Nun werden Sie achtzig Jahre alt. Ihr Vater starb, als er achtzig war.... Ja, das gibt mir zu denken. Aber was soll´s. Wenn ich sterbe, sterbe ich. Ich habe einen großen Trost. Unseld und Ammann waren meine Vorbilder. Ich wusste genau: So darf ich es nicht machen. Susanne Schüssler leitet seit acht Jahren den Verlag. Sie macht das großartig. Der Verlag ist schuldenfrei. Das macht mich sehr froh. Da kann ich ruhig sterben. Wenn es denn sein muss.
Sie haben keine Angst? Nein. Es gibt einen einfachen Grund: der 8. Mai 1945. Das war eine solche Befreiung! Ich hatte den Krieg überstanden. Ich hatte die Nazis überstanden. Wir waren glücklich. Ich feiere dieses Datum bis heute jedes Jahr. Mit einer Flasche Rotwein einer Güte, die ich mir gerade noch leisten kann. Wovor soll man Angst haben, wenn man die Nazis überlebt hat? Wir wohnten damals in einer Baracke für Ausgebombte. Mein Vater setzte sich sofort aufs Fahrrad und fuhr von Lich nach Gießen und bot der Besatzungsmacht, den Amerikanern, seine Hilfe an. Als er zurückkam, sagte er: Ich bin Landrat. Mein Bruder und ich, wir lachten. Wir hielten ihn ja für völlig unfähig. Das hatte meine Mutter uns beigebracht. Ich habe ihn dann oft auf seinen Landratsfahrten begleitet und ihm beim Aufbau der Demokratie zugeschaut. Dabei habe ich viel von ihm gelernt. Aber auch die Lektion meiner Mutter habe ich nicht vergessen. Noch heute, wenn Frauen mir etwas sagen, widerspreche ich ungern.
Klaus Wagenbach, am 11. Juli 1930 in Berlin-Tegel geboren, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Archäologie in München und Frankfurt. Er promovierte über Franz Kafka und arbeitete als Lektor für S. Fischer, bevor er 1964 zusammen mit seiner damaligen Frau Katja Wagenbach einen eigenen Verlag gründete. 2002 übernahm seine heutige Frau Susanne Schüssler gemeinsam mit seiner Tochter Nina Wagenbach die Verlagsleitung.
Klaus Wagenbach: Die Freiheit des Verlegers. Erinnerungen, Festreden, Seitenhiebe. Hrsg. von Susanne Schüssler, 352 Seiten, 19,90 Euro.
Sie sind ja erst seit ein paar Jahren ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft. Jahrzehntelang wurde gegen Sie vorgegangen. Mit Drohungen, ökonomisch und mit der Polizei. Ja, ja. Die Italiener waren die ersten, die mir einen Orden gaben. Das war 1988. Im Jahr darauf bekam ich ein erstes Bundesverdienstkreuz. Zehn Jahre später eines mit Stern.
Sie sind auch Ritter der französischen Ehrenlegion. Ja. Aber vorher hatte ich einen Prozess nach dem anderen. Habe alle verloren. Allerdings: Der Verlag konnte weiterarbeiten.
Dank Otto Schily! Ja, ja. Er war ein großartiger Anwalt. Später hat er manchmal vergessen, dass die Bürger die Polizei beaufsichtigen müssen. Man muss sich das vorstellen. Der Einzige, der in der Kurras-Geschichte verurteilt wurde, war ich. Ich hatte die Erschießung Benno Ohnesorgs einen Mord genannt. Das war strafbar. Die Erschießung durch den Polizisten Kurras war es nicht. Als jetzt rauskam, dass Kurras nicht nur für die Westberliner Polizei, sondern auch für die Stasi gearbeitet hatte, da haben sich viele seiner damaligen Fürsprecher geärgert, dass Kurras damals nicht verurteilt worden war. Aber es ist Unsinn, dass man wegen dieser Entdeckung die Geschichte umschreiben müsste. Kurras war ein schießwütiger Idiot. So jemand darf nicht in der Polizei arbeiten.
Jetzt aber machen Sie schöne Bücher zur Kunstgeschichte und sind ein angesehener Mann. Schuldenfrei, habe ich gerade erfahren, und Sie tragen immer noch jeden Tag demonstrativ rote Socken. Kunstgeschichte war meine erste Liebe. Ich hatte bei Harald Keller in Frankfurt am Main studiert und gelernt, wie man Bilder anschaut. Mit genauem Blick auf die Ästhetik und die Geschichte. Das hat mich sehr beeindruckt. Alan Bennetts "Die souveräne Leserin" ist unser erster Bestseller. 350000 Exemplare. Von Erich Frieds Liebesgedichten haben wir insgesamt 800000 Exemplare verkauft. Aber das dauerte Jahrzehnte. Bennetts Buch von der literarischen Aufrüstung der Queen verschaffte uns Luft. Wir haben sofort eine politische Reihe gestartet: "Politik bei Wagenbach". Mit kompakten Büchern zu aktuellen Themen. Sibylle Thelen hat ein kluges, abwägendes Buch über "Die Armenierfrage in der Türkei" geschrieben und Tillmann Löhr plädiert für ein Europa des Asyls. Gut geschriebene, klar argumentierende Bücher zu wichtigen Themen. Aber das Interesse der Presse und des Publikums hält sich noch sehr in Grenzen.
Bennett... Wir hatten keine Ahnung, was ein Bestseller ist. Das Bändchen war in der Reihe Salto erschienen. Da ging uns das Leinen aus, die Klischees für das Umschlagfoto wurden zum Problem. Papier. Drucktermine. Alles, alles. Aber wir haben es geschafft. Ich habe die Druckerei gefragt: Wer ist jetzt vor uns dran? Reclam! Ich rief bei Reclam an, schilderte denen die Lage und fragte sie, ob sie uns nicht ausnahmsweise mal vorlassen könnten. Sie haben uns gelassen. Die Verlagswelt besteht nicht nur aus Konkurrenzkampf und Krieg. Es gibt auch Freundlichkeit.
Und im Verlag? Sind Sie der Patriarch? Der, der im Hintergrund doch alles entscheidet? Diese prächtige, wunderbare, aber doch wahrscheinlich nahezu unbezahlbare Vasari-Ausgabe, die ist doch auf Ihrem Mist gewachsen? Herzklausel!
Wie bitte? Herzklausel. Wir machen ein Konsensprogramm. Alle Lektoren müssen zu jedem Titel Ja sagen. Aber es gibt die Herzklausel. Wenn einer einen Titel gegen alle anderen doch machen möchte, dann fragen wir ihn, ob sein Herz daran hängt. Sagt er ja, drucken wir ihn. Ist es dann aber doch nichts Rechtes, dann wird er geschmäht. Das ist aber keine Frage der Auflage, des finanziellen Erfolges, sondern, ob das Buch ein gutes Buch ist oder nicht. Darüber kann man, wenn es eine Weile da liegt, leichter entscheiden. Der Konsens hat große Vorteile, aber auch schreckliche Nachteile. Wir können zum Beispiel nur Bücher veröffentlichen, die in Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch und Spanisch geschrieben sind. Ich würde gerne auch russische Literatur veröffentlichen. Aber wir lesen kein Russisch. Wir können nur aus den Sprachen übersetzen, die wir alle - natürlich mehr oder weniger gut - können. Der Konsens bedarf der Herzklausel - Minderheitenschutz.