"Mein Medium ist die Prosa", hat W. G. Sebald geschrieben, und er ist stets vor allem als Erzähler wahrgenommen worden, von "Schwindel. Gefühle" bis "Austerlitz". Sven Meyer, der Herausgeber des neuen Bandes mit gesammelter Lyrik, macht die Gegenrechnung auf: Das erste veröffentlichte literarische Buch war das Langgedicht "Nach der Natur", und Sebald habe immer, schon als Student und bis zuletzt, auch Lyrik geschrieben, gelegentlich auch in Zeitschriften publiziert; seine letzte Arbeit bestand aus lyrischen Bagatellen, die zu Radierungen von Jan Peter Tripp entstanden waren ("Unerzählt", postum 2003 erschienen). Lyrische Formen, wenngleich es sich durchweg um Prosagedichte handelt, freirhythmisch, reimlos, haben Sebald zur Flucht aus der akademischen Germanistik verholfen, und sie verhelfen seinen Lesern nun zu einem letzten Buch.
"Über das Land und das Wasser" besteht aus zwei Abteilungen früher Gedichte bis in die Mitte der 80er Jahre, die er selbst noch für den Druck eingerichtet hat, und einer dritten, die aus einzeln veröffentlichten Gedichten seit "Nach der Natur" besteht - sozusagen eine fiktive Ausgabe letzter Hand. Tatsächlich lässt sich hier ein schriftstellerisches Werk auf 100 Druckseiten in seiner Entwicklung verfolgen: die Arbeiten des Studenten sind prätentiös, weisen einige der gesuchten Anachronismen des Erzählers auf; im "Triptychon" einer Reise nach Brüssel gibt es pro Zeile mindestens eine Anspielung für Freunde der Sub-, Inter- und Hypotextsuche von der Renaissancemalerei bis zu Faulkner, allerdings noch ziemlich unlesbar. Sebald zeigt sich hier als einer der Autoren, die Wert darauf legen, dass der Kalauer nicht aus Calau, sondern aus Luckau stammt - oder war's Nassau?
Dieses Bild verändert sich im Verlauf der Sammlung, soll heißen: Sebald entspannt sich, es finden sich gelungene historische Miniaturen über Schumann, Cechov, Chopin, ein dezent humoristisches Gedicht über den toten Beethoven, der manchmal nachts noch in sein Museum kommt und komponiert, ein Stück, nur "mit dem Hörrohr/ zu hören". Das Gedicht "Marienbader Elegie" kommt dann wieder recht bedeutungsschwanger daher, das lyrische Ich betrachtet im Museum zu Marienbad die Relikte von Goethes Reise und trudelt in einen typisch Sebaldschen Gedankengang. Was wissen wir denn, wenn wir wissen, dass diesem Ich die Dochtschere, der Siegellacksatz, eine Federzeichnung von Frau, nein Fräulein von Levetzow näher gegangen sind als das Faksimile von Goethes Gedicht selbst? Natürlich wissen wir, dass es sich um ein ganz ausnehmend mitfühlendes Ich handelt, mitfühlend mit den Verlierern, den Vergessenen, Toten, Unbekannten, Entnervten der Geschichte. Dennoch: Sebalds Leidenschaft für die Romantiker und Melancholiker des 19. Jahrhunderts ist ganz überzeugend, wie schon sein Essayband "Logis in einem Landhaus" (1998) gezeigt hat, und gelegentlich könnte angesichts einiger Gedichte gefragt werden, ob dieser Autor nicht, entgegen seines Rufs, doch so etwas wie Humor besessen hat: "In den Treibhäusern/ lauern die Gurken", heißt es etwa in dem Gedicht "Durch Holland im Finstern", der Transport des toten Cechov in einer Austernkiste nach Moskau wird beschrieben, und in "Ausreise aus Bayern" zeigt sich am Ende Sankt Dionysius am Kabinenfenster, "einsamer Fahrgast/ mit dem Kopf unterm Arm". Der enthauptete Märtyrer Dionysius, einer der vierzehn Nothelfer, hilft bei Kopfweh und Tollwut. Die späten Gedichte sind karg, manchmal fast ruppig, die Verse werden kürzer, Zeilenbrüche sind oft mitten im Wort gesetzt. Die inszenierte Sensibilität, das Selbstmitleid der Prosabücher findet sich in den Gedichten kaum, ebenso wenig wie sie - mit einer Ausnahme, einem Gedicht zu einem Bild von J. P. Tripp - illustriert sind.
Der Lyriker unterscheidet sich vom Erzähler Sebald also durchaus, obwohl sich dessen große Themen wiederfinden und das geschichtspessimistische Bild Deutschlands auch hier artikuliert wird; so lässt er eine Fremdenführerin in Berlin den Potsdamer Platz kommentieren: "überhaupt sehr geschichts/ trächtiger Boden ständig/ stößt man/ beim Graben auf Leichen".
Das heldenmütige Anliegen, den apokalyptischen Tendenzen des vergangenen Jahrhunderts durch Kunst trotzen zu wollen, verficht der Lyriker nicht, die große historische Recherche zur Aufbewahrung von Leidensgeschichten anderer ist in diesen schroffen Gedichten nicht gut möglich. Sie tritt zurück zugunsten von Momentaufnahmen eines heutigen Deutschland, die man so von Sebald nicht unbedingt erwartet hat.
W. G. Sebald: Über das Land und das Wasser. Ausgewählte Gedichte 1964 - 2001. Hrsg. von Sven Meyer. Hanser Verlag 2008, 117 S., 14,90 Euro