Stewart O'Nans Roman spielt in einem Red-Lobster-Restaurant, in einer einzigen Nacht, irgendwo in der Nähe eines Highways, der verspricht einen wegzubringen - hier könnten amerikanische Träume ihren Ausgangspunkt nehmen. Für O'Nans "ganz alltägliche Leute" ist dieser Ort eher eine Endstation. Ein vermeintlich rettender "Hafen" für Gestrandete. Es ist kurz vor Weihnachten, ein Schneesturm kündigt sich an, das Red Lobster feiert letzte Vorstellung - an diesem Abend wird die Filiale geschlossen.
Manny, der gutmütige und irgendwie eigenschaftslose Geschäftsführer, hat alles einigermaßen im Griff, auch an diesem Abend; er kümmert sich um sein Personal, versucht die wenigen Gäste zufrieden zu stellen, schluckt kleine Demütigungen und bügelt Pannen aus, ist so akkurat wie man als leitender Angestellter nur akkurat sein kann. Im peniblen Blick des Geschäftsführers offenbart sich schon eine melancholische Verkennung: Die von ihm registrierten Kleinigkeiten verklären sich schneller, als er die Tür hinter sich schließen kann.
Man kann sich die Szenerie, die Stewart O'Nan aus der Perspektive des Abschiednehmenden aufbaut auch als Leser bis ins Detail hinein vorstellen. Das liegt an der sehr unaufdringlichen, erzählerischen Kunst O'Nans, aber auch an der größten Kunst Amerikas selbst: Bilder zu produzieren, die etwas Allgemeingültiges haben, überall auf der Welt funktionieren, einfach und treffend einen Zustand illustrieren. Amerikanische Kleinstadtidyllen, filmreife Verlierer, die Restaurants, die so gar nichts mit alteuropäischer Geselligkeit zu tun haben - das alles ist in diesem Buch, und zugleich ist da eine Verzerrung, die den bekannten Bildern eine Unschärfe verleiht: Als würden die Schneeflocken vor der Linse tanzen und die Konturen leicht verwischen oder zumindest durchlässiger machen. Und damit zugleich vielschichtiger.
Zögerlicher, zaudernder Held
Einiges geht am letzten Abend, an den Manny wie an ein Schicksals- und Lotterielos glaubt, schief: Noch einmal versucht er eher erfolglos die Rivalitäten der Belegschaft auszutarieren; er fällt beim Versuch, den Wagen eines Gastes anzuschieben, wie eine Slapstickfigur in den Schnee. Und die Frontscheibe seines Autos wird mutwillig zerstört. Das aber ist alles nichts gegen den Wunsch, mit sich und einer längst noch nicht ausgelöschten Liebe ins Reine zu kommen: Mit Jacquie, einer der Serviererinnen, hatte Manny eine Affäre. Er, der zögerliche, zaudernde Held, hätte sein altes Leben wagemutig gegen ein neues eingetauscht. Die Schließung des Red Lobster setzt auch der Hoffnung auf diese abenteuerliche Liebe einen Schlusspunkt.
"Letzte Nacht" ist ein heruntergebremster Roman; ganz andere Figuren als Speed Queens oder Kings reisen hier durch die Nacht: Sie bewegen sich langsam in eine unsichere Zukunft hinein; die Zeit erfährt keine Beschleunigung, sondern wird gedehnt - so lange sich ein Abschied eben dehnen lässt. Und dann kommt das Ende doch ganz rasch und unspektakulär. Es dauert nur ein paar Minuten, auch Jacquie verschwindet einfach so mit ihrem Freund Rodney. Manny fährt mit seinem demolierten Auto nach Hause, müde wie er ist von der "Dramatik" dieser Stunden - so pathetisch empfindet er das Profane.
Schwermut, unprätentiös
Die Illusion, dass am nächsten Tag alles so weiterginge wie am vorhergegangenen, nimmt er mit ins Bett. Was es für ein Erwachen gibt am nächsten Morgen, muss man sich als Leser selbst erträumen: Manny wird sich arrangieren, mit einem neuen Job, mit seiner Familie, mit seiner Mittelmäßigkeit. Nur manchmal, wenn er an dem Gebäude vorbeifährt, das einmal das Red Lobster war, wird er sich vielleicht eine kleine Sentimentalität erlauben und zurückdenken an Jacquie, an ihren Blick, den sie ihm zum Abschied als Ersatz für einen Kuss zugeworfen hat.
Stewart O'Nans schmales, eindrucksvolles Buch handelt vom menschlichen Sehnen nach einer den Moment überdauernden Liebe - und von der Wirklichkeit, gegen die diese Sehnsucht unsanft prallt. "Einmal im Leben war er der Träumer", heißt es von Manny. Vergeblichkeit und Vergänglichkeit stecken in jeder Bewegung, in jedem Gedanken, in jedem Satz - und doch stemmen sich die Helden müde gegen das Eingeständnis, ihre eigenen Träume verpasst zu haben.
Das Land, das die Shiny Happyness zur Grundform menschlicher Existenz erhoben hat, hat zugleich die melancholischsten, traurigsten, lebensdüstersten Autoren hervorgebracht - zu denen Raymond Carver gehört oder Richard Yates, aber auch Stewart O'Nan. Die notorische deutsche Schwermut kommt an diese Form der Melancholie und Einsamkeitsangst und Leere nur ganz selten heran, vielleicht weil die amerikanische Spielart nicht so prätentiös ist, sondern auf schlichte Weise wahrhaftig.
"Wahr" - wird man jetzt stöhnend hervorstoßen! Keine Kategorie des Literarischen. Tatsächlich. Aber doch der Literatur: Die tiefere Wahrheit entscheidet über den Geist eines Buches, ist das, was es zusammenhält und was über es hinausweist. In diesem Sinne darf man "Letzte Nacht" ein wahrhaftes Buch nennen. Das Spannende ist, dass eigentlich nichts geschieht: Nur dass einer das Licht ausmacht und sich in sein Leben fügt.
Stewart O'Nan: Letzte Nacht. Deutsch von Thomas Gunkel. Mare Buchverlag, Hamburg 2008, 159 S., 18 Euro.