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Versionen der Wirklichkeit

Viele wollen Astrid Proll sehen. Star-Rummel um ein ehemaliges Gründungsmitglied der RAF? Der Trubel um den aktuellen Kinofilm "Der Baader-Meinhof-Komplex" scheint das Interesse an den Protagonisten jedenfalls enorm zu steigern.

Zwanzig Minuten vor ihrem Auftritt ist am Spiegel-Stand kein Platz mehr frei. Viele wollen Astrid Proll sehen. Star-Rummel um ein ehemaliges Gründungsmitglied der RAF? Der Trubel um den aktuellen Kinofilm "Der Baader-Meinhof-Komplex" scheint das Interesse an den Protagonisten jedenfalls enorm zu steigern.

Astrid Proll ist von dem "Hype" genervt. Daraus macht sie im Gespräch mit Spiegel-Redakteur Michael Sontheimer kaum einen Hehl. Klar, auch sie lese die Bücher, sehe sich Filme über die RAF an, "weil ich mich für Filme interessiere". Ihr Blick auf die vielen Versuche, die Zeit des linken Terrors in Deutschland in Worte und Bilder zu gießen, ist dennoch ein anderer. Sie war dabei.

Astrid Proll, heute 61 Jahre alt, Autorin und Fotografin, gehörte zur ersten Generation der Rote Armee Fraktion. Zusammen mit Gudrun Ensslin und Andreas Baader war sie nach 1968 in den Untergrund gegangen, drei Jahre später verhaftet und 1974 wegen Verhandlungsunfähigkeit entlassen worden. Es folgte eine Flucht nach England, die erneute Festnahme, die Auslieferung an Deutschland und eine Verurteilung.

In deutschen Kinos kann sich das Publikum derzeit Katharina Wackernagel in der Rolle der Astrid Proll ansehen. Wie nah kommt sie der realen Person? Wie nah kommen all die Schauspieler, die Buchautoren und Filmemacher der Wahrheit wirklich? Eines wird an diesem Nachmittag deutlich: Die Version der Geschichte, die Regisseur Uli Edel und Produzent Bernd Eichinger gerade auf die Leinwand brachten, scheint nicht die der Astrid Proll zu sein. Der Film habe sie geärgert, sagt sie - mag dann aber nicht genauer darauf eingehen, warum. Stattdessen verweist sie auf ältere Verfilmungen, die nicht nur zeitlich näher am Geschehen seien, etwa Margarethe von Trottas "Die bleierne Zeit" von 1981.

Doch dann geht es um andere, um Baader, um Ensslin und um Meinhof - die "Stars" der RAF, damals wie heute. Astrid Proll, die 61-Jährige mit dem rostroten, halblangen Haar, der gänzlich unprätentiösen Kleidung und den bequemen schwarzen Schuhen, rückt in den Hintergrund. Schade. Dabei hätte sie vermutlich viel zu erzählen, über ihre Beweggründe, ihre Flucht, ihre Haft, ihr Leben nach der RAF - vorausgesetzt, sie würde davon erzählen wollen. Nur kurz beschreibt sie die eigenen Haftbedingungen, dann geht es wieder um Ulrike Meinhof.

Im Video: Astrid Proll über die Haftbedingungen (sorry für die grottenschlechte Qualität, besonders der Ton hat gelitten).

Tonbandaufzeichnungen aus dem Prozess werden eingespielt, darunter Ulrike Meinhofs Äußerungen über Gruppenzwang und Verrat. Eine verstecktes Angebot zur Kooperation? Astrid Proll, mit zeitweise zusammen mit Ulrike Meinhof inhaftiert war, begibt sich nicht auf das Glatteis solcher Theorien. Wozu ein solcherart getarntes Angebot? Hätte Meinhof mit den Behörden zusammenarbeiten wollen - dann wäre sie hingegangen und hätte es einfach getan, meint Astrid Proll.

Am Schluss dann geht es doch noch einmal um sie. Was sie heute dabei empfinde, dass sie damals in der RAF war, fragt eine Zuhörerin. Astrid Proll lässt sich Zeit mit der Antwort, schüttelt mehrmals den Kopf, zuckt die Schultern. Es wirkt so, als wittere sie die Forderung nach einem öffentlichen Reue-Bekenntnis. "Ach wissen Sie", sagt sie dann, "das ist lange her." Wieder klingt es genervt.

Autor:  Monika Porrmann
Datum:  17 | 10 | 2008
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