Um, wie schon mehrfach erwähnt, die suhrkampsche Existenzkrise, die ja den Zustand einer Suhrkampbedrohung angenommen hatte, abzuwenden, um der Suhrkampexistenz somit eine Wendung und damit eine ganz andere Richtung und einen Ausweg aus dieser Suhrkampkrise, die ja eine immer umfassendere zu werden schien, zu eröffnen, wurde der Suhrkampumzug von Frankfurt nach Berlin nicht nur geplant. Vielmehr darüber hinaus wurde dieser so genannte Umzugsplan, wobei die Idee, die so wenig dumm sein darf wie die Mittel zur Umsetzung dieser Idee, als Umzugsbeschluss verkündet.
Denn da der Suhrkampverlag eben nicht nur sein geistiges, mit ihm sein kulturelles so gut wie sein symbolisches Kapital pflegen muss, sondern sein ökonomisches Kapital mindestens ebenso sehr pflegen muss wie sein kulturelles und symbolisches, kam es, wie die Verlegerin im Spiegel wissen ließ, zur Idee, wobei die "Mittel zu ihrer Durchsetzung nicht dümmer sein dürfen als die Idee selbst", denn, so wortwörtlich die Verlegerin, "sonst wird nichts draus".
Der Umzug des Suhrkamp-Verlags nach Berlin wird seit Wochen mit großem Interesse verfolgt, über Motive weiterhin spekuliert und kontrovers diskutiert. Soeben fragte die Schriftstellerin und Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz im Spiegel: "Wohin zieht Berlin?"
Die FR machte der Essay ratlos. Aus diesem Grunde ist die FR mit einem Autor in einen intensiven Kontakt getreten, und tatsächlich war er bereit, sozusagen Auskunft zu geben, angesichts der Brisanz des Themas naturgemäß anonym. Zweite Bedingung, auf die sich die FR einließ: kein Tonband, kein Papier und Bleistift, kein Foto.
Daher Berlin, daher Frankfurt nicht mehr. Ist doch Frankfurt, so verstehe ich die Verlegerin, sagt der Autor, mittlerweile als Verlagsstandort nicht nur veraltet, sondern enorm geistesarm, ja regelrecht geistesgelähmt, was nicht heißt, dass nicht auch Berlin, wenn nicht die Hauptstadt so doch die Weltstadt so gut wie Frankfurt, ebenfalls ein alter Verlagsstandort ist, an dem sich Geistesarmut und Geistesschwäche immer wieder zeigen.
Aber vieles, wie gesagt, ist hier weit weniger geistesgeschwächt oder geistesarm und wie vieles lebendiger, und zwar ganz ersichtlich lebendiger als in Frankfurt, wo es mittlerweile vollkommen unmöglich geworden ist, "neues Leben aus tieferem Verständnis des Lebendigen zu ziehen", wie die Verlegerin, wie sie schrieb, deutlich machte, meinte sie doch mit dem "tieferen Verständnis des Lebendigen" zweifellos ein radikales Verständnis des Lebendigen, eine Idee des Lebendigen, als sie über "Die Chancen der Hauptstadt" in ihrem Spiegel-Essay schrieb.
Damit nun machte sie darauf aufmerksam, wie sehr der Geistesradikalismus und Aufbruchsradikalismus, also der frankfurter, durchweg zum Erliegen gekommen sei, nicht nur zum Ermüden und Ermatten, sondern vielmehr vollständig abgestorben sei, anders als der berlinische, wo der Radikalismus weiterhin einen entsprechenden Halt am Ort, also in der Hauptstadt finde.
Aber was heißt das (sagt der Autor)? Oft führt ja erst das Zusammentreffen von Geistesermüdungserscheinungen, die für sich genommen als Geistesermüdungserscheinungen gar nicht erkennbar sind, sondern erst, wenn sie als Erscheinungen zusammenfallen, in die Einsicht, dass der Geist bereits so gut wie versiegt ist. Mit anderen Worten, so der Autor: Die Welt Frankfurts ist im gleichen Maße, wie sie eine Welt der Denklähmung und Geistesgelähmten geworden ist, nicht die suhrkampsche mehr, so wie die Welt Berlins im gleichen Maße, wie sie eine Welt des neuen Denkens ist, die zukünftig suhrkampsche werden wird.
