenüber nicht mit offenen Karten gespielt habe.

Unfreiwillig komisch

Angesichts dieser Indiskretionen, die nun im Handel erhältlich sind, ist man in der Senatsschulverwaltung nervös. Prinzipiell gesehen könnten solche Einlassungen womöglich als Verstoß gegen die Verschwiegenheitspflicht eines Beamten gewertet werden, heißt es in der Behörde. Begründung: Ein Beamter habe über dienstliche Interna Stillschweigen zu wahren. Auch der Straftatbestand der Verleumdung könne berührt sein. Die Hausjuristen prüfen das nun, zumal die Verwaltung dem Schulleiter bereits korrektes Verhalten attestiert hatte. Mögliche Sanktionen könnten unter anderem eine Geldbuße oder sogar eine Pensionskürzung sein.

 Hexenjagd - Mein Schuldienst in Berlin, von Ursula Sarrazin.
"Hexenjagd - Mein Schuldienst in Berlin", von Ursula Sarrazin.
Foto: Katalin Ziegler

Doch Ärger ist die rechthaberische Frau Sarrazin gewohnt. Akribisch schildert sie, wie es zu schulinternen Streitigkeiten kam. Unfreiwillig komisch wird es zuweilen, beispielsweise, wenn sie betont, dass sie nie ein Kind mit einer Blockflöte gehauen habe. Energisch bestreitet Ursula Sarrazin Vorwürfe, sie habe Kinder gedemütigt und angeschrien. Zur eigenen Entlastung führt sie das umstrittene Buch ihres Gatten – „Deutschland schafft sich ab“ -– ins Feld: „Ich will nicht ausschließen, dass die Beschwerden der türkisch- und arabischstämmigen Eltern mit der hitzigen öffentlichen Diskussion um das Buch meines Mannes zusammenhingen.“

Eines wird im Buch ganz deutlich: Nach Berufsjahren in Bonn und Mainz ist Frau Sarrazin nie wirklich angekommen in der Metropole Berlin, wohin sie Ende der 1990er-Jahre gezogen war. Sie fremdelt immer noch. Selbst die Lehrer in der Hauptstadt seien „wesentlich weniger in ein klassisches bürgerliches Umfeld integriert, als ich dies in Westdeutschland kennengelernt habe“, schreibt sie. „Ein Großteil der Kollegen sei nicht verheiratet, sondern lebe „in nicht formalisierten Verhältnissen“ oder allein, empört sich Frau Sarrazin. Spuren von Selbstkritik finden sich im Buch übrigens nicht.

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