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Literatur

26. Januar 2016

Verbannte Schullektüre: Romeo und Julia in Nahost

 Von 
Dorit Rabinyan, Tochter jüdisch-iranischer Eltern.  Foto: afp

Ein Palästinenser und eine israelische Jüdin: Das darf aus Sicht der Nationalreligiösen in Israel nicht sein. Eine Begegnung mit Schriftstellerin Dorit Rabinyan, deren höchst erfolgreiche interkulturelle Liebesgeschichte „Gader Haya“ diffamiert wird.

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Liat ist eine israelische Akademikerin, Hilmi ein palästinensischer Künstler aus dem Westjordanland. Sie begegnen sich an einem Wintertag in New York und verlieben sich. So verschieden die beiden sind, gemeinsam ist ihnen die Sehnsucht nach ihrer Heimat, dem warmen Nahostklima. Aber als sie an Rückkehr denken, zerbricht die Beziehung. Sie lässt sich nicht loslösen von ihrer Identität, ihren Familien, ihrer nationalen Zugehörigkeit.

Von dieser Liebe und ihren mächtigen Gegenkräften handelt der jüngste Roman von Dorit Rabinyan. „Gader Haya“ (Es was eine Mauer) heißt der Titel in hebräisch, „Borderlife“ die englische Ausgabe, auf deutsch kommt das Buch bei Kiepenheuer & Witsch im Herbst heraus. Wahrscheinlich wird die Geschichte demnächst auch in Hollywood verfilmt. Der Wirbel, den sie in Israel auslöste, hat sich ungemein verkaufsfördernd ausgewirkt. Die eher zartbesaitete Rabinyan hätte allerdings auf die Wellen der Empörung gerne verzichtet.

Es war ja nicht nur so, dass ihr preisgekröntes Werk Ende Dezember auf Beschluss des israelischen Erziehungsministeriums von der empfohlenen Literaturliste für Schulen flog, weil es angeblich einer ungewünschten Assimilation Vorschub leiste. Die 43-jährige Rabinyan, die aus einer jüdisch-iranischen Einwandererfamilie stammt, sah sich auch persönlich einer von den Nationalreligiösen angezettelten Diffamierungskampagne ausgesetzt.

Erziehungsminister Naftali Bennett vom „Jüdischen Heim“ unterstellte ihr im Fernsehen zur besten Sendezeit gar, „israelische Soldaten als sadistische Kriegsverbrecher“ verunglimpft zu haben. Das Buch hatte er offensichtlich nicht gelesen. Darin wird lediglich in einer Szene erzählt, wie der Romanheld als Teenager wegen Sprühens politischer Parolen verhaftet und misshandelt wird. Eine Erfahrung, die Palästinenser tausendfach gemacht haben.

Sie bemüht sich, dem Skandal Positives abzugewinnen

„Der Schreibprozess hat immer mit Kontrolle über die Figuren zu tun“, sagt Rabinyan bei einem Treffen in einem Tel Aviver Café. Sechs Jahre lang hat sie an diesem Buch gearbeitet und gefeilt, um den Klischeefallen zu entgehen und die Charaktere vielschichtig anzulegen. „Aber in den vergangenen vier Wochen habe ich mich gefühlt, als ob ein Fremder die Fäden in meinem Leben zieht.“

Sie lächelt. „Es war eine Lektion, einfach los zu lassen.“ Überhaupt bemüht sie sich, dem Skandal Positives abzugewinnen. Es gab schließlich eine Menge Reaktionen, die ihr Vertrauen in die israelische Demokratie bestärkt haben. Ohne jeden Abstrich hielten auch die israelischen Schriftstellerkollegen zu ihr, von Amos Oz über A.B. Yeshoshua, Nir Baram bis Zuriya Shalev. „Sonst arbeiten wir alle solo, aber in diesen Wochen waren wir ein Team.“ Eine Art „literarisches Heim“ in Opposition zu Bennetts nationalistischem „jüdischem Heim“.

Der Bannstrahl über ihr Buch lasse sich überdies, so Rabinyan, „als Tribut an die Macht der Literatur“ verstehen. Mal abgesehen von der Nebenwirkung, dass ein als Schülerlektüre für ungeeignet befundener Stoff die nicht eben ausgeprägte Leselust in der jungen Generation stärken dürfte. Nur, woher rührt die Einstellung von Erziehungsbeamten, eine von den Literaturkritikern hochgelobte Love Story, deren Scheitern schon im Entstehen angelegt ist, könnte die Jugend auf falsche Gedanken bringen? Und das gerade in Israel, dem Volk der Bücher? Auch in der Bibel finden sich genügend Beispiele unkonventioneller Liaisons.

Die Angst von Juden nach 2000 Jahren in der Diaspora vor einer Assimilation, einem Verlust an Identität, mag tief sitzen. Aber mit der Realität in Israel, wo sich pro Jahr gerade mal zwanzig jüdisch-arabische Paare das Ja-Wort geben, hat sie wenig zu tun. Rund siebzig Prozent der Israelis und auch der Palästinenser sind ohnehin gegen interreligiöse Heiraten. Beide Völker seien sich ihrer nicht sicher, glaubt Rabinyan. „Unser Staat hat keine klaren Grenzen, und ihr Staat ist nicht definiert.“

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Vor allem aber missfalle den rechten israelischen Ideologen, dass ihr Buch die Palästinenser als menschliche Wesen darstelle, als Partner. „Es gibt das politische Klima von heute in Israel wieder“, sagt Rabinyan. Die Extremisten verhielten sich wie ein Stamm, der in jedem fremden Stamm den potenziellen Feind erblicke. „Sie wollen nicht, dass ein junger Israeli einen Palästinenser aus anderer Perspektive sieht als in den Nachrichten.“

Das dürfte auf palästinensischer Seite nicht viel anders sein, so angetan sich auch einige Freunde dort, die Hebräisch verstehen, über das Buch äußerten. Über die Geschichte zweier Liebender, die sich selber als Kosmopoliten sehen. Über Romeo und Julia, wenn man so will, in der modernen Nahostvariante, zerrissen im „Borderlife“ zwischen New York, Tel Aviv und Ramallah.

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