Ermüdungserscheinungen, so der Autor, seien so gut wie Lähmungen, und schon deshalb sei es für jeden Verlag ab einem gewissen Alter annähernd unmöglich, praktisch zu gehen, also aufzubrechen, denn wie schwer ist es, mit über 50 noch einmal zu gehen. Denn mit über 50 hat man ja praktisch eine lebenslängliche Anhänglichkeit zu seinen Gewohnheiten ausgebildet, die so ungeheuer sind wie auch die Anstrengung, diese Gewohnheiten zu ändern. Ungeheuer ist nämlich die Anstrengung, die nicht nur ein einfaches Ändern der Gewohnheiten sein kann, sondern nur ein radikales Ändern der Gewohnheit.
Wo alles nur noch Gewohnheit war oder ist wie in Frankfurt, hat man schon lange keinesfalls mehr verstanden, so die Verlegerin wortwörtlich, "wie spät es ist". Was man, anders als von New York bis Moskau, jedoch nicht in Frankfurt auch nur bemerkt, geschweige denn begriffen hat, ist, wie spät es, so die Verlegerin, ist.
Sehen Sie (so der Autor), im Verlag haben sie alles durchgemacht, was man als Frankfurter in den letzten Jahrzehnten durchmachen konnte, es gibt praktisch nichts, was man im Verlag nicht mitgemacht hat als Ortsansässiger, sich der Stadt Frankfurt daher entgegengestemmt hat, wo sich doch rund um den Verlag alles immer mehr und noch mehr eintrübte, während man sich im Verlag entgegenstemmte, obwohl alles längst gänzlich trüb war.
Muss ich sagen, so der Autor, dass Frankfurt heute ein Ort ist, wo man sich, im Unterschied zur Hauptstadt, um einen Geistesradikalismus tagtäglich gebracht sieht, und nicht etwa nur geprellt sieht, sondern, angesichts der Austauschbarkeit von Menschen und Ideen, regelrecht mitenthauptet sieht. Daher entstand in diesem Klima, das man nur noch als ein Großklima der Enthauptung bezeichnen kann, der Umzugsgedanke, mit dem die Idee von Frankfurt weg und zu Berlin hindrängte, um, wie gesagt, die Krise abzuwenden, und das, obwohl die Krise auch in Berlin herrscht. Doch sie herrscht hier nicht allein, vielmehr ist die Berliner Krise eine Krise neben der von der Verlegerin so genannten "Chance".
Wo also, wie in Berlin, die Chance wartet, ist die Krise naturgemäß eine nicht so große, auch wenn die Welt eine krisengefährdete ist durch und durch, und diese Welt eine immer wieder sich selbst vernichtende Welt ist, wie wir wissen. Natürlich ist dieser Gedanke, so lange man ihn durchdenkt, kein sozusagen unbekannter Gedanke, doch mit Blick auf Berlin, die Hauptstadt, die Weltstadt, den Ort des Aufeinandertreffens der Schöpferischen und der Arbeitnehmer, erscheint er in einem ganz neuen Licht, absolut gemacht für ein neues Wirtschaften, das Wirtschaften in einer Weltstadt eben, die die Hauptstadt ist, sehr im Unterschied zu Frankfurt. Da diese Stadt, also Frankfurt, verglichen mit der Hauptstadt, eine solche Weltstadt nicht ist, ja weit davon entfernt ist, eine geistige Hauptstadt zu sein, vielmehr nurmehr eine Kleinstadt des Geistes und so fort ist, ist es so, dass die suhrkampschen Menschen und suhrkampschen Ideen in Frankfurt einen solchen Halt nicht mehr fanden.
"Alle", rief die Verlegerin daher aus, seien eingeladen, nach Berlin mitzukommen, wo es doch, wie man sich vorstellen kann, ohne deswegen gleich ein Verlagsmensch zu sein, nichts Einsameres für eine Verlegerin gibt, als ohne Mitarbeiter zu sein, nichts Einsameres, nichts Entsetzlicheres, nichts Existenzbedrohlicheres, als mitarbeiterlos zu sein. So dass es zwangsläufig, müssen wir uns vorstellen, eine Kunst ist, sich gegen das Einsame und Entsetzliche und Existenzbedrohliche zu stemmen. Und schon das, muss ich sagen, sagt der Autor, macht die Berlinexistenz zu einer hohen Kunst, im Unterschied zu Frankfurt, wo die Existenz nurmehr eine Fiktion bildet, bar jeder, hier muss es nun gesagt sein, Idee von Existenzkunst, die man mit dem Wort, und deshalb sprechen wir so von Berlin, Berlin verbindet.
Der Monolog wurde rekonstruiert von Christian Thomas.