Literatur

26. November 2007

Verlorener Sohn: Weil ich ein Künstler bin

 Von YAAK KARSUNKE
Nach Florian Havemanns Flucht heulte Wolf Biermann: "Kluge Kinder sterben früh..." Foto: ddp

Im Namen des Vaters: Heute erscheint Florian Havemanns Autobiographie. Sie ist wohl als Skandal gedacht. Robert Havemann, der DDR-Dissident, kann sich nicht mehr wehren. Wolf Biermann könnte. Wenn er wollte.

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Kinder berühmter Männer haben oft das Problem, nicht als eigenständige Menschen, sondern nur als Produkt ihres jeweiligen Erzeugers wahrgenommen zu werden. Von Goethes Sohn weiß man, dass er einen berühmten Vater hatte, an den er in keiner Beziehung heranreichte, er starb dann auch früh. Florian Havemann ist der Sohn von Robert Havemann, der als Widerstandskämpfer von den Nazis zum Tode verurteilt, 1945 aber von der Roten Armee befreit worden war. In der 1949 gegründeten DDR machte der überzeugte Kommunist zunächst Karriere, entwickelte sich dann jedoch zum innerparteilichen Systemkritiker, der seine Einwände gegen die - wie er es sah - Fehlentwicklung der DDR in einer Vorlesungsreihe an der Humboldt-Universität ab Herbst 1963 öffentlich machte.

Im März 1964 wurde er daraufhin aus der SED ausgeschlossen, in der Folge verlor er alle Ämter und Funktionen, nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann - mit dem Havemann befreundet war - wurde er für über zwei Jahre unter Hausarrest gestellt.

Von Sohn Florian erfuhr die Öffentlichkeit erstmals, als der damals Sechzehneinhalbjährige im August 1968 gegen den Überfall der Warschauer-Pakt-Staaten auf die CSSR protestierte und deswegen zu drei Jahren Haft verurteilt wurde: Walter Ulbricht persönlich verfügte seine vorzeitige Entlassung am 22. Dezember 1968. Knapp drei Jahre später floh Florian in den Westen.

Vater Robert - der ein extrem systemtreuer Systemkritiker war - verurteilte das als Verrat am Sozialismus, und sein damals ebenfalls noch DDR-gläubiger Freund Biermann sang dem Flüchtling noch ein gehässig-besserwisserisches Liedchen hinterher: "Enfant perdu"… Dass der derart Abgewatschte das Bedürfnis verspürte, sich für die Unbill zu revanchieren, ist verständlich, brieflich drohte er seinem Vater an, ihm den "Glorienschein vom Kopf reißen" zu wollen. Es dauerte dann knapp sechs Jahre, bis im Herbst 1978 der Spiegel Florians literarischen Vatermord auf vier Seiten veröffentlichte, was damals für einigen Skandal sorgte.

Das ist alles lange her, Florian Havemann mittlerweile 55 Jahre alt, verheiratet und Vater von drei Kindern. Heute versteht er sich - wie er nicht müde wird zu versichern - als "Künstler", der künstlerische Erfolg aber ist ausgeblieben. Die größte Aufmerksamkeit hat er mit dem Skandal von 1978 errungen - jetzt versucht er es mit einem Remake auf rund elfhundert Seiten, dessen Titel sein einziges Betriebskapital nennt: den Vatersnamen.

Wir erfahren also noch einmal, dass Robert dem Alkohol und den jungen Frauen mehr als zugetan war, und - weil ja jetzt mehr Platz ist als seinerzeit im Spiegel - auch sonst noch allerlei Ehrenrühriges und Abstoßendes über "Papi", wie Sohnemann ihn immer genannt hat. Nur ist Robert inzwischen verstorben (1982), und eine Leichenschändung ersetzt einen Vatermord nur ungenügend, aber Wolf Biermann ist ja noch da. Dessen Ausbürgerung durch die DDR-Machthaber erwies sich als einer ihrer schwersten Fehler, aber in Wirklichkeit - lesen wir nun - war Biermann gewarnt worden, von Margot Honecker persönlich am Vorabend seiner Westkonzertreise, und intim geworden ist sie mit ihm anschließend auch noch. Beweisen kann der Verfasser das nicht, will es auch nicht so richtig behaupten, aber er hat's halt gehört, nun erzählt er es bloß weiter, und wenn Biermann ihm das Gerüchte-Kolportieren etwa untersagen lassen wollte: "ein Verfassungsrichter wird sich zu wehren wissen".

Denn das ist dieser Künstler nämlich tatsächlich: Verfassungsrichter im Bundesland Brandenburg, gewählt auf Vorschlag der PDS, der Nachfolgepartei jener SED, die seinen Vater ausgeschlossen und bis zu seinem Tod drangsaliert hat, und deren Strategen es sicher für einen besonders raffinierten Schachzug hielten, sich den Namen ihres prominenten Opfers post mortem auf dem Umweg über seinen Sohn zu sichern. Und der ist so stolz auf den dergestalt erworbenen Titel, dass er ihn alle paar Dutzend Seiten bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit vorzeigt; diese lächerliche Eitelkeit ist das einzig wirklich Komische in dem sonst völlig humorfreien Buch.

Wolf Biermann und Robert Havemann sind nicht die einzigen Hassobjekte in dieser monströs aufgeschwemmten Klatschkolumne; wer immer ein bisschen erfolgreicher ist als der Verfasser, hat eine gute Chance, mit Verbalinjurien, Indiskretionen, Unterstellungen und Verdächtigungen an den Pranger gestellt zu werden. Am liebsten wäscht Florian Havemann anderer Leute schmutzige Wäsche - und anschließend die eigenen Hände in Unschuld. Er war es ja gar nicht, er konstatiert doch nur, gibt halt seine eigene Sicht wieder in endlosen Selbstbespiegelungen, die beweisen sollen, was er für ein sensibler, reflektierter und kreativer Kopf ist, "weil ich ein Künstler bin", wie er mehrfach beteuert.

Die Sprache, in der er das darlegt, beglaubigt diese Behauptung nicht. Die Sätze kommen geschraubt und gestelzt daher ("das war es, was diese so stark wirkende Sensation von Jimi Hendrix ausmachte"), auch herrscht eine verbale Wichtigtuerei vor, die den Leser ständig bevormunden und einschüchtern will, "bei mir bleibt nichts uninterpretiert und ohne Kommentar einfach so stehen".

Diese Geschwätzigkeit mag Florian Havemann für Produktivität halten - doch es ist bloß die Tonnen-Ideologie des alten Ostblocks: Die Masse muss es bringen. Der tatsächliche Ertrag bleibt gering, erst auf Seite 1026 findet sich die späte Erkenntnis: "ich leide offensichtlich unter Wiederholungszwang". Das hatte der Leser schon längst gemerkt.

Florian Havemann: Havemann. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007, 1099 Seiten, 28 Euro.

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