kalaydo.de Anzeigen

Clemens J. Setz "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes": Unter Holzpuppen

Nicht ganz ausgereift: Clemens J. Setz versammelt in "Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes" Geschichten des alltäglichen Grauen über sexuelle Exzesse eines Mittelschichtpaares, Gewaltfantasien eines Kindes und Wahnvisionen diverser Zwangsneurotikerinnen.

Selten liegen bei einem Autor Stilproblem und Talent so nah beieinander wie bei dem noch nicht dreißigjährigen Autor Clemens J. Setz. Mit der Erzählung „Die Waage“ hat Setz 2008 den Ernst-Willner-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt gewonnen. Nun ist sein Erzählungsband „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ für den Leipziger Buchpreis nominiert.

Der Band versammelt Geschichten des alltäglichen Grauens, in denen Setz von den sexuellen Exzessen eines Mittelschichtpaares, den Gewaltfantasien eines Kindes und den Wahnvisionen diverser Zwangsneurotikerinnen erzählt. Mal als subtiles Horrorstück, mal als Science-Fiction-Drama oder als modernes Märchen. Den Grundton der weder psychologischen noch direkt sozialkritischen Prosa bildet ein permanenter Erregungszustand, eine untergründige Gewaltbereitschaft, die Setz in einigen Erzählungen meisterhaft verhalten dem Text unterlegt.

Ausgereift ist diese Prosa für die Leipziger Auszeichnung trotzdem noch nicht. Das lässt sich schon am ersten Satz des Bandes zeigen: „Es gab sie wie Sand am Meer, sie waren überall und allgegenwärtig, die Grauzonen von Traurigkeit, Wahnsinn und Einsamkeit in Gegenständen, Gebäuden und Situationen.“ Beim ersten Lesen ein melancholisches, poetisches Bild. Es bröckelt beim zweiten Blick und legt sprachliche Ungenauigkeiten bloß, von denen es bei Setz wimmelt.

Falsche Reihen

Der Vergleich von „Zonen“ mit „Sandkörnern“ hinkt nicht nur heftig, sondern ist völlig sinnlos: Von „Zonen“ kann man nicht sprechen, wenn sie „überall“ anzutreffen sind. Dass dem so ist, wiederholt Setz unnötigerweise in drei tautologischen Bekräftigungen. Die falschen Reihen, von denen in diesem Satz auch eine zu finden ist, fordern hingegen geradezu den Spieltrieb heraus: Welches Wort passt hier nicht zu den anderen?

Die schiefen Bilder wurden schon in Klagenfurt kritisiert. Setz hat sie nicht korrigiert. Schade, denn so kommen die expressionistischen Formulierungen und surrealistischen Traumbilder gar nicht zur Geltung. Zum Beispiel der Haarföhn, der sich aus der Schulter eines fantasierenden Jungen löst und auf den Boden tropft, oder das „blubbernde“ Geräusch eines Hubschrauberpropellers.

Der Effekt geht in der Masse der Effekte unter. Da nützt es auch nichts, wenn Setz seinen Erzählungen ironisch eine Handreichung aus dem amerikanischen Alltag mit auf den Weg gibt und die absurde Tautologie zum Programm erhebt: „Attention! / When the Train ist not stoppe / It will be constantly moving“.

Zu bedauern sind seine sprachlichen Schwächen auch, weil Setz selbst die Latten nicht gerade niedrig hängt. Eine ist Kleist mit seinem Dialog „Über das Marionettentheater“. Kleists Hymne auf die Grazie der Holzpuppen zitiert Setz in der titelgebenden Kunst-Geschichte.

Im Glashaus

Nicht die Grazie wie bei Kleist, aber das Gefühl und vielleicht auch die Möglichkeit von Vollkommenheit oder Radikalität der Kunst sind bei Setz ins Unbelebte ausgelagert: in blasenschlagende, hochansteckende Visitenkarten, aber auch in die menschlichen Figuren. Diese expressionistischen Irren und modernen Maschinenmenschen sind bei Setz allesamt erstarrt, gefangen in ihren Zwängen und Neurosen: Holzpuppen.

Setz selbst legt es auf den Vergleich mit klassischen Autoren und Texten an und spottet über vermeintlich „eindimensionale Frauen-Figuren in Judith-Hermann-Geschichten“. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen: Abgesehen davon, dass Judith Hermann eine genaue Erzählerin ist, schreibt Setz selbst seine Figuren schließlich alle auf eine Störung hin.

Sie funktionieren nach einem Prinzip: dem, unbelebte Materie zu sein, auf die nur der Abglanz der „Grauzonen von Traurigkeit, Wahnsinn und Einsamkeit in Gegenständen, Gebäuden und Situationen“ fällt. Nur in einigen Geschichten entspricht die auf Schock kalkulierte Kälte des Erzählers der sprachlichen Präzision, die unabdingbar ist, wenn man mit so hohem Anspruch Psychologie und Pointen vermeidet und sich auf die Kraft des Nicht-Erzählten verlässt. Dass Clemens Setz dafür Talent hat, zeigt die erste und beste Erzählung, „Milchglas“. Unheimlich und höchst realistisch entwickelt er den sadistischen Trieb eines Jungen und eine alptraumhafte Kindersicht auf die Erwachsenenwelt. Indem das Kind seine brutalen, dunklen Fantasien erzählt, verdrängt es die Wirklichkeit. Da klingt auch eine der poetologischen Reflexionen an, die den Geschichten des Bandes manchmal eingeschrieben sind.

Die Lust am Bild, am Schock, am Witz und an einer Gewalt, die mal furchterregend ist, mal auf der Grenze zur Komik steht, gelingt in den anderen Erzählungen nicht mehr auf diese Weise. In „Der Schläfer erwacht“ fällt eine sehr konventionell erzählte Eheproblematik völlig ab gegen den böse und hochkomisch beschriebenen Universitätsalltag. Dem sexuellen Exzess des Paares in „Die Blitzableiterin oder Éducation sentimentale“ fehlt die Poesie der erotischen Literatur eines Genet, der Witz der Eskapaden von Nonnen und Mönchen bei Pietro Aretino und die Besessenheit eines Josef Winkler.

Bei Clemens Setz aber bleiben nur ein schaler Geschmack und der Verdacht, dass hier die Gewaltspirale um des Effekts willen bis zum Säuglingsmissbrauch und alberner Sperma-Vinaigrette getrieben wurde. Als Parodie auf Horror- und Porno-Genre und deren Spiel mit voyeuristischer Faszination, Grauen und Komik taugt dieser Text andererseits auch nicht.

Die Wirkung des Bandes, dessen Anordnung an sich präzise komponiert ist, wäre eine andere gewesen, hätten Autor und Verlag kritischer ausgewählt. Auf langweilige Texte wie „Die Visitenkarten“, deren Motiv zu schwach ist, um die Erzählung zu tragen, hätte man verzichten können. Ebenso auf nette, aber fade Einfälle wie die Mütter oder die zwar immer wieder gute, aber wenig originelle Wissenschaftsparodie. Die Lacher sind einem da gewiss, aber auch zu billig zu haben.

Kleist stellte die Frage nach Vollkommenheit in der Kunst; Setz verwandelt sie in die Suche nach dem letzten Level eines Computerspiels. Man traut ihm zu, ihn zu finden. Erreicht hat er ihn aber noch nicht, wie die „Kohlensäurebläschen, die sich eine gewisse Zeit lang an die Innenseite des Wasserglases klammern, bevor sie loslassen und in die Höhe davontrudeln.“

Clemens J. Setz: Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes. Erzählungen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 350 S., 19,90 Euro.

Autor:  Insa Wilke
Datum:  14 | 3 | 2011
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

TV

Gestern ferngesehen? Wir auch! Diskutieren Sie mit!

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.